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StartseiteBüchermarktAm Anfang ein Gewitter08.04.2004

Am Anfang ein Gewitter

Arne Nielsen über Donnys neues Auto

Dem jungen Mann, der mir in der Koje des Liebeskind-Verlags gegenübersitzt, um mir ein paar Fragen zu seinem Erstlingsbuch zu beantworten, missfällt der Messerummel außerordentlich. Daß er kurz darauf auf einem der unzähligen Podien aus dem Buch vorlesen muß, sagt er mir nicht. Die vierzehn kurzen, knappen, wie beiläufig erzählten Geschichten wollen nicht mehr sein als erste Elaborate eines jungen, noch unerfahrenen Schriftstellers. Sie kommen auffallend unprätentiös daher. Aber man lasse sich nicht täuschen von ihrer Kürze und Prägnanz. Denn so harmlos wie ihr Titel "Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell" sind sie nicht.

von Cornelia Staudacher

Arne Nielsen, "Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell", Coverausschnitt (Liebeskind Verlag)
Arne Nielsen, "Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell", Coverausschnitt (Liebeskind Verlag)

Ich hab mal so geschrieben und mal so geschrieben und ich hatte son Gefühl, daß, wenn ich zu weit aushole, dann fange ich was an zu versuchen, wozu ich nicht in der Lage bin. Ich bin kein Schöngeist, ich möchte nur das schreiben, worum es geht, und das ist wahnsinnig schwierig beim Schreiben. Wenn man sich mal fragt, was möchtest Du schreiben, tendiert man doch dazu, alles mögliche anders zu machen, und ich möchte versuchen, ich bin jetzt sehr am Anfang, das dauert sehr lange, aber daß, wenn jemand meine Bücher liest, es pointiert ist, und daß die Leute sagen, er versucht nicht, "entertainment" zu machen, er versucht tatsächlich, er weiß, was er sagen will, und manchmal habe ich ein Gefühl, Schriftsteller, die fangen wo an und landen dann woanders. Ich versuche das ein bißchen im Griff zu halten. Und da ich noch nicht so viel kann, halte ich es kurz und so habe ich das Gefühl, ich habe es so ein bisschen im Griff.

Arne Nielsens Kurzerzählungen wirken abgezirkelt und kalkuliert wie Paradestücke aus einem mit Erfolg absolvierten creative writing-workshop, dessen Aufgabenstellung in etwa gelautet haben könnte: Umfang nicht mehr als acht Seiten, kleiner Paukenschlag am Anfang und ein überraschender Wendepunkt gegen Ende der Erzählung. Bei aller Unprofessionalität, die Arne Nielsen für sich in Anspruch nimmt, scheint er doch eines beherzigt zu haben: Mit einem Gewitter anfangen, und dann ganz langsam steigern, wie es Alfred Hitchkock einmal formuliert hat.

Es geht in den vierzehn ebenso kurzen wie pointierten Erzählungen um unter der Oberfläche des vermeintlich Alltäglichen schlummernde Aggressions- und Gewaltphantasien. Manche der überraschenden Fehlhandlungen erinnern in ihrer Absurdität an die Aura Kafkascher Erzählungen. Nielsens Geschichten sind angesiedelt irgendwo zwischen Bichsel und Kafka.

Der Grund für das Schreiben, ich habe etwas zu sagen, weil was mich interessiert. Es stimmt doch nicht, wenn was gut ist. Wann hört das auf. Ich hab viel Angst davor, dass Sachen sich verändern ins Negative. Das ist in mir drin und das wird rein fließen in den Text, und ich glaube, das macht auch nichts, weil das, worüber ich schreibe, ist ja nicht nur Alltag, weil diese Möglichkeiten gibts überall, es kann alles passieren, die ganze Zeit,. und das versuchen wir manchmal zu übersehen, weil dann geht es uns besser, aber es ist ein wahnsinniges Drama, das Leben letztendlich.

Arne Nielsen berichtet von den größeren und kleineren Dramen des Alltags auf eine flirrende, beunruhigende, irritierende Weise. Das Leben als Gradwanderung zwischen Konventionen und Emotionen, zwischen geregeltem Alltag und unterdrückten Haß- und Angstgefühlen. Nach einem kleinen Paukenwirbel am Anfang wendet er sich einfachen Alltagsbeobachtungen zu, um schließlich in die tieferen Schichten der Personen vorzudringen, wo Unkalkulierbares, Unheimliches verborgen liegt, unterdrückte Aversionen und Frustrationen, die sich in absonderlichen Verzweiflungs- oder Gewalttaten Bahn brechen.

In Enten füttern schlägt der Jüngere, ein entlassener Straftäter, den älteren Herrn im Park nieder, obwohl er ihn zuvor, als er ihn im Lesesaal der Bibliothek traf, "in Ordnung fand". "Zumindest hofft er das. Sicher kann er sich aber natürlich nicht sein." Seelenruhig sieht der Videobesitzer das Haus seines Nachbarn brennen, obwohl – oder gerade weil? – er seine Frau dort in den Armen des Nachbarn weiß. In Fleisch nimmt sich ein Mann das Leben, nachdem er zuvor vergeblich versucht hat, mit seinem Nachbarn wie an vielen anderen Abenden zuvor ins Gespräch zu kommen. Bei beiden schmort ein Truthahn im Backofen, der durchaus für ein Essen zu zweit gereicht hätte.

Kaltblütig steckt der Ich-Erzähler in Tatendrang die Wohnung der Schneiderin seiner Frau in Brand, weil er sich über deren Hund geärgert hat. In Labrador ermutigt der Psychiater den Ich-Erzähler, seine unterschwelligen Aggressionen an seinem toten Hund auszulassen. "Mein erster Tritt, der von ungeahnter Wucht war, überraschte den Doktor ebenso wie mich. Er schrie und warf sich auf den Boden."

Vor Überraschungen ist der Leser ebenso wenig gefeit wie vor der Ahnung, daß es sich hier um ganz normale Verrückte handelt, um Menschen wie du und ich. Genüßlich spielt der Autor mit den Erwartungen des Lesers und jongliert auf dem schmalen, aber gefährlichen Pfad zwischen Tragik und Komik. Der Augenblick des Kippens vom Normalen ins Gewalttätig-Abnorme ist meist überraschend und nicht voraussehbar.

Das fließt so ein. Ich bin niemand, der sich hinsetzt und sagt, das mache ich wegen der literarischen Pointe willen, das machen die Schöngeister, das mache ich nicht, bei mir ist es einfach so, es kippt tatsächlich, ich fang an zu schreiben, ich hab ne Ahnung, wo ich hin will, und es kippt tatsächlich, weil ich tendiere dazu, ich merke, die ganzen Geschichten haben diesen Knick, und ich muß das glaube ich ein bißchen akzeptieren, das ist so wie ich das mache, das muß natürlich entwickelt werden, es muß besser werden, nicht ganz so deutlich, ein bißchen subtiler, das kriege ich vielleicht in zehn Jahren hin, aber das ist was, was von mir kommt, ich bin nicht in der Lage solche Sachen, da fehlt mir die Fähigkeiten, das machen die großen Schriftsteller.

In der zeitgenössischen Literatur fehlt Nielsen nach eigenen Aussagen der Überblick. Dem Literaturbetrieb mit seinen "Schöngeistern" und "Möchte-gern-Literaten" hält er sich lieber fern. Er orientiert sich an den Klassikern, die er in der Bibliothek seiner Schwiegereltern findet. Aber auch bei der Frage, was er gern liest, läßt er eher Bescheidenheit walten.

Erstmal geht’s nicht darum, nicht, was ich lese, sondern wann ich angefangen habe zu denken, und das habe ich gemacht mit sieben, und zwar heftigst, und habe immer wahnsinnig gern gelesen, das ist das schönste, was man machen kann, ein Buch zu lesen, im Fernsehen wird eine Geschichte erzählt, im Theater bekommen wir was vorgespielt, beim Buch guckt uns niemand über die Schulter, wir sind allein, wir müssen allein was machen, das ist was ganz wichtiges, ich bin sehr für Bücherlesen, seitdem ich zwölf oder dreizehn bin, ich lese viel, nur ich merke auch, je mehr du liest, je wahnsinnig weniger du weißt, deswegen kann ich nicht behaupten, mit 32 habe ich viel gelesen, das ist Quatsch, ich merke doch auch, wie wahnsinnig viel es da gibt, und deswegen stimmt es auch, daß ich nicht viel weiß und nicht viel gelesen habe, das kann nicht sein, wer was anderes behauptet, der lügt.

Arne Nielsen wurde 1971 in Dänemark geboren. In seiner Kindheit sprach er Dänisch, die Sprache seiner Mutter, und Norwegisch, die Sprache seines Vaters. Er erlernte den Beruf des Herrenschneiders, besuchte dann eine Wirtschaftsschule und arbeitete in verschiedenen Jobs, als Tankwart, Friedhofs-wärter und Konsulatsbeauftragter, bevor er mit dem Schreiben anfing. Heute lebt er mit seiner deutschen Frau und seiner Tochter in Hamburg und schreibt in einer Sprache, die er erst vor nicht allzu langer Zeit gelernt hat.

Wenn Du was schreibst, auf Deutsch, das ist die hübscheste Sprache; die Deutschen mögen sie nicht, aber die deutsche Sprache ist so hübsch, so stark, einige von meinen Lieblingsschriftstellern aus Amiland, ich meine, es gibt viele gute Literaten in USA, die sind, wenn sie dann übersetzt werden, viel stärker in Deutsch, ich will es unbedingt hinkriegen, auf deutsch zu schreiben, weil der gleiche Text in Dänisch nicht halb so gut ist,... wenn ein Mann mit einer guten Stimme eine Geschichte zu erzählen hat und macht das in Deutsch, das hat ne gewisse Kraft, finde ich schon; die Deutschen finden es furchtbar exotisch, wenn ein Franzose spricht, aber ich finde, wenn ein deutscher Mann, und ich rede von einem richtigen Mann, nicht ein Bursche wie ich, ein richtiger Mann spricht, dann ist das ein ganz, ganz tolles, ist stark.

Hoffentlich bewahrt sich Arne Nielsen seine Unmittelbarkeit und Direktheit. An sich stellt er gehörige Ansprüche, denn er weiß es zu schätzen, zu denen zu gehören, die privilegiert sind, ihrem Hobby nachgehen zu können, und das ist bei ihm das Schreiben.

Ich hab immer Lust drauf, weil ich finde, daß es ein ziemlicher Luxus ist, sich hinzusetzen, ich brauche da von niemandem was und kann selber mich unterhalten, das ist ne schöne Sache, ich mag diesen Akt des Schreibens, nur erst seit drei, vier, fünf Jahren hab ich mich entschieden, jetzt soll‘s ernst werden, und man soll im Leben das machen, wozu man Lust hat, das erzählt uns die Gesellschaft, das dürfen wir nicht, das ist zu gefährlich, wir müssen Hodenkrebs kriegen mit siebzig und unglücklich sein, aber vielleicht gibt‘s auch was anderes.

Sein erstes Buch ist bemerkenswert und frappierend. Daß man gelegentlich den Eindruck hat, der Autor sei selbst überrascht über die unerwartete Wende, die seine Geschichten nehmen, tut ihrer Wirkung keinen Abbruch, sondern macht gespannt auf weitere Elaborate aus seiner Feder.

Arne Nielsen
Donny hat ein neues Auto und fährt etwas zu schnell
Liebeskind Verlag, 124 S., EUR 14,90

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