Seit 00:05 Uhr Fazit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteBüchermarktAlphabet der Einsamkeit28.04.2008

Alphabet der Einsamkeit

Hiromi Kawakami über eine moderne Single-Frau

Den Liebhabern japanischer Küche oder dem hoch gezüchteten Gaumen eines Gourmets, dem schon beim Nennen eines Gerichts die Säfte im Mund zusammenlaufen, muss der Roman von Hiromi Kawakami wie ein Garten Eden vorkommen. Kaum hat man mit dem Lesen begonnen, schon flanieren die herrlichsten Gerichte wie auf der Endlosschleife einer Sushi-Bar am Auge vorüber - auch Nase und Ohr bleiben nicht ungeschoren.

Von Marli Feldvoss

Blick auf die japanische Hauptstadt Tokio (Stock.XCHNG / Eugenie Koo)
Blick auf die japanische Hauptstadt Tokio (Stock.XCHNG / Eugenie Koo)

Gelbschwanz-Teriyaki. Abalonen-Sashimi. Eigentlich will die Ich-Erzählerin zunächst nur berichten, wie sie und ihr Lehrer, Harutsuna Matsumoto-Sensei, fortan nur "der Sensei" genannt, sich zufällig wiedergetroffen haben.

Angefangen hatte es so: Er saß kerzengerade an der Theke, ich setzte mich neben ihn. "Eine Portion Thunfisch mit fermentierten Sojabohnen, einmal gebratene Lotuswurzel in süßer Sojasoße und eingelegte Perlzwiebeln dazu, bitte!" rief ich dem Wirt zu. Der ältere Mann neben mir bestellte nahezu gleichzeitig eben diese Gerichte.
Erstaunt über die Übereinstimmung zwischen mir und diesem Opa sah ich ihn mir genauer an. Auch er musterte mich. Sein Gesicht kam mit irgendwie bekannt vor.
"Sie sind doch Tsukiko Ōmachi?" sprach er mich an.
Als ich etwas verdutzt nickte, fügte er hinzu:
"Ich habe Sie schon öfter hier gesehen."
"Aha", antwortete ich unverbindlich und starrte ihn weiter an.
Er trug ein gebügeltes Oberhemd und eine graue Weste. Das weiße Haar hatte er ordentlich zurückgekämmt. Vor ihm auf der Theke standen ein Fläschchen Sake, ein kleiner Teller mit einer Scheibe Walfischspeck und ein Schälchen mit einem Rest Seetang in Vinaigrette. Während ich mich noch wunderte, dass der alte Mann einen so ähnlichen Geschmack für Häppchen hatte wie ich, dämmerte es mir: Der Mann hatte einst vor meiner Klasse in der Oberschule gestanden. Er war mein alter Sensei.


Die Singlefrau Tsukiko, 37 und der verwitwete Sensei, Mitte 60, werden sich immer wieder in der gleichen Bahnhofskneipe beim Sake oder Bier sowie beim Verzehr solcher Leckerbissen treffen. Verabredungen bleiben verpönt. Sie teilen nicht nur den gleichen Geschmack, sondern auch die Vorstellung von der Distanz, die ein Mensch zum anderen einhalten solle. Ein Hausbesuch, bei dem er ihr seine Sammelleidenschaft zu aus der Mode gekommenen Teekännchen oder gebrauchten Batterien offenbart, bleibt die Ausnahme. Im Grunde wird ein Alphabet der Einsamkeit aufgeblättert, das auch auf Japanisch seine Botschaft nicht verfehlt. So denkt sich die japanische Erfolgsautorin Hiromi Kawakami immer wieder die absurdesten Situationen aus, um den Annäherungsprozess der beiden wenigstens ein Stückchen voranzutreiben, denn schließlich soll eine Liebesgeschichte dabei herauskommen. Aber eigentlich steht das Abwägen, die Verzögerung, das ewige Hin und Her einer verlorenen Seele - der Ich-Erzählerin - im Vordergrund, die sich in Selbstmitleid und masochistischen Selbstquälereien ergeht. Ein wahrer moderner Single. Aus diesem Meer von Selbstzweifeln und Regression ragt der anspruchslose, doch innerlich gefestigte Sensei, dem die schnöde Direktheit jüngerer Männer fremd ist, wie eine Erlöserfigur empor.

Der Sensei war für mich, wie soll ich sagen, wie die Buchschleife um den Schutzumschlag eines Buches, die man nicht abmachen und wegwerfen will. Ob er beleidigt wäre, wenn er wüsste, dass ich ihn mit einer Buchschleife verglich?

Es ist schon erstaunlich, wie es der Autorin gelingt, den seelischen Gleichklang zweier Großstadtmenschen mit dem zarten Band einer Buchschleife zu verbinden und das kitschige Bild noch mit wahrer Literatur zu veredeln. Der ehemalige Japanischlehrer hat nämlich die Angewohnheit, bei jeder Gelegenheit große Haiku-Dichter wie Bashō oder Seihaku Irako zu zitieren und - wie es heute noch bei vielen Japanern der älteren Generation üblich ist - sich die Zeit mit dem Verfassen von Haikus zu vertreiben.

Die Minigedichte, die Wert auf größtmöglichen Ausdruck auf kleinstem Raum legen und eine jahreszeitliche Impression in den Mittelpunkt stellen, kommen als Ruhe- und Verzögerungspunkte wie gerufen. "Die Sprache in der Schwebe halten und sie nicht provozieren" schreibt Roland Barthes über den Haiku. Ähnliches wäre auch über die Leichtigkeit des Seins bei Hiromi Kawakami zu sagen, die neben Essen und Trinken oder Gebräuchen wie Pilzesammeln, Kirschblütenfest, Ahnenkult auch diese Minigedichte mit großer Kunstfertigkeit in die Handlung zu streuen versteht. Starke sprechende Bilder sind das Ergebnis dieser Erzählweise, der man auch große Anmut und Bescheidenheit bescheinigen kann. Mit dem darin versteckten geballten asiatischen Kulturgut lässt sich deshalb ganz gut leben.

"Kennen Sie die Redensart Schon die Berührung von Ärmeln ist Karma?"
Ich kannte sie. Sie besagt, dass selbst flüchtige Begegnungen vorherbestimmt sind.
Ich überlegte einen Moment. "Das heißt, dass man irgendwie ein bisschen schicksalhaft verbunden ist, oder? Wollen Sie damit sagen, dass zwischen uns ein karmische Verbindung besteht?
Er schüttelte den Kopf und machte ein bedenkliches Gesicht. "Nicht irgendwie ein bisschen, sondern über mehrere Leben hinweg."


Zum Geheimnis des Romans "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß" gehört die sinnliche Sogwirkung einer Beziehung zwischen zwei Generationen, die sich erst über den Umweg von Tradition und Überlieferung wirklich näher kommen. Erst auf Seite 172, elf Seiten vor Schluss, fällt, durchaus komisch, fast überflüssig, der Satz des Sensei: "Würden Sie zum Zweck eines Liebesverhältnisses eine Beziehung mit mir eingehen?" Aber dadurch wird das poetische Lebensgefühl des Romans nicht gefährdet. Das Vermächtnis des Sensei ist und bleibt seine Mappe, die er immer bei sich getragen hat. Später, als er nicht mehr da ist, öffnet Tsukiko diese manchmal mitten in der Nacht, um - wie zum Trost - hineinzuschauen.

"Es ist nichts darin, nur Leere, nur eine große allumfassende Leere breitet sich darin aus." Auf leisen Sohlen kommt so bei Hiromi Kawakami zuletzt auch noch die Erleuchtung daher.

Hiromi Kawakami, Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler,
Carl Hanser Verlag, München 2008

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk