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StartseiteDlf-MagazinWie ein ganzes Dorf unter den Hammer kommt07.12.2017

Alwine wird versteigertWie ein ganzes Dorf unter den Hammer kommt

In Alwine im Süden von Brandenburg leben 15 Menschen. Die Häuser sind verfallen, viele Gärten verwildert. Jetzt wird das Dorf in Berlin versteigert - ohne dass die Bewohner eine Rolle spielen. Bei 125.000 Euro liegt das Erstgebot.

Von Manuel Waltz

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Erika Kühne (79) und Paul Urbanek (71) im brandenburgischen Alwine: Das ganze Dorf soll versteigert werden (picture alliance/ dpa/ Patrick Pleul)
Erika Kühne (79) und Paul Urbanek (71) im brandenburgischen Alwine: Das ganze Dorf soll versteigert werden (picture alliance/ dpa/ Patrick Pleul)
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Ganz im Süden von Brandenburg führt eine schnurgerade Landstraße durch einen dichten Wald. Hier liegt Alwine, eine kleine ehemalige Bergbausiedlung. Sechs Häuser reihen sich längs eines Weges, der von der Landstraße weg etwa 300 Meter in den Wald führt. Alwine soll am Wochenende versteigert werden, als Ganzes. Bei 125.000 liegt das Erstgebot. Der Rentner Paul Urbanek kommt ursprünglich aus der Nähe von Kiel. Er wohnt hier seit 2010. Vom Verkauf des Dorfes erfuhr er, als plötzlich ein Schild in Alwine stand, das die Versteigerung angekündigte:

"Konnten die uns nicht mal ein Schreiben her schicken? Dass wir Bescheid wissen vorher schon? Dann wäre alles kein Thema gewesen. Aber wir wussten ja von gar nichts. Wir wurden ja von heute auf morgen ins kalte Wasser geschmissen. Und das finde ich nicht richtig." 

Ehemals volkseigene Objekte

Auch Andreas Claus ist sauer. Er ist Bürgermeister der Stadt Uebigau-Wahrenbrück, zu der Alwine gehört. Heute ist er hierhergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Früher wurde auf dem Gelände Kohle in einem Bergwerk gefördert, bis Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Tagebaue in der Gegend öffneten. Alwine wurde dann zur Siedlung für die Arbeiter der nahen Brikettfabrik umgebaut. Zu DDR-Zeiten lebten etwa 50 Menschen im Ort, erinnert sich der Bürgermeister. Als nach der Wende dann die Tagebaue und die Brikettfabrik geschlossen wurden, begann der Exodus. Heute gibt es noch 15 Bewohner.

"Das war vorher Volkseigentum, kam dann in die Verwaltung der Treuhand und die Treuhand hatte dann die Aufgabe, die ehemals volkseigenen Objekte zu veräußern. So, und dann ist das also im Gesamtpaket 2001 verkauft worden und seit 2001 ist so gut wie nichts passiert an diesem Grundstück." 

Damals kaufte eine Immobiliengesellschaft die Siedlung. Später wurde sie dann von zwei Brüdern übernommen. Keiner der Eigentümer, so berichten Bürgermeister und Bewohner, hat sich jemals in Alwine blicken lassen oder sich irgendwie darum gekümmert.  

"Und wenn der vormalige Eigentümer oder einer der beiden, der eine ist ja verstorben, das dann einem Bankhaus übergibt und die Schwächsten unserer Gesellschaft zum Spekulationsobjekt werden, dann, finde ich, passt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung etwas nicht, und es passt aber auch in den gesetzlichen Grundlagen etwas nicht." 

Was werden die neuen Besitzer an den Häusern machen?

Eigentum verpflichte und die Besitzer hätten die Mieter bislang sträflich vernachlässigt, findet Claus. Die Häuser sind verfallen. Der Putz bröckelt, auf den Dächern fehlen Ziegel. Einige stehen ganz leer und verfallen. Die Gärten sind teilweise verwildert, andere aber gut gepflegt. Paul Urbanek steht vor dem Haus, in dem er wohnt. Auch hier löst sich Putz von der grauen Fassade. Der Rentner bewohnt eine der beiden Wohnungen im Erdgeschoss. Von den neuen Besitzern erhofft er sich, dass sie endlich mal was machen. 

"Da, das Dach neu decken, wo das durchregnet, den Schimmel beseitigen, oben, wo die Gauben sind, da bei den Gauben, da regnet das durch, dann noch die Dachrinnen. Aber wenn er dann anfängt zu reißen, dann kann man gleich alles nieder machen. Das kostet nämlich noch mehr wie 125.000." 

Wenn saniert würde, dann hat er auch Angst, dass die Mieten steigen. Und die Nebenkosten. Die Kohlen und das Holz für die Ofenheizung sind günstig. Eine Gas- oder Ölheizung, meint er, könne er vermutlich nicht bezahlen. Und weg will er nicht. Er mag es hier in der Einsamkeit: 

"Hier drüben habe ich meinen Garten, da kann ich grillen, wann ich will, Musik hören, wann ich will, von morgens bis abends, ja. Und da stört mich keiner außer den Wildschweinen und Rehen und Hirschen und was weiß ich alles. Aber die stören mich auch nicht." 

Bürgermeister: Es gibt auch positive Entwicklungen

Paul Urbanek läuft an Bürgermeister Andreas Claus vorbei in Richtung seines Gartens. Plötzlich ertönt das Signal der alten Brikettfabrik, die heute ein Museum ist.  

"Das ist unsere Louise, die sich meldet. Also das ist ein Signal für eine Bergbauregion. Louise ist noch da. Auch wenn die Brikettfabrik nicht mehr in Betrieb ist, meldet sich Louise drei Mal."   

Die vielen Arbeitsplätze, die es einmal im Bergbau gab, sind verschwunden. In den letzten zehn Jahren hat die Stadt Uebigau-Wahrenbrück gut 1.000 Einwohner verloren, so Bürgermeister Andreas Claus. 

"Zurück geblieben sind eben viele Ältere. Es sind aber auch, und das muss man ja auch erwähnen, positive Entwicklungen entstanden, insbesondere im Bereich des Mittelstandes gibt es sehr viele aktive mittelständische Unternehmer, da sind wir sehr, sehr stolz darauf. Und deswegen ist es uns auch wichtig zu zeigen, dass es nicht nur eine solche Situation wie hier in Alwine gibt, sondern es gibt durchaus positive Entwicklungen im mittelständischen Bereich, da sind viele Arbeitsplätze neu entstanden. Aber es hat bisher nicht gereicht, dieses Defizit auszugleichen." 

"Wer die Häuser verkauft, verkauft uns mit"

Auch Alwine könne man entwickeln, so der Bürgermeister. Die Ruhe, der Wald, die großen Gärten. Die Potenziale müsse man sehen. Stattdessen aber werde Alwine jahrelang vernachlässigt und nun in Berlin versteigert, ohne dass die Bewohner irgendeine Rolle dabei spielten.

Auf dem Weg in den Garten ist Paul Urbanek noch einmal kurz stehen geblieben. Er hat im Prinzip nichts gegen die Versteigerung, hofft aber, dass der neue Besitzer die Bewohner endlich wahrnimmt: 

"Wer diese Häuser verkauft, der verkauft uns ja auch mit, so sehe ich das."   

Um seine Nachbarin macht er sich allerdings Sorgen, sie wohnt seit den 1960er-Jahren hier. Im Gegensatz zu ihm könne die im Notfall nicht wegziehen: 

"Die ist 79, und die möchte ich nicht vermissen, auf Deutsch gesagt. Wir helfen uns gegenseitig und dann ist das gut, ne. Wo soll die hin, in ein Altersheim, da sterben? Einen alten Baum kann man nicht mehr umpflanzen."

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