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StartseiteForschung aktuellDen Wald verstehen, um ihn zu schützen24.08.2015

Amazonian Tall Tower ObservatoryDen Wald verstehen, um ihn zu schützen

Letzte Woche wurde in Brasilien das Amazonian Tall Tower Observatory eröffnet. Der 325 Meter hohe Klima-Messturm soll Daten liefern, um Erkenntnisse über die Funktionsweise des Waldes zu liefern, sagte der deutsche Projektleiter Jürgen Kesselmeier im DLF, um ihn besser schützen zu können.

Jürgen Kesselmeier im Gespräch mit Lennart Pyritz

Jürgen Kesselmeier auf dem Amazonian Tall Tower Observatory (Jürgen Kesselmeier/Max-Planck-Institut für Chemie)
Jürgen Kesselmeier auf dem Amazonian Tall Tower Observatory (Jürgen Kesselmeier/Max-Planck-Institut für Chemie)
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Lennart Pyritz: Mitten im brasilianischen Regenwald steht es, 150 Kilometer nordöstlich der Stadt Manaus: das Amazonian Tall Tower Observatory, kurz: ATTO. Der mit 325 Metern weltweit höchste Klimamessturm ist ein deutsch-brasilianisches Gemeinschaftsprojekt. Die Forscher sprechen von einem Meilenstein in der Erforschung unseres Erdsystems. Kurz vor der Sendung habe ich Professor Jürgen Kesselmeier in Manaus erreicht. Er ist Biogeochemiker am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und hat als deutscher Projektleiter von ATTO am Wochenende an der Eröffnungsfeier in Brasilien teilgenommen. Ich habe ihn zuerst gefragt, welche Herausforderungen es mit sich bringt, so einen Messturm mitten im Urwald aufzustellen.

Jürgen Kesselmeier: Wir wollten möglichst wirklich im Wald sein irgendwo, weit ab oder unter möglichst geringem Einfluss von irgendwelchen Städten oder von menschlichen Aktivitäten, gleichzeitig aber doch trotzdem irgendwo noch so einen Standort finden, den man relativ schnell erreichen kann, auch mit Studenten, die dann mal eben rausfahren, Daten holen, Geräte austauschen, reparieren oder vor Ort arbeiten. Und den haben wir dann gefunden, 150 Kilometer nordöstlich von Manaus, mitten in einem Reservat. Und vor uns sind dann bis zur Küste eigentlich 1.000 Kilometer Strecke nur noch reiner Wald - das ist ein einmaliger Standort. Und die nächste Herausforderung war dann, den Standort so auszustatten, dass man ihn schnell erreichen kann, das heißt, wir mussten einen Weg legen, damit wir auch zum Beispiel mit schweren Lkws fahren konnten während der Transportphase von den Bauteilen, das war das eigentlich herausfordernde Objekt. Der Weg wurde dann gebaut, ging in der ersten Regenzeit noch mal so richtig baden, aber es konnte repariert werden. Und wir haben dann relativ schnell ein Camp bauen können, und dann begann eigentlich der Turmbau mit Ausschreibungen an eine Firma, die dann die Teile vorproduziert hat und dann am 15. August angeliefert hat. Die ganze Anlieferung erfolgte mit fünf großen Lkws mit so einem Lastkran, der dann bis zur Stelle an dem Fluss kam, wo es dann in den Wald geht. Und von da abgeladen auf kleinere Lkws wurden dann alle Bauteile reingetragen, und der Turm wurde an Ort und Stelle wirklich Stück für Stück geschraubt und gebaut. Es wurde also nichts vorgefertigt in großen Einheiten, sondern alles nur relativ kleine Einheiten dort transportiert, anders ging's nicht. Und vor Ort kletterten dann so 30 Arbeiter rum und schraubten den Turm zusammen bis auf 325 Meter Höhe. Es war ein Erlebnis.

"Solange wir das System nicht verstehen, sollten wir es nicht zerstören"

Pyritz: Die Frage haben wir eben schon gestreift: Warum wurde der Klimamessturm so abgelegen im Wald aufgestellt?

Kesselmeier: Wir möchten gerne lernen, den Wald zu verstehen in seiner Funktion, und das kann man mit so einem 325-Meter-Turm oder über 300-Meter-Turm sehr gut tun, weil der mit seinen Sensoren eine Austauschfläche der Atmosphäre mit den darunterliegenden Waldflächen hat, das geht über Hunderte von Kilometern. Es gibt also einen guten Mittelwert über das, was auf dieser ganzen Transportstrecke, auf diesem Waldstück wirklich passiert. Wenn man natürlich dann dort auf diesen Strecken dann riesige Zentren hat, wo menschliche Aktivitäten vorherrschen, auch in Brasilien vielleicht Rodungsaktivitäten, Brandaktivitäten vom Wald, dann misst man natürlich zu bestimmten Zeiten eigentlich genau das, was wir nicht messen wollen. Wir möchten erst mal den Wald verstehen, um ihm dann auch letztendlich zu helfen, geschützt zu werden, geschützt zu bleiben, denn solange wir das System nicht verstehen, sollten wir es nicht zerstören.

Pyritz: Welche Daten wird ATTO in Zukunft denn regelmäßig sammeln?

Kesselmeier: Es geht dabei um kontinuierliche Messungen - das ist der Vorteil bei so einem Turm, der steht halt da -, kontinuierliche Messungen von Treibhausgasen, das ist dann Kohlendioxid, das ist Methan, Lachgas, Ozon, und dann kommt noch eine ganze Reihe von Messungen dabei zur Partikelentstehung und zum Verhalten der Partikel bezüglich der Wolkenbildung. Man muss dabei wissen, eine Wolke entsteht nur dann oder ein Wassertropfen in der Atmosphäre entsteht nur dann, wenn das Wasser kondensieren kann an einer Oberfläche, dazu sind diese kleinen Partikel da - Wolkenkondensationsscanner nennt man das auch -, ohne die gibt's keinen Tropfen. Das heißt, wenn ich also da Partikel habe, kann ich Wolkentropfen kriegen, mit vielen Wolkentropfen habe ich die Wolke, und damit habe ich dann ein Wassertransportsystem für das ganze Land. Ich meine, wenn Sie jetzt sehen, momentan leidet Sao Paulo unter einer enormen Trockenheit, das hat auch den Hintergrund, dass da nicht genügend Wasser hintransportiert wird über die Luft. Das Amazonasgebiet ist sicherlich ein Wasserversorger, weil durch diese ganze Transpiration und Verdampfung von Wasser durch solche Waldflächen gewaltige Mengen Wasser wieder zurückgegeben werden an die Atmosphäre.

"Natürliche Waldsysteme haben regulierende Funktionen"

Pyritz: Inwieweit könnten denn in Zukunft die Daten des neuen Observatoriums zum Schutz des Amazonasgebiets beitragen?

Kesselmeier: Wenn es uns gelingt - ich behaupte das einfach mal so -, wenn es uns gelingt, die Funktion des Waldes und die Bedeutung des Waldes für die Bevölkerung und für die Politik wirklich verständlich zu machen, sodass man also wirklich sieht, wie bedeutend solche Systeme sind, dann wird es vielleicht helfen, auch politische Entscheidungen zu treffen, diese Systeme, diesen Wald zu schützen und nicht mehr so brutal dagegen vorzugehen. Ich sag das jetzt mal bezüglich Amazonaswald und der ganzen Waldrodungsgeschichte bezüglich Sojaproduktion, all das, was in Brasilien den Wald gefährdet, aber Sie brauchen auch gar nicht so weit zu gehen: Gehen Sie in unsere Städte, da werden plötzlich auch dann Parks niedergeschnitten, und dann baut man dort irgendwelche Filetstücke von irgendwelchen Wohnhäusern rein, und anschließend hat man nur noch ein System von Häusern und Anordnungen in einer Stadt, die letztlich dazu führen, dass alles fürchterlich aufheizt. Das heißt, diese natürlichen Waldsysteme, die haben regulierende Funktionen, und das ist etwas, was wir wirklich lernen müssen und anwenden müssen.

Pyritz: Jürgen Kesselmeier vom MPI für Chemie über ATTO, den höchsten Klimamessturm der Welt, der am Wochenende in Brasilien eröffnet wurde.

 

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