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StartseiteForschung aktuellAlternative Grippebehandlung03.11.2006

Alternative Grippebehandlung

Deutsche Forscher testen einen Wirkstoff aus den Blätter der Zistrose

Ist eine echte Grippe erst einmal ausgebrochen, hilft im Moment nur ein Wirkstoff, der in den antiviralen Medikamenten Tamiflu und Relenza enthalten ist. Kaum zu glauben, dass Tamiflu beinah vom Markt genommen worden wäre. Dank der in Asien grassierenden Vogelgrippe und der damit einhergehenden Angst vor einer weltweiten Grippeepidemie hat sich das Tamiflu-Geschäft für die Firma Roche gelohnt. Sollte es tatsächlich zu einer Pandemie kommen, sind allerdings Alternativen notwendig. Und die wachsen vor unserer Haustür, wie Forscher aus Tübingen und Berlin festgestellt haben.

Von Kristin Raabe

Die Zistrose enthält so genannte Polyphenole, die  offenbar gegen eine bestehende Grippe helfen können. (AP)
Die Zistrose enthält so genannte Polyphenole, die offenbar gegen eine bestehende Grippe helfen können. (AP)

Anfang Juni reckt sie in manchen Regionen Griechenlands ihre pinkfarbenen Blüten in den blauen Himmel: Die Zistrose ist aber nicht nur hübsch anzusehen. In Griechenland gilt sie schon seit Jahrhunderten als wertvolle Heilpflanze. Das Geheimnis ihrer Heilkraft schlummert nicht in den hübschen Blüten, sondern in ihren Blättern. Darin befinden sich so genannte Polyphenole, jene Substanzen, die auch den Rotwein so gesund machen. Die Zistrose enthält nur die wertvollsten Polyphenole - und die in extrem hoher Konzentration. Dank dieser Polyphenole kann ein Extrakt aus Zistrosen sogar den aggressiven Grippeviren den Garaus machen. Das haben die Forschungen von Oliver Planz vom Friedrich-Löffler-Institut in Tübingen ergeben:

" Was wir in den letzten Jahren herausgefunden haben, ist, dass sich diese Polyphenole wie ein Film um ein virales Protein lagern und somit die Anheftung des Virus', des Grippevirus' an die Wirtszelle verhindern. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Stellen sie sich vor, sie haben einen Haustürschlüssel und sie wickeln den ein mit Tesafilm, dann werden sie nicht mehr das Türschloss damit aufschließen können. "

Der Schlüssel, der einem jeden Grippevirus Zutritt zu menschlichen Zellen verschafft, ist das so genannte Hämagglutinin und genau dieses Eiweiß verkleben die Polyphenole aus dem Cystusextrakt.

Um zu sehen, ob das Prinzip nicht nur in der Petrischale, sondern auch in einem echten Organismus funktioniert, hat Oliver Planz Mäuse mit verschiedenen sehr aggressiven Grippeviren infiziert. Anschließend ließ er die Mäuse ein Aerosol aus Cystusextrakt einatmen. Damit kamen die Polyphenole in die Atemwege, dorthin, wo sich Grippeviren am wohlsten fühlen.

" Die Ergebnisse haben unsere Erwartungen bei weiten übertroffen. Es war eigentlich so, dass die mit Cystus behandelten Mäuse, die zeigten keinerlei klinischen Symptome. Sie zeigten keine Veränderung. Man konnte vielleicht mal sagen, dass die eine oder andere Maus sich ein kleines bisschen unwohl gefühlt hat. Das war aber eher subjektiv und konnte nicht irgendwie gemessen werden. Hingegen die Kontrollmäuse, die also kein Cystus erhalten haben, die erkrankten alle sehr, sehr stark, und 50 Prozent der Mäuse starben auch an dieser Erkrankung. "

Oliver Planz hätte seine Ergebnisse gerne noch mit der Standartbehandlung gegen Grippe verglichen und die heißt im Moment noch Tamiflu. Die Firma Roche hat sich allerdings geweigert, den Forschern die Reinsubstanz, die sie für ihre Untersuchungen brauchen, zur Verfügung zu stellen. So ein Vorgehen ist innerhalb der Pharmaindustrie und unter Wissenschaftlern eigentlich unüblich.

" Wir sind ja keine kommerzielle Firma. Und wenn einmal eine wissenschaftliche Erkenntnis publiziert worden ist, dann sollten die Produkte oder Substanzen auch anderen Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt werden. "

Egal wie der Vergleich zwischen Cystusextrakt und Tamiflu bei den Mäusen ausgefallen wäre. Entscheidend ist, wie Menschen mit einer echten Grippe auf Cystus reagieren. Das untersuchten Kollegen von Oliver Planz, an der Charité in Berlin:

" Da zeigte sich auch ein sehr interessantes Ergebnis: Von diesen 300 Patienten wurden 141 Influenzavirus-positiv getestet in einem Virusnachweis. Das heißt, die hatten wirklich Grippe und von diesen 141 zeigten 112 nach der Zystus-Behandlung eine deutliche Besserung und nur 29 zeigten keinen Effekt. "

Anders als die Mäuse erhielten die Menschen, den Cystusextrakt allerdings in Form von Lutschtabletten, die es übrigens in jeder Apotheke gibt. Nennenswerte Nebenwirken traten dabei nicht auf.

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