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StartseiteDokumente der WocheUnser Mann in Rostock18.01.2015

Als DLF-Korrespondent 1989/90 im Nordosten Unser Mann in Rostock

Kaum war die Mauer gefallen, da schickte der Deutschlandfunk eine Schar Korrespondenten in die damals noch existierende DDR. "Unser Mann in Rostock", das war Henning von Löwis. Vor kurzem in Rente gegangen blickt der engagierte Radiomacher zurück - und hat wie immer klare Positionen. Zum Beispiel ist er immer noch der Meinung, dass Schwerin die falsche Landeshauptstadt ist.

Henning von Löwis im Gespräch mit Marco Bertolaso

Henning von Löwis am 13.1.2015 beim Interview im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks. (Deutschlandfunk, Marco Bertolaso)
Henning von Löwis beim Interview im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks. (Deutschlandfunk, Marco Bertolaso)

Das Interview bezieht sich auf folgendes "Dokument der Woche".

Marco Bertolaso: Im Kleinen und im Überschaubaren versteht man die große Geschichte manchmal am besten. Unser Beispiel: Die Auflösung der DDR-Staatssicherheit. Im Bezirk Rostock hatte die Stasi kurz vor der Wende genau gezählte 3.288 Festangestellte und viele andere Helfer und Zuträger. 378 Kraftfahrzeuge standen ihr im Fuhrpark zur Verfügung und 144 Tonbandgeräte hielten abgehörte Gespräche fest. Anfang 1990, zwei Monate nach dem Mauerfall, war das aber alles schon in Abwicklung. Darüber hat für uns, für den Deutschlandfunk, damals als Korrespondent im Nordosten Henning von Löwis berichtet, und ihn begrüße ich heute im Studio. Hallo!

Henning von Löwis: Hallo und guten Tag.

Bertolaso: Herr Löwis, Ihr Beitrag zur Auflösung der Stasi im Bezirk Rostock, das ist unser „Dokument der Woche". Er beginnt mit Eindrücken von einer Demonstration in der Hansestadt. Da sagt ein Redner, ich zitiere: „Die Bevölkerung hat mit hellen Herzen die dunkle Stasi weggeleuchtet. Die Angst vor diesem Geheimdienst ist für immer vorbei." Haben Sie damals wirklich keinerlei Angst mehr bei den Menschen gespürt?

von Löwis: Na ja, man muss das im Rahmen sehen. Das Thema Stasi war natürlich ein Riesenthema zu Beginn in der Phase November, Dezember bis in den Januar hinein. Aber es gab viele Menschen, die mit der Stasi kaum Berührung hatten. Die Opfer waren sehr empört, zu Recht sehr empört und sehr aufgebracht. Das wird ja deutlich in dieser Reportage auch. Aber darüber hinaus spielte die Stasi nicht die Rolle, wie wir sie im Nachhinein heute verspüren, wenn wir zurückblicken auf die DDR.

Bertolaso: Sie meinen, dass die Stasi in der DDR rückblickend überschätzt wird?

von Löwis: Man spürte sie nicht unbedingt. Wenn man nicht Regimegegner war, sich in Opposition setzte, Republikflucht oder was auch immer, hatte man keine Berührung damit. Sie überwachte, operierte im Stillen, aber man spürte nichts davon. Als ich in die DDR kam im Winter 1989, da war sie ja schon in Abwicklung.

"Schwerin statt Rostock, das war ein Fehler"

Bertolaso: Das hört sich so an, dass Sie damals für mich als Journalist letztlich auch Teilnehmer gewesen seien, also nicht nur unparteiischer Beobachter, sondern auch emotional mit dabei gewesen sind für einen bestimmten Teil, der damals agiert hat. Ist das eine falsche Deutung, oder?

von Löwis: Das ist immer eine Gratwanderung. Einerseits: Unparteiisch kann man nicht sein, wenn man so etwas miterlebt und so eine historische Umwälzung in Deutschland wie damals, was damals passiert ist, 1989/90. Ich habe zum Beispiel Partei ergriffen im Hauptstadtkrieg, den es gab - man muss das so nennen -, zwischen Rostock und Schwerin für Rostock, weil ich Rostock als weltoffene Stadt erlebte, als Tor zur Welt.

Bertolaso: Das heißt, in Schwerin dürfen Sie sich heute nicht mehr sehen lassen?

von Löwis: Nein, so würde ich es nicht sagen. Aber ich halte das für eine Fehlentscheidung, nach wie vor, diese Verlagerung der Hauptstadt nach Schwerin. Dieses Land ist ja ein Kunstland, Mecklenburg-Vorpommern. Es ist ein Doppelland. Und der nachdrücklichste Eindruck eigentlich, den ich hatte, als ich dort hinkam - und ich habe viel gelernt, bin dem Deutschlandfunk sehr dankbar für alles das, was ich gelernt habe da zwischen Boltenhagen und der Insel Usedom -, dass das nicht ein Land ist, sondern dass das zwei Länder sind.

Deutschlandfunker im sozialistischen Radio-Kollektiv

Bertolaso: Vielleicht darf ich Ihnen eine andere Frage noch stellen. Wie muss man sich generell die Arbeit eines Korrespondenten kurz nach der Wende 89/90 vorstellen in Rostock?

von Löwis: Das war sehr spannend, weil ich sozusagen aufgenommen wurde als Deutschlandfunk-Korrespondent in ein sozialistisches Rundfunkkollektiv. Als ich dort hinkam, funktionierte der Sender Rostock noch, Radio DDR, Sender Rostock, mit der sehr populären Radio DDR Ferienwelle. Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen. Man rollte mir den Roten Teppich aus, nicht nur im Rundfunk, sondern auch im Fernsehen. Ich saß nun plötzlich in einer Talkshow am Alten Strom in Warnemünde, ich war mit Horst Köbbert vom Club Alter Strom zusammen. Rostock war die Medienhauptstadt des Nordens. In Rostock spielte die Musik damals, und es spielte keine schlechte Musik.

Bertolaso: Ihre Kollegen haben Sie jetzt angesprochen. Wie haben Sie denn die Menschen aufgenommen, wenn Sie als Deutschlandfunk-Redakteur über die Straßen gingen, Fragen stellten, zu erkennen waren?

Die Leute waren begeistert über den DLF, auch Genossen von der SED

von Löwis: Die Leute waren begeistert, dass sie endlich einen Menschen von dem Sender persönlich erlebten, den sie so viele Jahre lang gehört hatten, der für viele ein Leuchtturm war. Wir waren unwahrscheinlich populär, als wir in die DDR damals kamen, und wir haben ja viele Live-Sendungen gemacht, vom Wochenendjournal, damals zwei Stunden aus Peenemünde noch, wo vorher niemand hinkam, aus dem Volksmarine-Stützpunkt Peenemünde, von den Marktplätzen in Bergen auf Rügen, und die Offenheit und die Begeisterung darüber, dass dieser Deutschlandfunk jetzt auch da war, das war unglaublich damals. Also mit offenen Armen empfangen, und zwar von allen, auch von den Genossen der SED. Ich habe meinen Antrittsbesuch gemacht im Kommando der Volksmarine in Hohe Düne und hatte dann die Gelegenheit, mit dem Chef der Volksmarine sozusagen seine Abschiedstour zu machen.

((Privatarchiv von Löwis))Henning von Löwis1990 mit Freddy Quinn vor dem Funkhaus des Senders Rostock . ((Privatarchiv von Löwis))

Auch technisch eine Pionierzeit

Bertolaso: Wie muss man sich denn, zum Schluss noch gefragt, die technische Ausstattung vorstellen? Das war doch wahrscheinlich so ein bisschen Abenteuer und wilder Osten.

von Löwis: Na ja, das war die Umbruchzeit. Es war ja noch vor der Computerzeit. Man hatte noch Bandmaschinen, klobige Bandmaschinen. Ich habe vom Sender dann hier als Geschenk CDs mitbekommen, aber die konnte man noch nicht abspielen.

Bertolaso: ..., weil es keine Abspielgeräte gab.

von Löwis: Die CD-Ära begann erst. Heute ist die CD-Ära auch schon wieder vorbei. Aber das Bemerkenswerte, und das möchte ich noch unbedingt sagen: Man fühlte sich wie in einer Radiofamilie im Sender Rostock. Das war überschaubar, das war ein Funkhaus in der Richard-Wagner-Straße im Zentrum der Stadt, ist etwas anders wie in einem Westsender. Man ist in einem Westsender distanzierter. Dort wurde ich in diese sozialistische Rundfunkfamilie noch aufgenommen, weil ich rechtzeitig kam. Später bei vielen Kollegen fiel dann eine Klappe. Die bekamen das Etikett „Wessi" und man sprach denen ab, dass sie mit guten Absichten oder mit guten Gefühlen dort hinkamen.

"Ich konnte auch einfach mal abtauchen"

Bertolaso: Sagen Sie uns noch kurz was zum Technischen. Den Beitrag, den wir als „Dokument der Woche" ausgewählt haben, von der Demonstration in Rostock an einem Abend, hätten Sie den an dem Abend selber schon dem Deutschlandfunk zuleiten können? Wie muss man sich das technisch damals vorstellen?

von Löwis: Nein, das war überhaupt keine Schwierigkeit. Das Tolle war: Ich konnte dort so arbeiten. Ich ging mit dem Bandgerät auf den Marktplatz in Rostock, habe was aufgenommen, ging ins Studio, es wurde umgehend bearbeitet, geschnitten. Der Techniker hat das dann gemacht und das war kein Problem. Es war in der ersten Zeit schwieriger noch, als man rüberkam, zu telefonieren. Das wurde dann mit der Zeit besser. Ich bekam vom Intendanten ein Satellitentelefon, was 100.000 DM gekostet haben soll, um die Kommunikation zwischen Rostock und dem Westen der Republik zu ermöglichen. Mit diesem Satellitentelefon - das musste ich dann ausrichten auf Satelliten im Pazifik, im Indischen Ozean - haben wir dann auch berichtet von Rostock aus über die Wende im Baltikum, die ich von dort aus verfolgte, den Umbruch in Lettland, Estland. Also es waren noch Pionierzeiten, was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, aber auch schöne Zeiten. Heute die armen Kollegen sind jeder Zeit per Handy erreichbar und mobilisierbar. Ich konnte einfach abtauchen und war nicht mehr erreichbar.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Henning von Löwis hat sich von Jugend an für das Radio begeistert. Der "Umweg" über die Wissenschaft brachte ihn aus dem Norden in das Rheinland und schließlich zum Deutschlandfunk. Es gibt kaum einen Winkel der Erde, den er nicht bereist hat, von dem er nicht seine oft ganz persönlich gehaltenen Reportagen mitgebracht hat. Unter anderem interessiert er sich sehr stark für die ehemalige Sowjetunion, die Region Königsberg ist da ein Schwerpunkt, und für Kuba. Anstatt Sie auf drei oder vier Links hinzuweisen, empfehlen wir angesichts des Umfangs seiner Arbeit für den Deutschlandfunk etwas anderes: Rufen Sie einfach auf deutschlandfunk.de die Suche auf und geben Sie "Löwis" ein....

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