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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteHintergrundKeine Spur von Wiederaufbau24.08.2017

Amatrice - ein Jahr nach dem BebenKeine Spur von Wiederaufbau

Vor genau einem Jahr legte ein Erdbeben Amatrice in Schutt und Asche. Noch immer sind die Aufräumarbeiten in dem Dorf 40 Kilometer nordöstlich von Rom nicht abgeschlossen. Der Wiederaufbau läuft nur mehr als schleppend voran. Wie schon nach vergangenen Beben vermuten viele, dass auch Korruption dabei eine Rolle spielt.

Von Kirstin Hausen

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Blick auf Trümmer in der Sperrzone des Zentrums der vor einem Jahr bei einem Erdbeben zerstörten Stadt Amatrice (Italien), aufgenommen am 01.08.2017. Knapp ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Italien will die deutsche Regierung mit einem neuen Krankenhaus Leben in die verwüstete Stadt Amatrice zurückbringen. Die Bundesregierung habe sechs Millionen Euro für den Bau der Klinik bereitgestellt, die Ende 2019 fertig sein soll, sagte Adler, am 01.08.2017 bei der Unterzeichnung der Finanzierungsvereinbarung in Amatrice. (zu dpa "Neues Krankenhaus für «Trümmerstadt» Amatrice mit deutscher Hilfe" vom 01.08.2017) Foto: Annette Reuther/dpa | (dpa/Annette Reuther)
Trümmer in der Sperrzone von Amatrice. Vier bis fünf LKW pro Tage transportieren Schutt ab - alles in gemählichem Tempo. Die Region Latium gilt selbst in Italien als besonders ineffizient. (dpa/Annette Reuther)
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Blauer Himmel, Sonnenschein - ein typischer Sommertag in Amatrice. Die Gipfel des Gran Sasso-Massivs zeichnen sich zackig gegen den Horizont ab. Sie umrahmen majestätisch das Felsplateau, auf dem Amatrice liegt - oder besser das, was von dem Ort übrig geblieben ist.

Langsam fährt der Feuerwehrmann Vincenzo Oddi über den vom Schutt befreiten Corso, der einstigen Hauptstraße. Rechts und links liegen aufgeschichtet die Trümmer. Massige, helle Steine, zu Staub zerriebenes Mauerwerk, rote Dachziegel. Zersplitterte Möbel und Fensterrahmen lugen aus dem meterhohen Haufen hervor, Lattenroste, Kabel kaputter Haushaltsgeräte. Ein Szenario wie nach einem Krieg. Was zu welchem Haus gehörte, ist nicht mehr zu erkennen. Vincenzo Oddi zeigt auf einen Trümmerhaufen am Ende des Corso.

"Hier war mal die Bäckerei. Wir haben den Bäcker und drei Angestellte aus den Trümmern gezogen."

Vincenzo Oddi leitet eine Gruppe aus Erdbebenspezialisten. Er lebt in Rom. Drei Stunden nach dem Beben war er mit seiner Mannschaft und schwerem Gerät in Amatrice.

"Der erste Einsatz war im Kloster. Wir mussten vorsichtig vorgehen, weil die wenigen Mauern, die noch standen, Einsturz gefährdet waren. Jemand kam zu mir und schrie, seine Mutter liege dort verschüttet. So haben wir erst entdeckt, dass der Konvent eine Krankenstation beherbergt. Acht Menschen haben wir geborgen, alle tot."

Eine Katastrophe mitten in der Idylle

299 Menschen starben bei dem Erdbeben am 24. August vergangenen Jahres. Eine Katastrophe inmitten landschaftlicher Idylle. Der Boden ist hier - in der Provinz Latium, etwa 140 Kilometer nordöstlich von Rom - fruchtbar, die Wiesen sind saftig grün, die Vegetation für eine Bergregion fast schon üppig. Der Fluss Tronto, der in die Adria mündet, versorgt das Land mit Wasser. Viehwirtschaft war eine wichtige Einnahmequelle vor dem Erdbeben – neben dem Tourismus. An den Wochenenden kamen Hunderte Ausflügler von der nahen Adriaküste hier herauf auf 1.000 Meter Höhe, bewunderten den historischen Ortskern mit jahrhundertealten Häusern und Kirchen.

Blick auf Amatrice nach dem verheerenden Erdbeben. Das historische Zentrum des Ortes ist beinahe komplett zerstört. / AFP PHOTO / Filippo MONTEFORTE (AFP/Filippo Monteforte)Blick auf den historischen Stadtkern Amatrices im April 2017. Vor dem Beben war das Dorf ein beliebtes Ziel für Ausflügler von der Adriaküste. (AFP/Filippo Monteforte)

Heute kommen anstelle der Touristen immer noch LKW, um Schutt abzutransportieren. Vier oder fünf am Tag, das Tempo der Aufräumarbeiten ist gemächlich - so als hätten die etwa 2.700 Menschen, die einmal in Amatrice gewohnt haben, keine Eile, zurückzukehren. Dabei warten viele obdachlos Gewordene ungeduldig bei Verwandten oder in Hotels, in denen die italienische Regierung sie einquartiert hat. So auch Giambattista Paganelli und seine Frau Nunzia.

"Wir sind eine Schande für Italien! Wohin sind die Spenden geflossen? Millionen sind das! Mit denen könnte man Amatrice wieder komplett aufbauen. Es hat nichts funktioniert in dieser ersten Phase - und vom Wiederaufbau brauchen wir gar nicht zu sprechen, solange noch so viele Trümmer herumliegen."

Am 17. Juli haben die Arbeiten zum Abtragen der Trümmer auf dem Corso offiziell begonnen. Knapp ein Jahr nach dem Erdbeben! Warum erst so spät? Wer ist für das Beseitigen der Trümmer zuständig? Nicht die Gemeinde, erklärt der Bürgermeister Sergio Pirozzi.

"Die Region Latium ist dafür zuständig - und das macht die Sache kompliziert. Wir von der Gemeinde haben schon am 4. September, also zehn Tage nach dem Erdbeben, eine Deponie gefunden für die Trümmer, ganz in der Nähe auf dem Grund der Gemeinde Posta, und hatten auch die Genehmigung von der dortigen Verwaltung. Ich habe die zuständigen Stellen in Rom um die Erlaubnis gebeten, mit Firmen über das Räumen und den Abtransport der Trümmer zu verhandeln, aber keine Antwort bekommen. Das Problem ist, dass ich von den Carabinieri verhaftet worden wäre, wenn ich das auf eigene Faust in Auftrag gegeben hätte."

"Man hätte eine Notverordnung erlassen müssen"

Die Region Latium gilt selbst in Italien als besonders ineffizient. Lange Verwaltungswege, viel Bürokratie. Sergio Pirozzi schaut gequält.

"Man hätte eine Notverordnung erlassen müssen - wie im Krieg, wo die Entscheidungswege verkürzt werden. Hätten wir das im September gemacht, wären wir jetzt dreimal weiter mit den Aufräumarbeiten. Ein Privatmann braucht, um sein halb eingestürztes Haus abzureißen, die Erlaubnis sämtlicher Nachbarn. Wenn auch nur eine fehlt, sind ihm die Hände gebunden. Das ist eine Irrenanstalt hier, ein Teufelskreis."

Und die italienische Regierung? Die hat versprochen, bis Weihnachten 2016 Fertighäuser für alle Obdachlosen zu bauen. Doch auch diese Arbeiten verzögerten sich. Es wurde Ostern, als die ersten 30 bezogen werden konnten. Giambattista Paganelli wartet immer noch.

"Wir sind es leid. Es ist ermüdend und ernüchternd zu sehen, dass unsere Institutionen nichts machen oder jedenfalls nicht genug machen. So ist das immer nach Erdbeben, nur sticht es hier besonders ins Auge."

In anderen Regionen des Landes, die von Erdbeben erschüttert wurden, dauerte es Jahrzehnte, bis die Spuren verschwunden waren. Manchmal sogar noch länger. In Messina, das auf der sizilianischen Seite der Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien liegt, gibt es heute noch Menschen, die in als Provisorien gedachten Unterkünften leben. Es sind Nachkommen von Opfern eines schweren Seebebens, bei dem im Jahr 1908 mehr als 80.000 Menschen ums Leben kamen. Dieser Fall sei besonders krass, erzählt die Historikerin Emanuela Guidoboni vom Nationalen Institut für Geophysik in Bologna, aber typisch für Italien.

"Der Wiederaufbau von Erdbebengebieten ist in Italien immer problematisch. Die unverhältnismäßig lange Dauer der Aufbauarbeiten zeigt, dass es dabei meist nicht ganz sauber zugeht. Nur wenige wissen, dass das Erdbeben von 1976 in der norditalienischen Region Friaul das einzige ist bei dem der offizielle Wiederaufbau abgeschlossen ist."

Sprechstunde bei Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi (Deutschlandradio/ Kirsten Hausen)Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi: "Man hätte eine Notverordnung erlassen müssen - wie im Krieg, wo die Entscheidungswege verkürzt werden." (Deutschlandradio/ Kirsten Hausen)

Profiteure der Katastrophe: korrupte Kommunalpolitiker und die Mafia

Denn je länger man braucht, desto länger verdienen Bauunternehmer und andere daran. Vetternwirtschaft und Korruption sind die Ursachen. So war es 1980 nach einem Erdbeben, das Regionen in Kampanien und der Basilikata zerstörte. Rund 3.000 Menschen starben. Mehr als 10.000 wurden verletzt, fast 300.000 verloren ihre Häuser. Viele von ihnen wurden in eilig hochgezogene Wohnblöcke umgesiedelt, die den italienischen Staat viel Geld kosteten. Zu viel, weiß man heute. Denn die Qualität des Baumaterials ließ zu wünschen übrig, und manche Häuser wurden nur halb so hoch gebaut wie auf der Rechnung angegeben. Neben korrupten Kommunalpolitikern, die sich an den Hilfsgeldern für die Erdbebenopfer bereicherten, zweigte auch die örtliche Mafia, die Camorra, Geld ab: durch fingierte Bauprojekte oder auch als Schutzgeld, das sie von Bauunternehmen und Hilfsorganisationen erpresste. Nur etwa ein Viertel der Zuwendungen erreichte die Opfer des Erdbebens.

Ähnlich war es 2009 in den Abruzzen. 287 Menschen starben, das historische Zentrum von L`Aquila wurde komplett zerstört - zwei Bauunternehmer freuten sich am Telefon über die gute Gelegenheit, abzukassieren.

Das Telefongespräch wurde abgehört und führte zu Ermittlungen. Heute wird im Zentrum von L`Aquila überall gebaut – acht Jahre nach dem Erdbeben. So lange dürfe es in Amatrice nicht dauern, warnt der Bürgermeister, der um seine Dorfgemeinschaft fürchtet. Einige Erdbebenopfer haben sich bereits woanders angesiedelt. Wer zurückkommen will, braucht eine konkrete Perspektive. Zumindest ein Fertighaus? Bürgermeister Sergio Pirozzi seufzt.

"Auch ich verliere allmählich die Geduld. Die Fertighäuser haben jetzt erst Vorrang bekommen. Vorher war es wichtig, dass unsere Region von der Steuer befreit wird. Ich habe mit lauter Stimme im italienischen Parlament gefordert, dass wir keine Steuern und keine Sozialabgaben zahlen müssen: weder die Bürger noch die Unternehmen hier. Bevor das nicht beschlossen war, hatte es wenig Sinn, auf den raschen Aufbau der Fertighäuser zu drängen. Vor dem Wohnen kommt die Arbeit. Was sollen die Leute hier machen, wenn sie keine Arbeit haben? Mir geht es darum, diejenigen, die ein Geschäft, eine Gaststätte oder sonst etwas hier hatten, zu ermutigen, wieder zu eröffnen."

Hoffen auf eine Wiedergeburt Amatrices

Die erste Bar, die nach dem Erdbeben wieder Kaffee ausgeschenkt hat, ist die Bar "Rinascimento", was auf Italienisch Wiedergeburt heißt und auch die Kunstepoche der Renaissance bezeichnet. Betreiber Fabio Magnifici war vorher Antiquitätenhändler.

"Die Bar habe ich mit meinem eigenen Geld aufgebaut, ohne Zuschüsse. Der Name hat mit meinem früheren Leben als Antiquitätenhändler zu tun: das Rinascimento ist für mich die schönste Epoche. Natürlich beziehe ich mich auch auf heute, auf die Wiedergeburt, die wir hier erhoffen."

Die Wiedergeburt von Amatrice soll bei den Nudeln beginnen. Das berühmte Gericht der "Spaghetti all`amatriciana" will der italienische Landwirtschaftsminister zum UNESCO-Weltkulturerbe machen. "Wir arbeiten an der Kandidatur für 2018" versicherte er am 29. Juli wörtlich in Amatrice. Es war der Tag, an dem Bürgermeister Sergio Pirozzi gemeinsam mit Ministerpräsident Paolo Gentiloni ein 3.000 Quadratkilometer großes Areal einweihte, das den Namen "Food Area" trägt. Acht historische Restaurants, die durch das Erdbeben zerstört wurden, empfangen ihre Gäste nun in hölzernen Bauten, die an Pavillons der EXPO-Weltausstellung erinnern. Entworfen hat sie der Mailänder Architekt und Politiker Stefano Boeri. Sie haben etwas Temporäres, wirken in ihrer Modernität seltsam hier mitten in den Bergen Latiums. Für die Erdbebenopfer sind sie ein Hoffnungsschimmer, ein Symbol für den Neuanfang. Auch ein Einkaufszentrum wird gebaut. Hier sollen die Einzelhändler von Amatrice ihre Läden wiedereröffnen.

Die neue «Food Area» steht am 02.08.2017 in der Gemeinde Amatrice (Italien). Vor einem Jahr verwüstet ein Erdbeben die ganze Region und tötete 299 Menschen. (zu dpa «Die Trümmermenschen von Amatrice» vom 21.08.2017) Foto: Annette Reuther/dpa | (dpa/Annette Reuther)Die neue "Food Area" beherbergt acht historische Restaurants, die durch das Erdbeben in Amatrice zerstört wurden. (dpa/Annette Reuther)

Antonio Fontanella hatte ein Delikatessengeschäft auf dem Corso, in einem Palazzo aus dem 17. Jahrhundert. Er verkaufte Käse und Schinken, feine Nudelsaucen. Übrig geblieben ist nicht einmal der Schriftzug über der Tür oder irgendein Erinnerungsstück. Begeistert ist Fontanella nicht von der Vorstellung, sein Geschäft in einem Einkaufszentrum zu betreiben, aber besser als tatenlos zu Hause zu hocken.

"Unser Amatrice war ein sehr schönes Dorf, das sich lohnte, es zu besichtigen. Heute gibt es dieses Dorf nicht mehr. Viele haben das noch nicht realisiert. Vor allem diejenigen, die unter abenteuerlichen Umständen geblieben sind, den ganzen Winter hindurch, der besonders kalt und lang war. Vielen ist noch nicht klar, dass sie sich an etwas klammern, was es nicht mehr gibt. Das neue Amatrice wird etwas vollkommen anderes sein als das Amatrice, das wir kannten."

Macht ein Wiederaufbau überhaupt Sinn?

Wenn es denn ein neues Amatrice geben wird. Lohnt es sich überhaupt, einen Ort wiederaufzubauen, der schon mehrfach in seiner Geschichte von schweren Erdbeben zerstört wurde? Antonio Fontanella hat sich diese Frage auch schon gestellt.

"Diese wiederholten Beben lassen mich daran zweifeln, ob es überhaupt möglich ist, auf diesem Boden wieder neu anzufangen. Ich hoffe, dass es jetzt vorbei ist. Ich hoffe das inständig, weil wir es dann irgendwann vergessen werden und unsere Begeisterung für diese Gegend zurückkehrt, aber wenn nicht, dann ist das eine Art Schlussstrich – das Ende zwischen uns und diesem Flecken Erde."

Die Frage, ob es sinnvoll ist, wieder an gleicher Stelle zu bauen, ist jedoch tabu. Fast niemand in Amatrice mag auf sie antworten. Bürgermeister Sergio Pirozzi zwingt sich dazu.

"1720 gab es das letzte Erdbeben von solchen Ausmaßen. Was intakt geblieben ist, ist die Natur - und das sollte uns zu denken geben. Wir müssen von der Natur lernen, und das bedeutet, umweltfreundlich zu bauen und die Natur zu respektieren. Was ich persönlich gelernt habe, ist, dass wir Menschen die Natur niemals bezwingen werden, die Natur ist stärker, sie wird immer über uns siegen."

Immer wieder bebt in Italien die Erde, fast überall. Ob im Friaul im Nordosten, wo 1976 bei einem Erdbeben der Stärke 6 auf der Richterskala nahezu tausend Menschen starben, auf Sizilien oder in dieser Woche auf der Ferieninsel Ischia, wo bei einem Erdstoß der Stärke vier zwei Menschen starben und etwa 2.600 Menschen obdachlos wurden. Das ganze Land vom Norden bis zum Süden liegt eingeklemmt zwischen der afrikanischen und der eurasischen Erdplatte. Durch ihren Zusammenstoß sind einst die Alpen entstanden. In den Ostalpen schiebt sich die Afrikanische Platte in 15.000 m Tiefe unter die Eurasische Platte. Gleichzeitig gibt es auch noch unterirdischen Druck von Osten nach Westen. Sichtbarer Ausdruck ist die Bergkette des Apennin, so der Seismologe Paolo Valisa von der Erdbebenmessstation im norditalienischen Varese.

"Die geologische Situation in Italien ist sehr komplex. Auf der einen Seite haben wir eine Erdplatte, die nach Norden Richtung Alpen drängt. Auf der anderen Seite Korsika und Sardinien, die beiden Inseln bewegen sich ostwärts auf das italienische Festland zu. Das Mittelmeer wird so zusammengedrückt und unter den Apennin geschoben."

Feuerwehrleute untersuchen ein beschädigtes Gebäude in Amatrice - zwei Tage, nachdem ein Erdbeben dort schwere Zerstörungen verursacht hat. 267 Menschen wurden getötet. (AFP/ Andreas Solaro)Viele der Gebäude in Amatrice gelten als einsturzgefährdet. Gegen Naturkatastrophen wie Erdbeben sind nur ein Prozent der Gebäude in Italien versichert. (AFP/ Andreas Solaro)

Fast 3000 Beben in Italien - allein 2016

Einer Studie des italienischen Geologenverbandes zufolge leben drei Millionen Italiener in Gebieten mit hohem Erdbebenrisiko, 21 Millionen in Gebieten mit mittlerem Risiko. Fast 3.000 Mal hat die Erde im vergangenen Jahr in Italien gebebt. Es waren fast immer kaum wahrnehmbare Erdstöße, die keinen Schaden angerichtet haben. Doch das kann sich auf einen Schlag ändern. Denn die Intensität eines Erdbebens lässt sich noch schwerer vorhersagen als der Zeitpunkt, an dem es eintreten kann. Eine flächendeckende, systematische Aufklärung der Bevölkerung gibt es aber nicht. Der Seismologe Paolo Valisa bedauert das.

"Unser Fatalismus bringt es mit sich, dass wir sagen, wie schrecklich, wie schrecklich, aber es wird sicher nicht mehr passieren. Das sind die besten Voraussetzungen für die nächste Katastrophe. Italien ist dicht besiedelt. Dazu kommen veraltete Bausubstanz und historische Gebäude, die nur schwer gegen Erdbeben gesichert werden können."

In Amatrice stürzten die historischen Palazzi wie Kartenhäuser ein. Aber auch fast alle Gebäude aus den 70er, 80er und 90er Jahren wurden beschädigt und gelten jetzt als einsturzgefährdet. Beispielweise das große Ausflugslokal von Nando Bonanni.

"Das Stahlgerüst hat gehalten. Aber die Pfeiler haben sich gekrümmt wie Bananen. Jetzt lebe ich im Wohncontainer. So wie die wenigen, die hiergeblieben sind. Meine Eltern sind schon hier geboren, das hier war unsere Welt. Hoffen wir, dass die italienische Regierung uns hilft, das Restaurant wiederaufzubauen, Geld habe ich keins mehr."

Nur ein Prozent der Gebäude haben einen Versicherungsschutz

Gegen Naturkatastrophen war das Lokal nicht versichert. In Italien sind nur ein Prozent der Gebäude im Falle eines Erdbebens mit Versicherungsschutz belegt. Denn die Policen sind teuer. Auch erdbebensicheres Bauen ist teuer. Aber es ist die einzige Chance, sich im Ernstfall zu retten. Und volkswirtschaftlich betrachtet würde es sich durchaus lohnen. Denn Italien gibt seit 1968 im Durchschnitt jedes Jahr vier bis fünf Milliarden Euro für den Wiederaufbau aus. Aus Sicht des Seismologen Paolo Valisa werden Baugenehmigungen in Italien generell zu leichtfertig vergeben.

"Allgemein stehen die Kosten im Vordergrund. Es geht um starke wirtschaftliche Interessen. Das führt dazu, jeden Quadratmeter Land zu nutzen, auch dort, wo das Risiko von Erdrutschen, Erdbeben und Überschwemmungen hoch ist."

Eine gut informierte, kritische Öffentlichkeit könnte das ändern. Bisher erkundigt sich beim Hausbau oder Kauf eines Grundstücks kaum jemand nach der Gefährdungslage. Für die Erdbebenhistorikerin Emanuela Guidoboni ist ein Mentalitätswandel in Italien dringend nötig.

"Die Regionen und Gemeinden müssten viel gründlicher über diese Ereignisse informieren, vor allem im Süden ist das aber schwer. Es gibt viel Widerstand, was mit dem weitverbreiteten Fatalismus und dem Glauben zu tun hat, über Unglück sollte man nicht sprechen, um nicht neues Unglück anzuziehen. Ich glaube, allein die junge Generation kann das ändern und eine neue Kultur der Sicherheit aufbauen."

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