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StartseiteCampus & KarriereAls Jurist auf dem Land24.03.2011

Als Jurist auf dem Land

Ein Projekt zur Gewinnung juristischer Fachkräfte im ländlichen Raum

Akademiker zieht es eher in die Stadt, als auf das Land. Um dem schon früh entgegenzuwirken, hat sich das Landgericht in Arnsberg ein ungewöhnliches Modellprojekt überlegt: Es lädt Jura-Studierende zu Praxiskursen ins Sauerland ein – auch, um ihnen Lust auf ein Leben auf dem Land zu machen.

Von Britta Mersch

Zweimal pro Woche besuchen die Jura-Studenten im Sauerland Verhandlungen des Land- und des Amtsgerichtes (Roland Krüger)
Zweimal pro Woche besuchen die Jura-Studenten im Sauerland Verhandlungen des Land- und des Amtsgerichtes (Roland Krüger)

Es ist kurz vor zehn. Der Saal am Landsgericht Arnsberg ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Allerdings werden hier an diesem Tag keine Delikte wie Diebstahl oder Körperverletzung verhandelt, sondern heute wird nur geübt. Denn 45 Studierende sind aus Bochum gekommen, um die Arbeit an einem Landgericht kennenzulernen. Einer von ihnen ist Frederik Mainka:

"Wir brauchen für unser Studium eine praktische Studienzeit. Die leisten wir hier ab und machen unser Praktikum hier, was wir hier brauchen, um zum Examen zugelassen zu werden. Und das ist der Grund. Das läuft alles über die Uni, über den Lehrstuhl."

Sechs Wochen lang kommen die Studierenden in den Semesterferien dafür ins Sauerland, zweimal pro Woche. Sie besuchen Verhandlungen des Land- und des Amtsgerichtes, lernen den Beruf des Rechtspflegers kennen und diskutieren über die unterschiedlichen Sichtweisen von Gericht und Verteidiger. Peter Marchlewski, Richter am Landgericht Arnsberg, hat das Programm gemeinsam mit der Ruhr-Universität Bochum entwickelt:

"Unser Weg ist der gewesen, dass wir vom Landgericht Arnsberg aus die Ruhr-Universität Bochum angeschrieben haben und gefragt haben, ob wir nicht zusammenarbeiten wollen. Und die Zusammenarbeit hat sich dann sehr schnell sehr positiv entwickelt und uns jetzt immerhin schon die dritte praktische Studienzeit gebracht und auch dieses Jahr haben wir knapp 100 Teilnehmer, im letzten Jahr hatten wir über 100 Teilnehmer. Das heißt, wir sind in einem Bereich, wo viele Studierende jetzt schon profitiert haben."

Peter Marchlewski selbst hat in Heidelberg und Bonn studiert, sein Referendariat hat er am Landgericht Hagen absolviert. Danach wurde vom Oberlandesgericht Hamm als Richter eingestellt, landete aber in Arnsberg. Eine gute Entscheidung, findet er heute:

"Auf der einen Seite ist ein kleines Landgericht mit 35 Richterinnen und Richtern allein von der Atmosphäre her anders als ein Oberlandesgericht Hamm, das mit 200 Richtern eine ganz andere zwischenmenschliche Beziehung zwischen den einzelnen Kolleginnen und Kollegen aufbauen kann. Der große Vorteil des ländlichen Bezirks, aus meiner Wahrnehmung ist der, dass Sie zwischenmenschlich mehr aufeinander angewiesen sind und dementsprechend sehr viel vernünftiger und anständig miteinander umgehen. Das ist ein Riesenvorteil eines kleinen Gerichts."

Eine Erfahrung, die er an die Bochumer Jura-Studenten weitergeben möchte. Die nehmen dafür auch gerne die weite Reise in Kauf. In Gruppen kommen sie aus dem Ruhrgebiet ins Sauerland. Die meisten nehmen den Zug, so wie Alexandra Adam:

"Die Zugfahrt ist schon ganz lustig. Wir fahren ja auch mit mehreren. Wenn man jetzt immer alleine hierhin fahren müsste, dann wäre das schon nicht so angenehm, weil es schon ziemlich lange immer ist. Wir sind insgesamt immer vier Stunden unterwegs. Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Aber so, wenn man mit mehreren fährt, ist das eigentlich kein Problem."

Peter Marchlewski hofft, dass die Studierenden die Vorteile erkennen, die eine Kleinstadt bietet. Denn er befürchtet, dass die Gerichte und Anwaltskanzleien auf dem Land bald vor der Situation stehen könnten, die es schon bei Ärzten gibt: dass auf Dauer Juristen fehlen, auch wenn es im Moment noch nicht so ist:

"Wir stehen vor einer großen Pensionierungswelle. 25 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen werden innerhalb der nächsten fünf Jahre gehen. Und wir wissen jetzt schon: Die Absolventenzahlen sind rückläufig. Die Bewerberzahlen für den öffentlichen Dienst sind zumindest nicht mehr so hoch, wie sie mal waren. Das heißt, es ist absehbar, dass wir Schwierigkeiten kriegen. Und wir versuchen, da gegenzusteuern. Und zwar zu einem Zeitpunkt, wo es noch nicht zu spät ist."

Ob die Rechnung aufgeht, lässt sich im Moment noch nicht sagen. Die Studierenden, die ihre praktische Studienzeit in Arnsberg absolviert haben, sind im Moment noch an der Uni eingeschrieben. Doch viele sind skeptisch, ob ein Leben auf dem Land das richtige für sie wäre:

"Ich komme aus der Stadt und ich bin es anders gewöhnt. Hier ist es schon sehr ländlich und ruhig und abgelegen. Also, das stelle ich mir erst mal schwierig vor."

"Ich bin auch ein Stadtmensch und das schätze ich auch sehr. Dass man in der Stadt viel flexibler ist als auf dem Land. Man muss immer so weit fahren, um in die nächstgrößere Stadt zu kommen. Für mich wäre das, glaube ich, nichts."

"Ich bin in Essen geboren und in Essen aufgewachsen. Ich möchte mal so sagen: Gänzlich ausgeschlossen wäre es nicht. Aber das zeigt dann die Zukunft, wo man sich später hinorientiert."

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