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StartseiteForschung aktuellAmerika und die Atomkraft12.03.2012

Amerika und die Atomkraft

Welche Lehren ziehen die USA aus Fukushima?

Energie.- Der Supergau von Fukushima hat weltweit Spuren hinterlassen. China zum Beispiel hat seinen rasanten Ausbau der Kernenergie auf Eis gelegt, Deutschland den kompletten Ausstieg beschlossen. Doch was tut das Land mit den meisten Atommeilern weltweit, die USA?

Von Ralf Krauter

Bis 2020 sollen in den USA 20 neue Meiler ans Netz.  (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)
Bis 2020 sollen in den USA 20 neue Meiler ans Netz. (picture alliance / dpa - Wolfram Steinberg)

Unterschiedlicher hätten die Reaktionen kaum ausfallen können. Die deutsche Regierung nahm Fukushima zum Anlass für den Ausstieg aus der Atomkraft. Das Weiße Haus dagegen genehmigte vor vier Wochen erstmals seit 30 Jahren neue Kernkraftwerke. Die Lizenz für den Bau zweier Reaktorblöcke im Bundesstaat Georgia ist die erste, die die US-Atomaufsichtsbehörde NRC erteilt hat, seit es 1979 zur Kernschmelze im Atommeiler 'Three Mile Island' bei Harrisburg kam. Daraus zu folgern, in den USA habe keinerlei Umdenken stattgefunden, wäre aber voreilig, sagt der Nuklearsicherheitsexperte Edwin Lyman von der Wissenschaftlervereinigung 'Union of Concerned Scientists' mit Sitz in Washington D.C.

"Der Unfall in Japan hat viele Amerikaner wachgerüttelt. In den Jahrzehnten nach der Kernschmelze in 'Three Mile Island' hatten die Menschen immer weniger Sicherheitsbedenken. Die in den 1980er-Jahren starke Anti-Atombewegung war verschwunden. Die Industrie plante sogar eine nukleare Renaissance und wollte Dutzende neue Meiler bauen. Mit Fukushima sind diese Pläne geplatzt. Und viele fragen sich, ob man der Atomindustrie wirklich trauen kann."

Barack Obama allerdings glaubt nach wie vor an die Zukunft der Kernenergie. Die über 100 teils arg in die Jahre gekommenen Atomreaktoren in den USA decken ein Fünftel des Strombedarfs. Bis 2020 sollen 20 neue Meiler ans Netz, die Washington mit milliardenschweren Darlehen fördert. Der Bau der beiden Reaktoren in Georgia wurde pikanterweise genehmigt, bevor die Sicherheitsstandards so überarbeitet wurden, dass sie die Lehren aus Fukushima beherzigen.

"Die verschärften Sicherheitsauflagen sind noch in Arbeit. Sie werden unter anderem vorsehen, dass Atomkraftwerke zusätzliche Generatoren und Kühlwasserpumpen vorhalten müssen, die auch bei längeren Stromausfällen funktionieren. Obwohl die Details noch offen sind, haben Kraftwerksbetreiber bereits über 300 zusätzliche Ausrüstungsgegenstände angeschafft. Und es ist völlig unklar, ob diese Gerätschaften alle Anforderungen erfüllen, um die Reaktorsicherheit tatsächlich zu erhöhen."

Noch mehr Bauchschmerzen machen Edwin Lyman die übervollen Abklingbecken vieler US-Atommeiler. Fukushima hat gezeigt, dass die abgebrannten Brennstäbe darin zum Pulverfass werden, sobald in den Pools kein Kühlwasser mehr zirkuliert. Ihre Restwärme erhitzt die Brennelemente innerhalb von Tagen so stark, dass sie Feuer fangen und große Mengen radioaktiver Partikel freisetzen können. In Japan konnte das Schlimmste mit Mühe und Not verhindert werden. Doch in den USA sind die Abklingbecken viel voller gepackt als in Japan. Mangels Lagerraum enthalten viele fünfmal mehr Brennstäbe als ursprünglich geplant. Versagt die Kühlung, könnte die Lage deshalb viel schneller eskalieren als in Fukushima.

"Die Regierung untersucht diesen Sachverhalt gerade. Aber die Verantwortlichen bei der Atomaufsicht glauben: Die dichte Packung der Brennstäbe in den Abklingbecken ist kein Grund zur Sorge."

Die 'Union of Concerned Scientists' sieht das anders und plädiert dafür, einen Großteil der alten Brennstäbe möglichst schnell aus den überfüllten Abklingbecken zu holen und auf dem Trockenen zu lagern: In versiegelten Stahlzylindern, die mit Beton ummantelt sind. Außerdem, sagt Edwin Lyman, müssten die Evakuierungspläne dringend auf den Prüfstand.

"Den aktuellen Notfallplänen zufolge soll eine Zone im Umkreis von 16 Kilometern um einen havarierten Reaktor evakuiert werden. Aber das genügt im Ernstfall nicht. In Japan wurden noch viel weiter von Fukushima entfernt stark erhöhte Strahlenwerte gemessen. Es gibt derzeit also viele Menschen in den USA, die sich in falscher Sicherheit wägen und nicht darauf vorbereitet sind, angemessen auf einen Nuklearunfall zu reagieren."

Links bei dradio.de:

Zum Themenportal "Ein Jahr nach Fukushima"

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