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"Als wollten sie nur abkassieren"

Sechs Jahre nach den Anschlägen von Madrid leiden die Opfer noch immer

Von Hans-Günter Kellner

Tote und Trümmer liegen neben einem zerstörten Waggon in der Nähe des Madrider Bahnhofs Atocha
Tote und Trümmer liegen neben einem zerstörten Waggon in der Nähe des Madrider Bahnhofs Atocha (AP)

Heute vor sechs Jahren explodierten in Madrid morgens in vier voll besetzten Pendlerzügen zehn Sprengsätze. 191 Menschen wurden getötet, fast 2000 überlebten - und erleben, dass sie täglich erneut Opfer werden.

Es gibt viel zu tun bei der "Vereinigung 11. März" im Madrider Stadtteil Santa Eugenia. Eine Fotoausstellung wird vorbereitet. Jeder hier ist auf die eine oder andere Weise betroffen, als Überlebender der Explosionen oder als Angehöriger eines Verstorbenen. María López ist die zweite Vorsitzende. Ihr Sohn Sergio fiel den Anschlägen zum Opfer. Noch heute dauert die Trauerarbeit an:

"Wir konnten sein Zimmer noch bis vor einem Jahr nicht ausräumen. Ich hatte immer das Gefühl, ich würde ihn sonst rauswerfen. Aber jetzt bin ich froh, diesen Schritt getan zu haben. Die wichtigen Dinge haben wir aufgehoben. Mein Mann hatte diese Möbel selbst eingebaut. Er hat sie wieder abmontiert. Ich habe die Kleidung aus dem Schrank geräumt, zusammengelegt und zu einem sozialen Hilfswerk gebracht. Ich hoffe, dass sie jemandem nützlich ist."

Im Grunde müsste Spanien mit Depressionserkrankungen nach Anschlägen vertraut sein. An den Terror der baskischen ETA gewohnt, hat das Land Gesetze über die Anerkennung und Entschädigung von Terrorismusopfern erlassen. Die Betroffenenorganisationen dürfen sich an den Gerichtsverfahren gegen die Täter beteiligen. Trotzdem berichten viele Opfer der Anschläge vom 11. März 2004 von einer erschreckenden Härte der Behörden.

"Die Opfer bekommen überall zu spüren, dass sie ein Kostenfaktor sind, als wollten sie nur abkassieren. Diese Klagen auf Entschädigung oder Berufsunfähigkeit haben wir vor dem Obersten Gerichtshof alle gewonnen. Aber die Entschädigungen können die Schmerzen nicht lindern. Nicht die körperlichen und nicht die seelischen. Bei vielen haben sich die Bilder dieses Tages ins Gehirn eingebrannt. Sie werden sie nicht los. Und manche Gutachter argumentieren vor Gericht, dass die Opfer das schon vergessen werden. Fürchterlich."

Zudem sei das Gesundheitssystem der Region Madrid überfordert, die psychologische Betreuung bei nur einer therapeutischen Sitzung alle sechs Wochen völlig unzureichend, sagt López. Ihre Vereinigung hat darum inzwischen selbst einen psychiatrischen Dienst eingerichtet. Subventionen dafür bekommt sie jedoch nur vom Innenministerium und der Stadtverwaltung, aber nicht von der für die Gesundheitsversorgung eigentlich zuständigen konservativ regierten Region Madrid. Nicht wenige empfinden das als Repressalie wegen der schweren Vorwürfe, die viele Opfer insbesondere der damaligen Regierung Aznar noch heute machen. Clara Escríbano, die die Explosionen in den Zügen überlebt hat, sagt:

"Ich bin seit dem ersten Tag an überzeugt: Ein wichtiger Grund für die Anschläge war unsere Beteiligung am Krieg im Irak. Die Entscheidung der damaligen Regierung, uns in diesen Krieg hineinzuziehen, trotz der überwältigenden Opposition in der Bevölkerung und trotz der warnenden Stimmen, hat uns zu einem Anschlagziel gemacht. Uns hat es erwischt, weil ein Mann glaubte, in der spanischen Politik wie Gott auftreten zu müssen."

Auf den ersten Blick scheint es Clara Escríbano gut zu gehen. Sie redet langsam und nachdenklich, ihre Bewegungen lassen auf keine Verletzungen schließen. Dass sie mehrmals am Gehör und an der Wirbelsäule operiert wurde, sieht man ihr nicht an. Das fand auch der Gutachter der Berufsgenossenschaft.

"Ich bin da hin und habe alle ärztlichen Atteste mitgebracht. Ich habe von dem Anschlag erzählt, von meinen Depressionen. Und sie haben entschieden, dass ich wieder arbeiten muss. Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen. Ich bin Krankenschwester, ich muss bei der Arbeit einen klaren Kopf haben. Ich bin dann ins Krankenhaus, habe eine Panikattacke bekommen, war wieder krankgeschrieben. Doch die Genossenschaft hat entschieden, dass ich wieder arbeiten müsse. Sie haben mich nicht untersucht, nicht gefragt, wie es mir geht, welche Medikamente ich nehme. Jetzt bin ich ruhiger. Aber das liegt an den Tabletten."

Verbessert habe sich hingegen die Kommunikation mit ihrem Mann, der endlich über seine Erlebnisse an jenem Tag reden könne, erzählt sie. Er habe Jahre dafür gebraucht. Schließlich hielten sich die beiden weinend in den Armen. Und unternehmen jetzt Dinge, die sie zuvor nie gemacht hätten. Letztes Jahr waren sie zu zweit in Alaska, in diesem Jahr wollen sie mit den beiden Kindern nach Norwegen. Und wenn Clara Escríbano davon erzählt, sieht man erstmals Freude in ihren Augen:

"Ich liebe es, mit meinem Mann zu verreisen. Wir sehen uns diese Orte an, von denen ich früher nicht einmal geträumt hätte. Jetzt, wo ich das noch machen kann. Sich an diesen Bildern zu erfreuen. Und nicht nachzudenken. In Alaska habe ich gespürt, das muss ich machen, um meinen Kopf wieder in Ordnung zu bringen. Die Reise nach Norwegen habe ich meinen Kindern versprochen, bis ans Nordkap. Dort will ich zur Ruhe kommen."

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