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StartseiteEuropa heuteAls Hitler an die Macht kam30.01.2013

Als Hitler an die Macht kam

Die tragische Lebensgeschichte einer deutsch-jüdischen Familie wird im Internet nachvollziehbar

Der 30. Januar 1933 war für den jüdischen Finanzbeamten Gustav Wächter der Beginn einer privaten Katastrophe. Wie ihm und seiner Familie im Nazi-Deutschland langsam die Luft abgeschnürt wurde, dokumentiert jetzt das eindrucksvolle Online-Projekt onthisday80yearsago.com seines Enkels Torkel S Wächter.

Von Tim Krohn

SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)
SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)

Gustav Wächter ist Finanzbeamter in Hamburg-Mitte, zuverlässig und beliebt seit über 30 Jahren. Er sitzt an seinem Schreibtisch und betrachtet das bunte Treiben unten auf dem Hansaplatz.

"...als plötzlich einer der ihm unterstellten Mitarbeiter ohne anzuklopfen in sein Büro stürmt. So etwas ist noch nie vorgekommen. Einmal im Raum erzählt der Kollege mit einer Mischung aus Euphorie und kaum verhohlener Schadenfreude, dass Adolf Hitler nun Reichskanzler ist."

Diese Zeilen sind seit heute online nachzulesen. Genau das, was hier steht, hat Gustav Wächter so erlebt und empfunden – heute auf den Tag genau vor 80 Jahren. Unten auf der Seite ist noch ein Link verknüpft. Ein Doppelklick und man kann sogar hören, was Wächters Kollege gerade im Radio gehört hat.

Adolf Hitler ist an der Macht und Gustav Wächter ahnt längst noch nicht, was das für ihn einmal bedeuten wird.

Wächter und seine Frau werden am Ende den Terror der Nazis nicht überleben.

Einer seiner Söhne flüchtet nach Schweden, die alten Dokumente, Briefe und Tagebücher landen irgendwo auf dem Dachboden in Stockholm.

"Als ich selber Vater geworden bin, da habe ich gedacht, ich möchte gerne meine Kinder über seine Vorfahren erzählen können. Und ich wusste nichts."

Torkel S Wächter ist der Enkel von Gustav, dem Finanzbeamten aus Hamburg-Mitte. Und eben weil er nichts gewusst hat von damals, geht er eines Tages auf den Dachboden zu Hause in Stockholm und schaut nach.

"Ich wusste, dass es diese Kartons auf dem Dachboden gab. Und ich wusste auch, dass das Material darin auf Deutsch war. Diese merkwürdige Sütterlinschrift konnte ich nicht lesen. Ich wusste irgendwie alles. Und auch nichts."

Der Schatz auf dem Dachboden beschäftigt den Stockholmer Schriftsteller nun schon seit mehr als zehn Jahren. Torkel lernt deutsch, übersetzt, verknüpft und recherchiert in deutschen Archiven. Die Nazis waren gute Bürokraten. Auch die Ermittlungsakten, durch die sein jüdischer Großvater im Frühjahr 33 seine Arbeit im Finanzamt verlor, sind komplett erhalten.

"Man könnte vielleicht glauben, dass es schlimm wäre, darüber zu lesen. Aber so war es nicht. Ich denke, dass ist ein bisschen wie wenn ein Kind verschwunden ist. Und irgendwie nach den Jahren wissen die Eltern, dass das Kind nicht mehr zurückkommt. Und dann glaube ich dass die Eltern gerne wissen wollen, was mit dem Kind geschehen ist. Ich würde sagen, diese Dokumente zu finden, war mehr eine Erleichterung als etwas Schweres."

Es ist eine wahre Flut an Protokollen und Papieren, ein einzigartiges Zeitdokument, dass Torkel S Wächter jetzt – ebenso einzigartig – aufbereitet hat. Der Schriftsteller hat daraus nämlich kein klassisches Buch gemacht. Es gibt stattdessen ein E-Book und eine Homepage, mehr nicht.

"Ich wollte die Dokumente selber sprechen lassen und ich wollte selber nur eine begrenzte Rolle spielen, also nur das erzählen, was notwendig war. Und ich finde, das ist ein sehr spannendes Medium."

Jeden Tag stellt Wächter ein neues kurzes Kapitel auf seine Seite, sehr einfach und im Präsens geschrieben, immer nur das beschreibend, was Gustav Wächters Familie an diesem Tag tatsächlich erlebt hat. Die große abstrakte Weltgeschichte spiegelt sich im Kleinen und wird so erst richtig erfahrbar. Den Wächters wird die Luft abgeschnürt, ganz langsam, schleichend. Simulierte Echtzeit.

"Ich habe gedacht in einem Format, dass zum Internet passen sollte. Als eBook passt das auch sehr gut mit vielen Kapiteln, sodass man in der U-Bahn ein oder zwei Kapitel lesen kann und dann nach der Arbeit weiter lesen kann. So habe ich gedacht."

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