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StartseiteDie neue PlatteAffetti Amorosi04.02.2018

Alte MusikAffetti Amorosi

Girolamo Frescobaldi ist vor allem als Tastenvirtuose bekannt. Doch er schrieb auch vokale Kompositionen, die es durchaus mit den Werken seiner berühmten Zeitgenossen aufnehmen konnten. Das Ensemble "Le Banquet Céleste" stellt weltliche Vokalwerke aus einer 1630 erschienen Arien-Sammlung vor.

Am Mikrofon: Helga Heyder-Späth

Der Ensembleleiter und Countertenor Damien Guillon vor einer Wand (Julien Benhamou)
Der Ensembleleiter und Countertenor Damien Guillon (Julien Benhamou)

Musik: Girolamo Frescobaldi, Balletto

So kennt man ihn: Girolamo Frescobaldi ist heute vielen vor allem wegen seiner Tastenmusik ein Begriff. Schon zu Lebzeiten galt er da als Meister seines Fachs. Der Countertenor Damien Guillon und sein Ensemble "Le Banquet Céleste" stellen in ihrer neuesten CD jetzt eine weniger bekannte Seite von Frescobaldi vor. Bei dem Label Glossa haben die französischen Musiker weltliche Vokalwerke des Italieners eingespielt. In zwei Bänden gab Frescobaldi 1630 eine Sammlung von "Arie musicali" heraus. In diesen Werken für ein bis drei Singstimmen belegt er eindrucksvoll, dass er auch in der textgebundenen Musik einiges zu bieten hat.

Musik: Girolamo Frescobaldi, Doloroso mio core

Auf seiner neuen CD hat das Ensemble "Le Banquet Céleste" unter anderem Frescobaldis Canzone "Doloroso mio core" aufgenommen. Im Laufe seines Lebens hat Frescobaldi immer wieder Vokalwerke komponiert und veröffentlicht. Dass sie heute nur noch wenig Aufmerksamkeit finden, hat sicher mit seinem beruflichen Werdegang zu tun. Mit 25 Jahren wurde Frescobaldi 1608 Organist der Cappella Giulia, des Musikensembles an Sankt Peter in Rom. Dieses renommierte Amt behielt er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod. Er machte die "Heilige Stadt" zu einem Zentrum der Tastenkunst. Und so zog es viele junge Musiker nach Rom, um bei ihm in die Lehre zu gehen.

Vorurteile der Zeitgenossen gegen Frescobaldis Vokalkunst

Es gab aber auch Zeitgenossen – oder sollte man Neider sagen? –, die Frescobaldis Tastenmusik als pure Fingerkunst abtaten. Der Florentiner Musikgelehrte und Humanist Giovanni Battista Doni ließ sich sogar dazu hinreißen, zu behaupten, Frescobaldis Verstand "wohne in seinen Fingerspitzen", und wenn er Texte vertone, so müsse er sie sich "erst von seiner Frau erklären" lassen. Sicher spricht aus Donis Äußerungen vor allem seine persönliche Abneigung gegen Frescobaldi. Aber einmal in die Welt gesetzt, hielten sich die Vorurteile gegen Frescobaldis Vokalmusik bis weit ins 20. Jahrhundert.

Auch auf dem aktuellen CD-Markt ist sie nur selten zu finden. Da ist es umso erfreulicher, dass "Le Banquet Céleste" jetzt einen neuen und gelungenen Anlauf macht, um den Vokalkomponisten Frescobaldi ins rechte Licht zu rücken.

Die Werke, die das Ensemble eingespielt haben, entstanden vermutlich überwiegend für Florenz. Dort war Frescobaldi zwischen 1628 und 1634 Musiker am Hof der Medici – ohne seine lukrative Stellung am Petersdom endgültig aufzugeben. 1630 ließ er in Florenz die beiden Bände seiner "Arie musicali" drucken. Es sind die einzigen Werke, die er in seiner Florentiner Zeit veröffentlichte. Anders als in seinen noch mehr dem Renaissance-Stil verhafteten Madrigalen von 1608, wendet sich Frescobaldi darin unter anderem dem modernen expressiven Sologesang zu, der Monodie:

Musik: Girolamo Frescobaldi, Così mi disprezzate, Céline Scheen

Wahrscheinlich führte Frescobaldi seine "Arie musicali" unter anderem in den Privatgemächern der Florentiner Großherzogin Maria Magdalena von Österreich auf, der Mutter Ferdinando de Medicis. Nachweislich ließ er sich dort 1630 mit einigen Musikern hören, als ein französischer Botschafter zu Gast war. Mit einer Arie wie "Così mi disprezzate", die Céline Scheen gerade gesungen hat, konnte sich die Großherzogin dem Diplomaten als Kennerin der aktuellen Musik ihrer Zeit präsentieren.

Opernhafte und lyrische Elemente

Die Sänger von "Le Banquet Céleste" gestalten Frescobaldis vokale Kleinode mit durchaus opernhafter Attitüde, aber genauso mit lyrischer Innigkeit. Besonders eindrucksvoll gelingt das Céline Scheen. Aber auch der Tenor Thomas Hobbs, der Bass Benoît Arnould und Ensembleleiter Damien Guillon in der Countertenor-Lage überzeugen durch eine klare Stimmgebung und eine nuancenreiche Gestaltung. Ihre Interpretation orientiert sich am gesprochenen Wort, ganz nach dem Motto von Frescobaldis Zeitgenosse Claudio Monteverdi: "Prima le parole poi la musica" – "Erst das Wort, dann die Musik". 

Neben freien, rezitativischen Passagen finden sich in Frescobaldis "Arie" auch reizvolle Stücke mit tänzerischer Beschwingtheit. Dafür sorgt zum Beispiel Thomas Hobbs in "Se l’aura spira".

Musik: Girolamo Frescobaldi, Se l’aura spira

"Le Banquet Céleste", ein Spezialensemble für Barockmusik

Im Jahr 2009 hat der französische Countertenor Damien Guillon sein Ensemble "Le Banquet Céleste" gegründet, was übersetzt "Das himmlische Gastmahl" heißt.

In den letzten Jahren war das Ensemble bei vielen Festivals in Europa zu hören. Auch mit einigen CD-Produktionen hat es schon auf sich aufmerksam gemacht. Ob bei der Namensfindung das gleichnamige Werk von Olivier Messiaen Pate stand, erfährt man auf der Website des Ensembles nicht. Das Booklet zur Frescobaldi-CD verzichtet sogar ganz auf Künstler-Biographien. Es liefert neben den Gesangstexten samt englischer Übertragung einen ausführlichen, aber letztlich wenig informativen Einführungstext, der im Deutschen auch etwas holprig übersetzt ist.

Die Mitglieder von "Le Banquet Céleste" sind Spezialisten für Barockmusik. Je nach Repertoire stellt Guillon die Besetzung flexibel zusammen. Frescobaldi schreibt im Titel, seine Arie seien "per cantarsi nel gravicimbalo e tiorba", also "zum Cembalo und zur Laute zu singen". Guillon erweitert diesen Besetzungs-Vorschlag ein wenig: Neben André Henrich (Laute) und Kevin Manent-Navratil (Cembalo) übernehmen auch Julien Barre am Violoncello und Marie-Domitille Murez an der Harfe den Basso continuo. Sie begleiten die Sänger in wechselnden Konstellationen, was der Produktion einige Farbigkeit verleiht. Und gelegentlich wird auch einmal rein Instrumentales in die bunte Folge der Vokalwerke eingestreut.

Musik: Girolamo Frescobaldi, Toccata

Freude und Schmerzen der Liebe als thematischer Mittelpunkt

Die Auswahl der Stücke, die Guillon aus den beiden Bänden von Frescobaldis "Arie musicali" getroffen hat, ist reizvoll und abwechslungsreich. Die Aufnahme entstand in der Kirche in Froville, einem kleinen Ort im Nordosten Frankreichs. In den alten romanischen Mauern konnten vor allem die Sänger einen runden und vollen Klang entfalten. Sicher sind Frescobaldis Werke nicht ganz so spannungsgeladen wie die von Monteverdi. Aber auch Frescobaldi zaubert in seiner Musik mit einigem Geschick mal unterhaltsame, mal berührende Momente und entfaltet so einen breiten Fächer an menschlichen Emotionen. Wie so oft im 17. Jahrhundert stehen auch bei ihm die Freuden und Schmerzen der Liebe im Mittelpunkt. Und so hat die CD auch einen ganz treffenden Titel: "Affetti amorosi" – "Liebesleidenschaften".

Musik: Girolamo Frescobaldi, Ti lascio anima mea

Das war Damien Guillon mit der Aria "Ti lascio anima mea" von Girolamo Frescobaldi.

In der Neuen Platte im Deutschlandfunk haben wir heute eine Neuerscheinung mit selten zu hörender Vokalmusik von Frescobaldi vorgestellt. Beim Label Glossa haben Guillon und sein Ensemble "Le Banquet Céleste" unter dem Titel "Affetti amorosi" gerade eine Auswahl aus Frescobaldis "Arie musicali" von 1630 aufgenommen. Sie wird in Deutschland über Note 1 vertrieben.

Girolamo Frescobaldi (1583-1643)
"Affetti Amorosi"
Arie Musicali (Firenze, 1630)
Le Banquet Celeste
Leitung: Damien Guillon
Glossa LC 00690 // GC923702
EAN 842456223702

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