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StartseiteBüchermarkt"Am Anfang stand für mich diese Alte, die da aus dem Sarg fällt"23.05.2011

"Am Anfang stand für mich diese Alte, die da aus dem Sarg fällt"

Katharina Born: "Schlechte Gesellschaft". Hanser Verlag, München

Katharina Borns Vater ist der 1979 gestorbene Dichter Nicolas Born. Ihr Debüt "Schlechte Gesellschaft" ist ein ambitioniertes Werk, eine komplizierte, mehrfach gespiegelte Familiengeschichte, in die vielleicht noch zu viel hineingepackt ist, die sich aber gleichwohl zu vielen spannenden Themen hin öffnet.

Von Ulrich Rüdenauer

Ein Roman entwickelt oft ein Eigenleben. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Ein Roman entwickelt oft ein Eigenleben. (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

"Der Sarg polterte auf dem matschigen Pfad abwärts, scherte aus nach rechts und prallte an einen Baumstumpf. Der Oberkörper der Toten zeigte sich über dem Rand der zerborstenen Kiste. Ihr nasses Haar klebte am Schädel. Die letzten Zähne der Witwe, ihr seit Jahren kaum mehr dienlich, ragten aus dem geöffneten Mund hervor. Und Irma Vahlens einst so blaue Augen waren unter den Lidern eingefallen wie dunkle Trichter."

"Am Anfang stand für mich diese Alte, die da aus dem Sarg fällt, das war einfach eine Geschichte, die ich unglaublich fand (...) Das ist eine Geschichte, die mein Onkel immer gerne erzählt hat, und das ist eben eine Ur-Vorfahrin, die tatsächlich aus dem Sarg gekippt ist, und für mich war das ein Bild, was mir hängen geblieben ist und was ich immer Lust hatte aufzuschreiben."

Katharina Born hat nun die Geschichte dieser Ur-Vorfahrin aufgeschrieben, und noch etliche mehr: Ihr erster Roman, nur knapp 250 Seiten dick, umfasst doch eine Zeitspanne von 150 Jahren – Lebensgeschichten und –Dramen, Weltkriege und Revolutionen, viele Zeitschichten und noch mehr Figuren erschaffen ein Panorama vom Kaiserreich bis in die Gegenwart. Irma Vahlen steht am Anfang, und es sind noch andere Frauen aus dieser Familie Vahlen, die nach und nach in kurzen Episoden eingeführt werden: Martha und Hella, deren Tochter Judith und die Enkelin Alexia.

"Da ich mich sehr für Geschichte interessiere und das so dieser Hintergrund war mit der Geschichte, ist für mich deutlich, zumindest in meiner Familiengeschichte ist es ganz deutlich und eigentlich überall, wo man hinguckt, sind es ja die Frauen, die übrig bleiben, nachdem die Männer irgendwas gemacht haben und meistens leider früher abtreten; irgendwie bleiben die Frauen übrig. Und das ist in meinem Leben ganz dominant so gewesen. Das fand ich, war eine Erfahrung oder was mir wichtig ist, worüber ich gerne schreiben wollte. Und diese Frau da, die aus dem Sarg kippt, für mich hat diese Sache eben auch etwas sehr Deutsches. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen komisch an. Aber wenn man im Ausland lebt, dann sieht man das ja viel deutlicher und hat immer viel mehr das Gefühl, dass das so typisch ist, diese zurückgebliebenen Frauen, die dann irgendwie bitter vor sich hinwirtschaften oder mehr oder weniger bitter oder besser oder weniger gut. Und dieses Zusammenhalten, was ich erlebt hab in meiner Geschichte einer kleinen Familie, die so übrig bleibt, eines Familienteils, der übrig bleibt, das war für mich sehr stark, und das soll auch in dem Buch sehr stark rauskommen (...)"

Born erzählt nicht chronologisch. Die verschiedenen Zeitebenen überlagern sich; durch die kurzen Szenen entsteht so etwas wie eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Zwischen den Generationen werden immer wieder ähnliche Muster kenntlich, die Geschichte prescht voran und wiederholt sich gleichwohl.

"Für mich ging's um größere Sachen, und für mich ging's um diese Generation, um die Geschichte, das war so die Grundidee: diese Generationenabfolge, und klar, diese Zeitenverschiebung und –Verschränkung, und die Charaktere konnten ja nicht so wahnsinnig viel Kraft gewinnen, weil ich das so kondensieren musste."

Tatsächlich fühlt man sich als Leser zuweilen hin- und hergeworfen. Borns Figuren bleiben oftmals schemenhaft; sie scheinen mehr etwas zu verkörpern, als dass sie selbst Körperlichkeit erlangen. Man verliert zuweilen ein wenig die Orientierung. Den Stammbaum, den die Autorin während des Schreibens mit einem Computerprogramm angefertigt hat, muss man sich als Leser erst zusammenbasteln, und da die Geschichte eben auch von unklaren Familienverhältnissen handelt, von Vergewaltigungen, möglichem Inzest und undurchschaubaren Beziehungen geprägt ist, muss die Familienaufstellung immer etwas im Ungefähren bleiben.
Dennoch gibt es ein Zentrum in diesem Roman, ein Kraftfeld, um das sich die vielen Anekdoten und Schicksalsschläge anordnen oder besser: auf das sie zulaufen. Anlass für das Hinabtauchen in die Familienhistorie liefert nämlich der Nachlass des Dichters Peter Vahlen. Ein junger Doktorand namens Wieland, der sich über den 68er-Autor Gert Gellmann promovieren lassen will, interessiert sich für diesen Nachlass. Vahlen und Gellmann waren befreundet, haben Briefe gewechselt, und einige Erkenntnisse scheinen in alten Kisten und Kasten noch zu schlummern. Vahlen hat nach seinem Tod Berühmtheit erlangt durch eine Fernsehserie, die auf seinem Werk basiert: "Villa Westerwald". Und seine Witwe geht mit dem Erbe sehr restriktiv um. Wieland wagt sich dennoch in die Höhle der Witwe vor, begegnet dort deren Tochter Judith, die nicht nur seinem Vorhaben sehr viel aufgeschlossener gegenüber steht, sondern auch Wieland selbst. Die beiden entdecken ein unveröffentlichtes Manuskript Vahlens, das Geheimnisse zu bergen scheint und noch viel mehr Spuren in die Familiengeschichte. Es beginnt ein teils absurdes Rätselraten um deren Hinter- und Abgründe.

"Die vielen Übereinstimmungen des Manuskripts mit der Fernsehserie konnte Wieland sich nur damit erklären, dass die Vorlage für beide nicht der Roman, sondern die Familiengeschichte selbst gewesen war. Bei Westerwald handelte es sich um ein großangelegtes Epos, das bis in das Kaiserreich zurückreichte. In seinem neuen Werk hatte Peter Vahlen die Chronik offensichtlich fortsetzen wollen. Aber die Figurenkonstellationen vervielfältigten sich. Nie war klar, wer nun welches Kind gezeugt hatte und ob nicht vielleicht doch alles ganz anders gewesen war. Und der auf den ersten Blick so deutliche Zusammenhang der Figuren mit realen Figuren erwies sich als hochkomplex."

All das spiegelt sich in Katharina Borns Roman – und damit auch die Unwägbarkeit und die Zweifelhaftigkeit allzu naiver biografischer Lesarten eines literarischen Werks. Born versucht dabei sehr viel in ihrem Roman unterzubringen, die Geschwindigkeit ist enorm; sie bedient sich kolportagehafter Mittel und immer überdrehterer Wendungen. Die Sprache bleibt dabei allerdings realistischer Darstellung verpflichtet – was zu einem merkwürdigen, aber auch interessanten Riss führt. Die Fernsehserie "Villa Westerwald", die überhaupt erst zum späten Ruhm Peter Vahlens beiträgt, könnte ja tatsächlich eine Steilvorlage für komische, übersteigerte Elemente bieten – Born hält sich allerdings zurück, versucht durch den Ton das Geschehen nicht noch zusätzlich ins Satirische zu treiben. Das Konzept der Fernsehserie, das lässt sich jedoch deutlich erkennen, hat die Komposition des Buches stark beeinflusst. Die kurzen Episoden, der Trash-Charakter, die ständige Heraufsetzung der Reizschwelle, das prominent eingesetzte Inzestmotiv und die Cliffhanger, die oftmals am Ende eines Kapitels stehen, sind Übernahmen aus serialen, süchtig machenden Fernsehplots.

"Es war auch so eine Idee vom Anfang, dass ich das alles so persifliere; irgendwann hat mir das gar nicht mehr so gefallen, dieser Ton, und das glitt dann auch immer in so einen Trash-Ton ab, und das musste ich immer wieder mühsam versuchen auszugleichen. Es ist ja manchmal gar nicht so einfach, das zu machen, was man machen möchte. Das gewinnt so eine Eigendynamik."

Die Eigendynamik hat sicherlich auch dazu geführt, dass sich Katharina Born – vielleicht gar nicht so bewusst – in ihrem ersten Roman mit ihrer eigenen Biografie, zumindest aber mit prägenden Erfahrungen ihrer Arbeit in den letzten Jahren auseinandergesetzt hat. Katharina Born ist die Tochter des bekannten Dichters Nicolas Born, der 1979 im Alter von 41 Jahren verstarb und der auch dank seiner Tochter in den letzten Jahren eine Renaissance erfahren hat. Sowohl seine gesammelten Gedichte als auch ein sehr eindrucksvoller Briefwechsel wurden von ihr herausgegeben, sie hat sich viele Jahre mit dem Nachlass ihres Vaters beschäftigt, mit der Literatur der sechziger und siebziger Jahre, hat mit etlichen Kollegen von Nicolas Born Gespräche geführt und beide Seiten kennengelernt – die der Nachlassverwalterin und die der Herausgeberin, die auch von lebenden Dichtern Material und Informationen erhalten wollte. Judith Vahlen, die Tochter des Dichters, sagt einmal im Roman:

"An manchen Tagen fühlte sie sich durch seinen Tod betrogen, meinte, wenn er noch lebendig gewesen wäre, hätte sie ein wichtigeres Leben führen können. Ein Leben ohne die großen Fehler, die Abhängigkeiten von ihrer Mutter und immer wieder, das musste sie sich eingestehen, von den unterschiedlichsten Männern, von denen keiner auch nur entfernt an Peter Vahlen heranreichte. Zugleich war sie wütend auf sich selbst, dass sie ihre Zeit mit ihm nicht ausreichend genutzt hatte."

Und doch wäre es ein Fehler, die Geschichte als Schlüsselroman zu lesen, als authentisches Zeugnis einer Schriftstellertochter, in dem man bei einzelnen Figuren nach konkreten Vorbildern in der Literaturgeschichte der letzten 40 Jahre suchen könnte. Dafür hat Katharina Born in ihren Roman doch zu viele Fallstricke und selbstreflektorische Momente eingebaut. Hatte sie trotzdem Sorge, dass sie mit diesem Vorwurf konfrontiert werden könnte?

"Für mich war das nicht so offensichtlich. Als dann der Verlag so reagierte und sagte, was sagen Sie denn dann, wenn dann so was kommt. Oder auch Freunde von mir das gelesen haben und gesagt haben, ach, das ist aber jetzt der und der ... Und dann hab ich gesagt: nee, wieso, überhaupt nicht, kann er doch gar nicht sein. Für mich war das nicht so. Aber es ist ja Quatsch. Ich hab natürlich dann irgendwann in der letzten Zeit des Arbeitens schon gemerkt, dass das kommen würde, und hab einen Riesenschreck gekriegt. Es wurde ja gerade geschrieben von dieser schrecklichen Arglosigkeit, das kann ich nun auch nicht sagen. Es ist eher eine Art Betriebsblindheit. Man ist halt in seiner Geschichte drin und kann da auch gar nicht so richtig raus."

Katharina Borns Debüt "Schlechte Gesellschaft" ist ein ambitioniertes Werk, eine komplizierte, mehrfach gespiegelte Familiengeschichte, in die vielleicht noch zu viel hineingepackt ist, die sich aber gleichwohl zu vielen spannenden Themen hin öffnet. Man darf neugierig sein, welchen Strang Katharina Born mit ihrem nächsten Roman weiterverfolgen wird. Und dieser Roman ist bereits in Arbeit.

Katharina Born: "Schlechte Gesellschaft". Roman. Hanser Verlag. München 2011. 265 S. 19,90 Euro.

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