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StartseiteBüchermarktAls Metternich die Zeit anhalten wollte. Deutschlands langer Weg in die Moderne14.03.2003

Als Metternich die Zeit anhalten wollte. Deutschlands langer Weg in die Moderne

C. Bertelsmann, 337 S., EUR 23,90

Zunächst meint man eine Biographie des Klemens Wenzel Fürst von Metternich vor sich zu haben, jenes österreichischen Kanzlers, den man den Architekten des Wiener Kongresses, samt der ihm folgenden langen Friedensperiode in Mitteleuropa, genannt hat. Aber es geht in Wilhelm von Sternburgs neuem Buch nicht allein um den autoritären Antipoden der liberalen Bewegung, diesen Virtuosen des Überwachungsstaates, der Denunziation und der Einschüchterung all jener, die bis 1848 im Namen von Vernunft, Aufklärung und republikanischem Geist auftraten. Metternich wird hier vielmehr beleuchtet als eine historische Figur, an der ein drei Jahrhunderte währender Prozess von Modernisierung und Antimodernität in Deutschland und Europa messbar wird:

Harro Zimmermann

Metternich, geboren im Absolutismus, regierend in einer Zeit, in der Aufklärung, Demokratie, gesellschaftlicher Fortschritt schon eine enorme Dimension für die westeuropäischen Länder erhalten hat - da sitzt ein Metternich und regiert noch so, als ob der Absolutismus herrschen würde in Europa. Diese Figur ist also idealtypisch im Sinne von unendlich vielen politischen Gestalten, die ihm gefolgt sind. Das Negative an ihm war, dass er nicht erkannt hat, welche umwälzenden Strömungen die europäischen Gesellschaften seit Mitte des 18. Jahrhunderts erreicht hatten, das heißt, er wollte den status quo des aufgeklärten Absolutismus halten, während die Gesellschaften schon in ihrer Mehrheit die Entwicklung hin zur autonomen Freiheit des Individuums, zur Demokratie, wie wir heute modern sagen, für den Aufbruch einer Gesellschaft, die sich selbst bestimmt, und die nicht mehr bestimmt wird durch eine kleine Elite, auf ihre Fahnen geheftet hatten. Metternich sah das nicht, und damit hat er sein Verdienst, die dem Wiener Kongress folgende Friedensperiode von hundert Jahren mitbestimmt zu haben, sozusagen wieder umgeworfen, indem er den Gesellschaften verweigerte, ihre Autonomie zu erlangen, wodurch die Ideologien des Nationalismus, die Ideologien der Gewalt, die Ideologien des Rassismus im 19. Jahrhundert freie Bahn bekamen.

Deutschland hat in der Geschichte seiner letzten drei Jahrhunderte einen Sonderweg beschritten, das ist längst keine sensationelle These mehr. Spät kamen die Deutschen zu einer Einheit ihrer Nation, schwach waren die liberalen und fortschrittlichen Kräfte, übermächtig dagegen die traditionalen Adelswelten, die lange dem Furor der Modernisierung zu widerstehen vermochten. Solche Ungleichzeitigkeiten und unaufhebbaren geschichtlichen Widersprüche mussten geradezu den eruptiven Gewalt- und Hass-Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, und damit dem Totalitarismus, den Weg ebnen. Wilhelm von Sternburg schließt sich diesem Gerüst von historiographischen Grundthesen durchaus an, aber er versteht es, einen präzis und fundiert argumentierenden Überblick zu diesem Thema zu bieten. Und vor allem - Sternburg hat die maßgebenden übergreifenden Strukturen und Prozesse von Kontinuität und Diskontinuität im Auge, über drei lange und schwer durchschaubare Säkula hinweg. Von außerordentlich bestimmender Wirkung war das Phänomen des Nationalismus in Deutschland. Wobei das Prinzip der Nationalität am Beginn des 19. Jahrhunderts keineswegs so reaktionäre und chauvinistische Tendenzen zum Ausdruck brachte wie etwa zurzeit der Reichsgründung:

Thomas Nipperdey hat ja mal in seinem wirklich wunderbaren Geschichtswerk über das 19. Jahrhundert den schönen Satz geprägt: Am Anfang war Napoleon. Das ist ein sehr schöner Satz, aber ein falscher Satz. Am Anfang war die Revolution von 1789, das Ende des Absolutismus, der Sturz der Aristokratie, die über Jahrhunderte die Welt, vor allem auch Europa, beherrscht hatte. Aus diesem Jahr 1789 kommt eine janusköpfige Entwicklung für die Gesellschaften heraus. Auf der einen Seite der Weg hin zu Aufklärung, zur Selbstbestimmung und Mündigkeit des Menschen, zur Befreiung der Gesellschaften von der Autorität ihrer kleinen Eliten wie Adel, Kirche, Militär. Die andere Seite dieser Revolution ist aber die Explosion des Nationalstaates. Die Folge der Revolution war Napoleon. Napoleon und auch schon die Revolutionsheere in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts konnten eine solche Urgewalt militärischer Art für die europäischen Staaten sein, weil sie das Volksheer schufen, weil sie die Volksgemeinschaft schufen. Diesen Weg ist leider nicht nur die französische Gesellschaft, sondern diesen Weg sind sehr viele europäische Gesellschaften im 19. Jahrhundert gegangen. Nur, am Anfang des 19. Jahrhunderts, war diese Frage noch offen. Es gab in dieser Zeit auf der einen Seite den nationalen Gedanken, auf der anderen Seite aber den nationalen Gedanken, es klingt ein bisschen widersprüchlich, als eine übernationale Gesellschaft der aufgeklärten Staaten.

Es beginnt alles mit Aufklärung und Französischer Revolution im 17. und vor allem 18. Jahrhundert. Keine Rede könne davon sein, dass jenes von Freiheit, von Menschenrechten und vom bürgerlichen Republikanismus schwärmende Vernunftjahrhundert ohne Wirkung geblieben sei. Bei aller Anerkennung der restaurativen Tendenzen und liberalen Enttäuschungen nach 1814/15, nach den revolutionären Einbrüchen von 1830 und 1848, nach der reaktionären Reichsgründung, und dem Demokratiedesaster der Weimarer Republik - Wilhelm von Sternburg arbeitet einsichtig und kenntnisreich die Wechselwirkungen von Beharrung und Fortschritt, von bornierter Nationalität und aufgeklärtem Kosmopolitismus, von mutig-klugem Bürgergeist und stockiger Adelsmacht in der deutschen Geschichte heraus. Dass die Sozialwelt unseres 21. Jahrhunderts letzten Endes noch von derjenigen des Biedermeier geformt worden ist, umschreibt eine dieser wichtigen Einsichten. Eine andere besagt, dass die großen Gewalt- und Hassideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zuinnerst mit den kulturellen und politischen Modernitätsschwächen des deutschen Bürgertums zusammenhängen:

Das Bürgertum in Großbritannien, das Bürgertum in Frankreich, um diese beiden Beispiele zu nehmen, hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende wirklich an der Macht, und zwar auch an der politischen Macht dieser Gesellschaften und Staaten beteiligt. Die Bürger waren Mitträger der Staatsmacht. In Deutschland war das Bürgertum spätestens ab 1848 nicht mehr Mitträger der Macht, sondern die direkte politische Macht kam vom Adel, vor allem seit der Bismarckschen Reichseinheit vom preußischen Adel, und das Bürgertum in seiner Depression, nicht an der Macht beteiligt zu sein, überhob sich in nationalistischen Ideologien. Es suchte der Ersatz für die fehlende politische Macht in der Apologie für den Nationalstaat, für das Deutschtum.

Wo die kulturelle Avanciertheit des Bürgertums ihre politische Ausstrahlung und Wirkung nicht finden konnte, begannen Prozesse der fanatischen Antimodernisierung um sich zu greifen. Wilhelm von Sternburg kann diese These sehr kenntnisreich an den politischen, intellektuellen und literarischen Entwicklungen in Deutschland dokumentieren und plausibel machen. Kontinuität und Diskontinuität der deutschen Geschichte, die Gegenwärtigkeit vergangener Vorgänge, Entscheidungen und Verfehlungen - Sternburg rückt sie immer wieder ins Augenmerk der Jetztzeit. Versagt hat der deutsche Konservatismus, diese Melange aus Junkernarroganz und bourgeoiser Aufgeblasenheit, spätestens um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als er den beredten Liberalismus der 48ger zu Fall brachte. Hundert Jahre hat es dann gedauert, so Sternburg, bis aus diesem Demokratiedesaster endlich ein Sieg werden konnte, der von 1945. Die Um- und Abwege bis dahin seien in diesem Land schrecklich, am Ende gar ungeheuerlich gewesen. Doch immerhin, die - historisch gesehen - keineswegs gescheiterte Revolution von 1848 hat endgültig, und zwar durchaus zum Segen der Moderne, das politische Erwachen breiter Bevölkerungskreise ermöglicht. Deutschland ist schließlich doch eine moderne Gesellschaft mit demokratisch-pluralistischem Selbstverständnis geworden. Seine vielfachen Gefährdungen aber, die Unbändigkeit des ökonomischen Egoismus, die Aushöhlung der sozialen Gerechtigkeit, die drohende Aggressionszunahme gegenüber Minderheiten und Ausländern, tragen eine unverkennbare historische Signatur. Manche Hypothek aus vergangenen Tagen, als deutsches Übel frühzeitig wiedererkannt, ließe sich in Zukunft vielleicht vermeiden.

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