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StartseiteBüchermarktAm eigenen Leib18.06.2008

Am eigenen Leib

Raymond Federman betrachtet seinen Körper

Raymond Federman hat einmal bekannt, dass ihn nur "verbalisierte, wiedererzählte Fassung meines Lebens, nicht das ursprüngliche Ereignis" interessiere: Dieses wiedererzählte Leben kann verschiedenste Formen durchlaufen; Raymond Federman ist als Autor ein heiterer Spieler, dem die Schwermut in den Knochen steckt. "Alles oder nichts" hieß sein erster Roman, in dem es auch typografisch wild herging: Die Zeichen wurden erst einmal zum Tanzen gebracht. Begonnen hat Federman als Schriftsteller, der den Surrealismus im Kopf und den Schalk im Nacken hatte; dem amerikanischen postmodernen Roman gilt er neben Donald Barthelme oder Robert Coover als Wegbereiter. Raymond Federman wurde 1928 in Frankreich geboren und überlebte - wie durch ein Wunder - als einziger seiner Familie den Holocaust. 1947 zog er in die USA, wo er sich zunächst mit etlichen Gelegenheitsjobs durchschlug, bevor er als Autor bekannt wurde. 1971 ist sein erster Roman erschienen. Federman schreibt wie der von ihm bewunderte Samuel Beckett auf Englisch und Französisch. In seinem neuen Buch "Mein Körper in neun Teilen" denkt sich Federman wiederum Versionen seines Lebens aus.

Von Ulrich Rüdenauer

Raymond Federman (Deutschlandradio - Jonas Maron)
Raymond Federman (Deutschlandradio - Jonas Maron)

"Die meisten Narben bekommt man in jungen Jahren. Jung, dumm und tollpatschig. Leichtsinnig und voller Selbstüberschätzung, stellt man sich vor, dass der Körper für immer bleibt."

Eine Illusion, dass der Körper für immer bleibe. Dass er seine Schönheit und Unversehrtheit bewahren könne. Die Narben, auch jene, die an der Oberfläche nicht zu sehen sind, haben längeren Bestand. Sie sind, mit anderem Wort, das Gedächtnis. Es ist die Erinnerung, die bei Raymond Federman spricht, der Körper selbst, der etwas gelernt hat - und längst schon nicht mehr jung, dumm und tollpatschig auftritt.

Ist der Körper mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, fragt man sich zunächst bei der Lektüre von Federmans neuem Buch "Mein Körper in neun Teilen"? Bei den meisten Menschen dürfte das so sein; bei Federman aber erscheint jedes Körperteil für sich genommen schon als eigener Kosmos, als vollständiges Wesen, als Erinnerungsspeicher. Seine Zehen beispielsweise parlieren auf Französisch ebenso gern und gut wie auf Englisch (was sie mit dem zweisprachigen Herrn gemeinsam haben, der sie wackeln lassen kann); und die zum Cäsarenschnitt in die Stirn gekämmten Haare können nicht nur Depressionen, sondern auch Schreibblockaden auf magische Weise lösen. Die Hände hingegen sind dem Autor haptische Erweiterungen der Augen. Extremitäten schaffen bei Federman ihre eigene Geschichte. Die imposante, krumm gewachsene Nase, Anlass für Leid und Selbstbewusstsein zugleich, hat sogar das Zeug zur Hochstapelei: Sie glaubt nämlich ganz unbescheiden, Cyrano de Bergeracs Riechorgan zu sein. Vielleicht aber ist alles ganz anders:

"Ich bin wegen meiner Nase ebenfalls schon öfter Pinocchio genannt worden. Unter anderem wohl auch, so die Ansicht gewisser Leute, weil ich dazu neige, Geschichten zu erfinden. Vielleicht entspricht ja sogar die Geschichte meiner Nase nicht ganz den Tatsachen."

"Mein Körper in neun Teilen" ist ein charmantes, idiosynkratisches, auf gewisse Weise radikal unprätentiöses Buch, 2005 auf Englisch und nun in der genauen Übersetzung von Peter Torberg auf Deutsch erschienen. In diesem schmalen Band wird alles am eigenen Leib erfahren, Kapitel für Kapitel, Nachtrag für Nachtrag, Körperteil für Körperteil: Haare, Nase, Zehen, die Stimme oder das Geschlechtsteil, ein abgebrochener Backenzahn, die Ohren, Augen, Hände und Narben sind anatomische Stationen auf dem Weg zum Ich. Und alle Stationen zusammen ergeben eine Einübung in die eigene Vergänglichkeit: die langsame Eintragung ins Nichts.

"Tja, da es unmöglich ist zu wissen, wie viele Haare ich auf meinem Kopf hatte, als mein Haarschopf seine größte Fülle hatte, ist es ebenso unmöglich zu bestimmen, ob ich kahl sein werde oder nicht, wenn ich das Tempus wechsle."

Die Körperteile werden zu Schreibanlässen und zugleich zu sehr anschaulichen Speicherplätzen der eigenen, "wiedererzählten" Biografie; das Erleben verwandelt sich bei Federman in ein assoziatives, wild ins Kraut schießendes Erzählen. Sich selbst so radikal durchs Mikroskop zu betrachten, auch die körperlichen Unzulänglichkeiten, lässt auf eine Form der Eitelkeit schließen, die sich zugleich über alles Eitle lustig macht. Man lernt den kleinen französischen Jungen kennen, der von der Mutter ermahnt wird, sich zu kämmen, der sein Haar mit Wasser an den Kopf klatscht, während die reichen Jungs es auftoupiert tragen. Später begegnet man dem Schriftsteller, der in eine Schreibkrise gerät, die ihre Ursache im ersten Auftrumpfen dieser immer wieder spürbaren Endlichkeit hat:

"Eines Tages aber, als ich wirklich zutiefst depressiv war und sogar über Selbstmord redete, sagte meine Frau: Weißt du, es ist nicht dein Nudelbuch, warum du so miese Laune hast, es ist dein Haar. Ja, deine Tolle wird langsam lichter. Federman, du lässt langsam Federn, aber das willst du dir nicht eingestehen. Ich weiß, wie viel dir dein Haar bedeutet. Und jetzt rächt es sich dafür, dass du es so vernachlässigt hast, als du noch ein Junge warst."

Die Augen von Federmans Ich oder Alter ego spiegeln sich in denen der Frauen, die er geliebt hat, und die Frauen finden die Federmanschen Augen "tiefgründig" und "sexy". Und er bekennt sich dazu, nicht nur Voyeur zu sein, sondern auch "Toucheur".

"Sehen genügt nicht. Man muss auch fühlen, was man sieht. Zumindest trifft das auf mich zu. Ich bin jemand, der nicht nur Freude daran hat, Dinge zu betrachten, sondern der sie auch berühren, liebkosen, ihre Substanz spüren muss."

Die Freude des Berührens ist in der Freude des Beschreibens aufgehoben. "Die Geschichten, die ich schreibe, sind mein Leben", sagte Federman einmal. Der Körper schreibt das Leben, könnte man hinzufügen.

Dieses Leben wäre ihm mit 14 Jahren fast genommen worden: Raymond Federman, der amerikanische Schriftsteller jüdischer Herkunft, wurde 1928 in Paris geboren; und dann gleich noch ein zweites Mal am 16. Juli 1942, als französische Polizisten und Gestapo in die elterliche Wohnung eindringen und er von der geistesgegenwärtigen Mutter in einen Wandschrank gedrängt wird. Die Nazi-Schergen übersehen ihn, er entkommt, kann fliehen; der Rest seiner Familie wird umgebracht. In den Vereinigten Staaten beginnt für den französischen Jungen ein neues Leben als amerikanischer Mann. Federman, der sich den Surrealisten und Samuel Beckett nahe fühlt, dem so genannten postmodernen Roman in den USA wichtige Impulse lieferte, hat diese Geburt als ein immerwährendes Rätsel betrachtet: Warum ihn die Mutter in den Schrank stieß und er als einziger überlebte, ist die geheime Frage, die seinen Romanen, so spielerisch sie auch erscheinen mögen, ihre existenzielle Tiefe verleiht. So sind auch die anekdotischen, teils humoristischen, essayistischen Erzählungen, die sich um seinen Körper ranken, vielleicht notwendigerweise fragmentarisch: Die Teile des Körpers fügen sich nie zum Ganzen; die schlüssige, Zusammenhang herstellende Geschichte seines Lebens wurde an jenem 16. Juli 1942 für immer zerstört.

" "Die Stimme ist es, die dem Nichts, das uns vorangeht, und dem Nichts, das sich uns entgegen stellt, widersteht". "

Die Stimme erzählt das ganze Drama, die ganze menschliche Komödie. Man hört sie als Nachhall in der Literatur sogar noch, wenn der Körper, der sich im Lauf der Zeit seine Narben einhandelt, längst vergangen sein wird. Der Corpus geht dann endgültig über in das Corpus - die Geschichten bleiben.

Bibliografie

Raymond Federman: Mein Körper in neun Teilen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg.
Matthes & Seitz. Berlin 2008. 127 Seiten. 14,80 Euro.

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