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StartseiteSprechstundeWenn alte Menschen stürzen15.03.2016

AlterstraumatologieWenn alte Menschen stürzen

Ein Drittel aller 65-Jährigen stürzt mindestens ein Mal pro Jahr, bei den über 80-Jährigen sind es mehr als 40 Prozent. Und die Verletzungen sind oft kompliziert, haben teilweise lebensbedrohliche Folgen. Experten haben auf einem Kongress zu Alterstraumatologie beraten, wie man die Versorgung nach einem Sturz verbessern kann.

Von Mirko Smiljanic

Eine Pflegerinn begleitet am 12.02.2015 in Hamburg eine Bewohnerin eines Seniorenwohnheims mit ihrer Gehhilfe (Rollator). (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)
Im Alter können verringerte Muskelkraft, fehlende Balance und die allgemeine Einschränkung der Mobilität zu Stürzen führen, die gravierende Folgen haben können. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)

Verringerte Muskelkraft, fehlende Balance, allgemeine Einschränkung der Mobilität – das Risiko zu stürzen hat im Alter viele Ursachen. Neben den zum Teil gravierenden orthopädischen Folgen, sehen Mediziner aber noch einen weiteren Aspekt: Menschen jenseits der siebten Lebensdekade sind häufig multimorbid, leiden also gleich an mehreren Krankheiten. Alterstraumatologie müsse deshalb immer aus den Perspektiven des Chirurgen und des Internisten betrachtet werden.

"Denn die Patienten, um die wir uns gemeinsam kümmern, haben ein chirurgisches Problem, in aller Regel eine Fraktur, einen Knochenbruch, aber sie haben in der Regel viele weitere Probleme, eine vorbestehende Gangstörung, sie haben eine Herzinsuffizienz, sie sind Diabetiker und sind durch diese Vor- und Begleitkrankheiten natürlich gefährdet, Komplikationen nach der Operation zu entwickeln."

Medizinisch sei das eine ausgesprochen gefährliche Situation, die rasche Hilfe erfordert – so PD Dr. Rupert Püllen, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik im Agaplesion-Markus-Krankenhaus Frankfurt am Main und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Im Vordergrund steht zunächst die orthopädische Versorgung der Patienten, die häufig bereits eine Prothese, also ein künstliches Gelenk haben und zusätzliche Implantate zur Stabilisierung der Knochen benötigen. Dabei werden Chirurgen mit gleich zwei Problemen konfrontiert.

Besondere Probleme entstehen, wenn Hüftprothesen beschädigt werden

"Zum einen haben diese Patienten häufigst, das ist ja Ursache des Bruches, eine Osteoporose, der Knochen selber gibt nicht mehr den Halt für eine Verankerung eines zusätzlichen Implantates; und zweitens liegt dann noch im Knochen eine Prothese, die er, wenn sie stabil ist, idealerweise behalten sollte, damit der Patient eben möglichst schnell wieder laufen kann."

Professor Steffen Ruchholtz, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Marburg. Lange standen Chirurgen vor fast unlösbaren Problemen, wenn während eines Sturzes zum Beispiel Hüftprothesen beschädigt oder gelockert wurden. In diesen Punkt habe sich die Chirurgie alter Menschen weiterentwickelt, konnte Ruchholtz auf dem Kongress "Alterstraumatologie" berichten.

"Die zwei wichtigsten Punkte sind zum einen moderne Plattenimplantate, die es erlauben, an Prothesen vorbei, Schrauben und Platten zu fixieren; und das zweite, was wir auch herausgefunden haben, dass wir durch minimalinvasive Verfahren, also schonende Verfahren, also kleinste Zugänge, nicht länger als fünf Zentimeter, Platten unter die Haut hindurch an die Knochen schieben und dort platzieren."

Infektionen und Blutungen lassen sich eindämmen, außerdem steigen die Heilungschancen und die Heilungsgeschwindigkeit. Genau darauf komme es ja an, so Rupert Püllen. Ein Geriater müsse bei gestürzten Menschen immer gleich drei Punkte im Blick haben.

"Erstens muss er die Frage klären, warum ist der Patient überhaupt gestürzt; die zweite Frage, die der Geriater beantworten muss, warum ist der Knochen gebrochen, ein gesunder Knochen bricht ja nicht, wenn ein Patient aus dem Stand stürzt, oft liegt eine Osteoporose als Ursache vor; und die dritte Frage, die der Geriater beantworten muss, wie kriege ich den Patienten wieder fit für den Alltag."

Dazu zählen Physiotherapie, eine effektive Behandlung von Schmerzen sowie ein angemessener Umgang des Patienten mit Medikamenten.

"Medikamente können nützen, Medikamente können schaden, da den richtigen Weg zu finden, ist eine hohe Kunst."

Bleibt zum Schluss die Frage, wo vor dem Hintergrund einer zwar alternden, bei genauem Hinsehen, aber auch erstaunlich fitten Gesellschaft, Alterstraumatologie beginnt. Steffen Ruchholtz:

"Wir haben uns in der Medizin so ein bisschen aus der Frage herausgemogelt, in dem wir gesagt haben, ab einem biologischen Alter von 75 in etwa, das heißt, es gibt aber auch immer mehr in unserer Gesellschaft, das ist ja auch erfreulich, sehr fitte 70- oder 80-jährige, die auch zu uns kommen wegen Sportverletzungen, hier sprechen wir dann gar nicht von Alterstraumatologie sondern hier sprechen wir von ganz normaler Traumatologie, also die gibt es auch."

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