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StartseiteDie neue PlatteDie Sklavenrouten19.02.2017

Alte MusikDie Sklavenrouten

Für sein Projekt "Die Sklavenrouten" vereinte Musiker Jordi Savall Intrumentalisten und Sänger unter anderem aus Mali, Marokko, Mexiko und Brasilien. Gemeinsam schlagen sie auf der CD einen musikalischen Bogen von 1444 bis 1888 und spielen Lieder, Klagegesänge und Tänze, die zur Zeit der Sklaverei entstanden sind.

Von Christiane Lehnigk

Jordi Savall (picture alliance/dpa/Foto: Adam Warzawa)
Jordi Savall widmet sich der Musik, die unter dem Eindruck der Sklaverei entstanden ist. (picture alliance/dpa/Foto: Adam Warzawa)
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Zum 75. Geburstag von Jordi Savall Wiederentdecker der Viola da Gamba

Im Mittelpunkt steht heute die neueste CD/DVD Produktion von Jordi Savall, die jetzt auf seinem eigenen Label Alia Vox herauskam. Es ist wieder eine dieser luxuriösen Ausgaben im Taschenbuch-Format, mit Texten und vielen Bildern und einem ausführlichen, wissenschaftlich ausgearbeiteten Booklet in Französisch, Englisch, Kastilisch, Katalanisch, Deutsch und Italienisch. Diesmal geht es um "Les Routes de L’Esclavage", "Die Sklavenrouten", um Musik aus Afrika, Portugal, Spanien und Lateinamerika.

Savalls eigene Ensembles Hesperion XXI und La Capella Reial de Catalunya haben dieses Programm, mit dem sie auch in diesem Jahr noch auf Tour sind, zusammen mit Instrumentalisten und Sängerinnen und Sängern aus Mali, Madagaskar, Marokko, Mexiko, Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Venezuela erarbeitet. Mit dabei ist auch wieder das mexikanische Tembembe Ensamble Continuo, mit dem Savall schon zuvor Projekte verwirklicht hat.

Dabei wird ein musikalischer Bogen geschlagen von 1444 bis 1888, mit Texten aus der vorchristlichen Zeit bis zum 20.Jahrhundert. Jordi Savall, der hier eine kleinere Form der Viola da gamba, die Diskantgambe spielt, leitet das Ganze von seinem Instrument aus. Der Aufnahme zugrunde liegt ein Konzertmitschnitt vom 17.Juli 2015 aus der Abtei Sainte-Marie de Fontfroide im französischen Arrondissement Narbonne.

Zitat

"Gegrüßt seien alle Völker,
Gelobt seien die alten Helden,
Jene Helden, die gezeigt haben, wie hart sie arbeiten
Ohne Fetische zu verwenden oder sich in Geister zu verwandeln
Sie haben in Afrika genauso gut gearbeitet wie in den Ländern der Weißen.
Oh, wo sind all diese Menschen,
Sklaven in Afrika genauso wie in den Ländern der Weißen?
Es ist wahr, dass sie hart gearbeitet haben,
Ganz gleich, welche Satzung man hat, niemand darf andere als Sklaven halten.
Aber nichts ist so vollkommen wie Gott."

Musik: Improvisation / Kassé Mady Diabaté / Djonya

Dies war ein Text von Kassé Mady Diabaté, dem seit fast einem halben Jahrhundert bekanntesten Sänger in Mali. Er stammt aus einer der angesehensten Familien der Griots, der Dichter-Sänger, studierte in Paris und öffnete erstmals die traditionelle, mündlich überlieferte Musik seines Landes für den Austausch mit internationalen Musikern. Seine Texte und Improvisationen beziehen sich auf die Sklaverei aus der Sicht der Afrikaner und auf allgemein humanistische Themen.

Tiefe Spuren der Sklaverei

In der Musik der betroffenen Völker der Westküste Afrikas, Brasiliens, Mexikos, der Karibischen Inseln, Kolumbiens und Boliviens hat die humanitäre Katastrophe der Sklaverei bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Die Lieder, Klagegesänge und Tänze treten hier in den Dialog mit iberischen Musikformen, die sich, so Savall, "an den Gesängen und Tänzen der Sklaven und Einheimischen sowie an ethnischen Mischungen jeder Art inspiriert haben, die auf der Tradition der Afrikaner, Indios und Mestizen basieren.

Die mehr oder weniger erzwungene Beteiligung der Sklaven an der kirchlichen Liturgie der Neuen Welt spiegelt sich in den verschiedenen Formen wie Villancicos de Negros, Indios, Negillas und anderen christlichen Gesängen, wie zum Beispiel bei Mateo Flecha dem Älteren.

Zitat

"Erblüht war die Rose,
der Wind bewegte ihre Blätter.
Gehen wir und sehen
Gott als sterblichen Menschen.
Was sagen wir, was singen wir ihm,
der uns vom Übel
und die Seele von der Gefangenschaft befreite?
Hoch, hoch, hoch! Hoch!
Sing du zuerst, und ich antworte…."

Musik: Mateo Flecha der Ältere / La Negrina/Gugurumbé/Los Negritos / Son jarocho

Dieses neue Projekt von Jordi Savall, das Musik aus den drei Kontinenten mit einbezieht, die an dem Handel mit Sklaven aus Schwarzafrika beteiligt waren, ist in solch einer Form erstmalig realisiert worden. Die Kompositionen werden von den Sängern und Instrumentalsolisten der Ensembles Hesperion XXI und La Capella Reial de Catalunya gemeinsam interpretiert mit den Musikerinnen und Musikern aus Brasilien, Venezuela, Argentinien, Mexiko, Spanien und Katalonien. So ist mit den drei Kontinenten Europa, Afrika und Lateinamerika eine Art Dreiecksbeziehung entstanden, das afrikanische Erbe trifft auf den europäischen Einfluss der Renaissance und des Barock, ein, so Savall, "verstörendes und doch auch zutiefst optimistisches Zeugnis einer musikalischen Überlieferung, die den besseren Teil einer Kultur von Eroberungen und Zwangsbekehrungen darstellt".

In starkem Kontrast dazu stehen die von Bakary Sangaré auf Französisch rezitierten, detailreichen historischen Texte, Beschreibungen und Reflektionen der Chronisten und Geistlichen. Sie berichten von der qualvollen Verschleppung der Frauen und Männer aus ihren afrikanischen Dörfern und der entwürdigenden Behandlung in der neuen Heimat. Zu Beginn steht der Satz: "Die Menschheit ist zweigeteilt: Es gibt Herren und Sklaven" von Aristoteles aus dem 4.Jahrhundert vor Christi, es folgen Chroniken aus dem 15., 16., 17. und 18.Jahrhundert, sowie das ‚Dekret zur Abschaffung der Sklaverei‘ der provisorischen französischen Regierung von 1848 und es endet mit einem Ausschnitt aus der berühmten Rede des Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King von 1963.

Wunsch nach Frieden im Mittelpunkt

Jordi Savall hat schon einige Programme entworfen und realisiert, bei denen der Wunsch nach Frieden und Völkerverständigung im Mittelpunkt stand, und immer, wie auch hier,

ist es ihm gelungen, Musikerinnen und Musiker verschiedenster Herkunft bei einem Projekt zu vereinen, ohne, dass auch nur im Entferntesten so etwas wie Pathos entsteht.

Alle Künstler begegnen sich auf Augenhöhe und schaffen in der Musik etwas, das in der Politik oft unmöglich erscheint. Und Savall möchte mit diesem Projekt, bei dem er von der UNESCO unterstützt wird, sich zum einen vor den Nachfahren dieser düsteren Epoche der Sklaverei verneigen und zugleich an die Pflicht mahnen, "vor der äußersten Unmenschlichkeit und den von allen Opfern des entsetzlichen Menschenhandels erlittenen Qualen nicht die Augen zu verschließen".

Schließlich gründe sich der große Reichtum ganz Europas im 18. und 19.Jahrhundert auf dem Geschäft mit Millionen systematisch deportierter afrikanischer Frauen, Männer und Kinder und deren über vier Jahrhunderte währender Ausbeutung. Eine Wiedergutmachung hat keine der zivilisierten Nationen bislang zustande gebracht.  

Musik: Anonym (Mali) / Kouroukanfouga (instr.)/ 3MA

Dies waren der Oud-Spieler Driss El Maloumi aus Marokko, Ballaké Sissoko aus Mali, einer der herausragendsten Kora-Spieler ganz Afrikas, sowie Rajer aus Madagaskar auf dem Nationalinstrument Valiha.

Das Projekt "Die Sklavenrouten" von Jordi Savall ist sozusagen ein Gesamtkunstwerk, aus Text, gut zwei Stunden Musik, und einem Film, denn der Mitschnitt des Konzertes ist auch als DVD dieser umfänglichen Dokumentation beigefügt, die dank zahlreicher Förderer kaum den Preis von 2 CDs überschreitet.

Musik: Trad. (Vera Cruz, Mexiko) / La Iguana

Die Neue Platte im Deutschlandfunk. Wir stellten Ihnen heute das Projekt "Die Sklavenrouten" von Jordi Savall vor, das jetzt bei Alia Vox auf zwei Hybrid-CDs und einer DVD erschien. In Europa ist dieses Programm unter anderem noch in Hamburg, Ludwigsburg, Lissabon, den Niederlanden und Spanien zu erleben.

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