Freitag, 17.11.2017
StartseiteDie neue PlatteHerzenswunsch erfüllt22.10.2017

Alte MusikHerzenswunsch erfüllt

Philippe Jaroussky hat seine erste CD mit Händel-Arien veröffentlicht. Er legt dabei den Fokus auf unbekannte Arien. Der Countertenor zeigt sich auf der Höhe seiner Stimmkultur, einzig der Sound der Aufnahme ist allzu voluminös für die fein nuancierte Opernmusik.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

2291443 Russia, Moscow. 09/27/2013 French countertenor Philippe Jaroussky during a performance at the Moscow International House of Music's Svetlanovsky Hall. Vladimir Vyatkin/RIA Novosti | (©RIA Novosti)
Der Countertenor Philippe Jaroussky (©RIA Novosti)
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Académie Musicale Philippe Jaroussky Erfüllung eines Lebenstraumes

Opern-Arien von Georg Friedrich Händel stehen im Mittelpunkt. Wir stellen Ihnen die bei Erato/Warner Classics erschienene CD "The Händel Album" mit dem Countertenor Philippe Jaroussky vor, der auch sein eigenes Ensemble Artaserse leitet.

"The Händel Album" ist die zweite Aufnahme, die der gefeierte Countertenor Philippe Jaroussky in diesem Jahr herausgebracht hat. Nach der ebenfalls bei Erato veröffentlichten Aufnahme "La Storia di Orfeo" mit Musik aus dem 17. Jahrhundert hat sich nun Jaroussky mit dem Händel-Programm einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Er ist ja schon in vielen Händel-Operninszenierungen erfolgreich aufgetreten, hat aber erst in den letzten Jahren die großen Händelrollen auf der Bühne gesungen: den Sesto in der Oper "Giulio Cesare" und den Ruggiero in "Alcina". Bei dieser Produktion mit seinem eigenen, international zusammengesetzten Ensemble, das sich inzwischen mit dem Konzertmeister Alessandro Tampieri auch in größerer Besetzung zu einem homogenen Klangkörper entwickelt hat, wollte Jaroussky vor allem Arien aus weniger bekannten Opern vorstellen. Daraus ergaben sich dann 19 Solo-Arien aus insgesamt 10 Opern, - "Sternstunden für einen Sänger, der die Barockmusik liebt, umso mehr, wenn er ein Countertenor ist", so Jaroussky.

Musik: Georg Friedrich Händel, aus: Amadigi di Gaula, Arie: "Sussurrate, onde vezzose"  

Es sind einmal mehr die intimen, langsamen, innigen Arien, mit denen die Stimme von Philippe Jaroussky einen sofort umschmeichelt, die betört und zu Tränen rühren kann.

Unverwechselbares Stimmtimbre

Die Leichtigkeit seines feminin anmutenden, wendigen, unverwechselbaren Timbres wird oft mit Attributen wie "engelsgleich" oder "überirdisch" apostrophiert und so fahren auch die Verantwortlichen bei den Labels in diesem Fahrwasser. Jaroussky wird auf den Plattencovern und den Bildern in den Booklets meist mit einem verklärten Blick dargestellt, wenn er überhaupt die Augen aufhaben darf. Oft werden auch tatsächlich Engelsflügel mehr oder weniger angedeutet. Das ist natürlich eigentlich nur peinlich, tut allerdings der Musik keinen Abbruch. Dabei ist das Ausdrucksspektrum des Countertenors wesentlich größer, hier in dieser Aufnahme reichen die Emotionen von verführerischem Liebeswerben, über rasende Eifersucht, von tiefer Verzweiflung bis zu heroischem Triumphgesang. Dabei fällt es oft ein wenig schwer, dem smarten Countertenor, den Bösewicht abzunehmen, wenn er auch eine starke Bühnenpräsenz hat.

Bei dieser ersten Arie ließen die Blockflöten schon erahnen, dass es sich hier bei dem Ausschnitt aus dem 2. Akt der frühen Oper "Amadigi di Gaula" um eine bukolische Szene handelt: Amadigi befindet sich in einem Zaubergarten, fleht in einer pastoralen Kavatine den Gott der Liebe an, ihn in seinem Leid zu trösten. 

Bei dem nächsten Ausschnitt handelt es sich um eine Arie aus Händels Oper "Flavio, re de' Longobardi", "Flavio, der Langobardenkönig", in der ironisches Antiheldentum, komisch-politische Schwindeleien, amouröse Missverständnisse und tragische Schicksals-Elemente nebeneinander stehen. In der 1. Arie hatte der "primo uomo" Guido die Freude über seine Liebe zu Emilia zum Ausdruck gebracht, zu einem so frühen Zeitpunkt der Geschichte, dass künftiges Unheil unvermeidlich scheint. Und in der Tat, die Ereignisse eskalieren schnell, als Guidos Vater Ugone mit Emilias Vater eine tödliche Fehde beginnt. "Rompo i lacci", "Soll mein Zorn die verhöhnte Ehre und den Vater rächen."  

Musik: Georg Friedrich Händel, aus: Flavio, re de' Longobardi, Arie "Rompo i lacci"      

Mit seiner Einspielung mit Arien aus weniger bekannten Opern von Georg Friedrich Händel hat sich Philippe Jaroussky einmal mehr auf die Spuren legendärer Kastraten begeben. Neben Farinelli war Senesino der gefeierte Superstar in Händels skandalträchtiger Opern-Kompanie in London, für die der gebürtige Sachse zwischen 1711 und 1741 insgesamt fünfunddreißig Opern schrieb, bis er sich dann mit dem englischen Oratorium einer neuen Gattung zuwandte. Möchte man diese Kastraten-Partien heute besetzen, so kann man sich nur behelfen. Man kann sie natürlich auch Frauenstimmen zuordnen, allerdings waren vor allem die Helden-Partien unzweifelhaft mit einem männlichen Eros verbunden, so dass dann vielleicht eher Countertenöre in Frage kommen, die heute ja eine viel bessere Technik haben, als noch vor einigen Jahrzehnten.

Es geht nicht darum, die Stimme eines Kastraten nachahmen zu wollen

In jedem Fall muss man sich gegebenenfalls die Arien für die Stimmlage passend machen, ein Umstand, der allerdings auch für Händel schon gang und gäbe war. Es gab damals kaum einen Komponisten, der seine Stücke so für seine Sänger konfektionierte und sie passend gemacht hat, wenn Umbesetzungen notwendig waren.
Philippe Jaroussky sieht das ebenso ganz entspannt, realistisch und an der Praxis orientiert.

Jaroussky:
"Natürlich habe ich nicht die gleiche Stimme wie Farinelli. Aber mit den Partituren können wir uns diese Stimmen ein bisschen vorstellen. Für mich ist es nicht so wichtig, wie ein Kastrat zu klingen. Für mich ist wichtig, diese Musik für das Publikum von heute zu präsentieren. Das ist nicht die gleiche Sache. Natürlich, ich kann mir die Qualitäten von Kastratenstimmen ein bisschen vorstellen. Aber ich bin auch ein moderner Mann. Ich singe mit meinen eigenen Gefühlen. Und für mich ist das die wichtigste Sache."

Musik: Georg Friedrich Händel, aus: Radamisto, Arie: "Qual nave smarrita"  

Philippe Jaroussky war das mit einem Ausschnitt aus der Arie des Protagonisten "Qual nave smarrita", "Wie ein Schiff, das sich verirrt", aus der Oper "Radamisto" von Georg Friedrich Händel, einer spannenden Geschichte über die politischen, militärischen und emotionalen Konsequenzen der Verliebtheit des Tyrannen Tiridate in Zenobia, der Frau von Radamisto.

Opern-Arien in sakralem Klangraum

"The Händel Album" heißt die jetzt bei Erato/Warner Classics erschienene CD, die Jaroussky zusammen mit seinem Ensemble Artaserse mit wenig bekannten Opernarien veröffentlicht hat. Die Produktion zeigt Jaroussky immer noch auf der Höhe seiner Stimmkultur und ist jetzt schon ein Muss im vorweihnachtlichen Angebot. Es ist nur schade, dass viele der Major Labels immer noch meinen, dass man den Sound bei Aufnahmen auch im Bereich der barocken Aufführungspraxis so gestalten muss, dass er möglichst voluminös und erhaben und mit viel Nachhall erklingt. Hier gibt es kaum einen schönen, natürlichen gemeinsamen Klang: Jaroussky ist ganz nah am Mikrofon positioniert, das Ensemble aus zwanzig Musikern spielt räumlich dahinter, klingt aber, als wäre es doppelt so groß. Und darüber liegt ein immenser Hall. Aufgenommen ist es in der Église Notre-Dame du Liban in Paris, die sicherlich über einen schönen Raumklang verfügt, aber Opernarien von Händel müssen ja nicht unbedingt "heilig" klingen. Die CD-Produzenten versprechen sich davon größere Verkaufschancen für ihre Produkte und behaupten, dass die Musikliebhaber*innen solch einen Barockklang bevorzugen würden. Doch Aufnahmen kleinerer Label mit einer zurückhaltenden Ästhetik  verkaufen sich ja nicht unbedingt schlechter.

Philippe Jaroussky ist sehr erfolgreich mit dem, was er tut und es scheint ihm vergönnt zu sein, dass er im Moment in der glücklichen Lage ist, eine ganze Menge Herzens-Projekte verwirklichen zu können. Eines davon ist auch seine "Académie Musicale Jaroussky" für Kinder und junge Erwachsene, die jetzt im September eröffnet wurde und mit der er den Zugang zur klassischen Musik "demokratisieren" möchte.

Hier erklingt zum Abschluss noch die Arie des Riccardo "Agitato da fiere tempeste" aus Händels Oper ‚"Riccardo Primo, re d'Inghilterra", "Richard der Erste, König von England". Es ist die virtuose Schlussnummer des ersten Aktes. Richard Löwenherz ist auf dem Dritten Kreuzzug unterwegs, um seine Verlobte Costanza zu retten, die vor Zypern Schiffbruch erlitten hat und von Isacio gefangen gehalten wird. Getröstet mit dem vermeintlichen Versprechen, Costanza mitnehmen zu können, freut sich der naive Riccardo, dass er durch das stürmische Meer voller Widrigkeiten einen sicheren Kurs eingeschlagen habe.

Musik: Georg Friedrich Händel, aus: Riccardo Primo, re d'Inghilterra, Arie "Agitato da fiere tempeste"   

The Händel Album
Philippe Jaroussky, Countertenor und Leitung: Ensemble Artaserse
Erato/Warner Classics CD 0190295759667

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