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StartseiteBüchermarktAmerikanisches Idyll02.08.1998

Amerikanisches Idyll

Nein, in einem Roman von Philip Roth hätte man Seymour Levov gewiß nicht als Heldengestalt erwartet - nicht diesen braven Bürger und guten Amerikaner mit seiner reizenden Frau, von der niemand ahnt, daß sie einmal Ehebruch begehen würde. Schon eher könnte man dieses Bilderbuchpärchen bei Roths großem Antipoden John Updike vermuten.

Eberhard Falcke

"Er war ein sehr netter, einfacher, stoischer Mensch. Kein leichtsinniger, kein leidenschaftlicher Mensch. Nur ein lieber Kerl, dessen Schicksal es war, sich von ein paar Verrückten in die Pfanne hauen zu lassen. In einer Hinsicht konnte man ihn für völlig banal und alltäglich halten. Abwesenheit negativer Werte, sonst war da nichts. Erzogen zum Stummsein, geschaffen für das Alltägliche, und so weiter. Das gewöhnliche anständige Leben, das jeder führen will, und das war's. Die gesellschaftlichen Normen, und das war's. Immer nett sein, und das war's."

Das "gewöhnliche anständige Leben" gehörte bisher nicht zu den typischen Themen von Philip Roth, und ebensowenig hat er sich als einfühlsamer Beobachter der durchschnittlichen bürgerlichen Seelenverfassung hervorgetan. Blenden wir kurz zurück. Er sei ein "Schriftsteller seiner selbst", hat Roth einmal gesagt, das heißt, ein autobiographischer Schriftsteller. Bei ihm standen sich Autobiographie und Fiktion stets wie zwei spannungsreiche Pole gegenüber, zwischen denen der Strom der Literatur floß. Seine hauptsächlichen Themen waren: die jüdischen Identitäten, die Befreiung von Traditionen und Konventionen, das Schriftstellerdasein, die Überschneidungen von Fiktion und Wirklichkeit, die Tragikomödien von Sex und Liebe. Roth machte die Tatsachen seines Lebens zum Stoff seiner Bücher - allerdings in starker fiktionaler Verwandlung und meist burlesker Übersteigerung. Wenn Roth einmal feststellte, er beschreibe "extremes Verhalten in gewöhnlichen Situationen", dann betrifft das vor allem die Konzeption seiner Figuren: Als exzentrische Rebellen, die sie meist sind, scheuen sie sich nicht, ihre Passionen, Konflikte und Widersprüche mit provozierender, manchmal obszöner Offenheit auszuleben.

Der bislang letzte aus dieser Reihe hat seinen Auftritt im Roman "Sabbaths Theater" von 1995. Der faunhaft-dämonische Theatermann Sabbath ist ein Spezialist fürs Obszöne und Blasphemische. In seiner Phantasie geht es zu wie im Bordell, zugleich aber gehört er zum Clan jener negativen, satanischen Heiligen, wie man sie seit der Schwarzen Romantik kennt. Unverkennbar ist in der Figur von Sabbath die bei Roth allgegenwärtige sexuelle Thematik auf die Spitze getrieben. Zugleich wird sie aber auch einer grundsätzlichen Deutung unterzogen. So hat Roth mit diesem Künstlerroman auch eine Prüfung und Rechtfertigung wesentlicher Elemente seines Werkes, seiner Poetik unternommen.

Und darauf folgt nun, nur zwei Jahre später, der jüngste Roman "Amerikanisches Idyll". Man muß an all diese Zusammenhänge erinnern, um deutlich zu machen, welche Wendung Philip Roth damit vollzogen hat. Wie es der Titel schon ahnen läßt, ist dieser Roman in fast jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von "Sabbaths Theater" und überhaupt ein Novum im Werk seines Autors. Das fällt besonders ins Auge, weil Roth bislang ja nicht dazu neigte, seine Stoffe und Themen kurzerhand zu verändern.

Hier aber hat er nun perspektivisch absolut die Seiten gewechselt. Der Held ist nicht mehr ein Außenseiter sondern ein - wenn auch sympathisch wohlgeratener - Durchschnittsmensch. Anstand, Mäßigung und schickliches Verhalten gehen ihm über alles, und nicht einmal in seinen schlimmsten Lebenskrisen fällt er aus der Rolle. So daß Roth in diesem Fall auch nicht mehr "extremes Verhalten in gewöhnlichen Situationen" beschreibt, sondern das Gegenteil: gewöhnliches Verhalten in extremen Situationen.

Wie ist es zu dieser Umkehrung, zu dieser Interessenverschiebung gekommen? Das erfahren wir von Nathan Zuckerman, den Roth auch in diesem Roman als Erzähler und fiktives alter ego eingesetzt hat. Seymour Levov war ein älterer Schulkamerad von Zuckerman und hat sich nicht nur ihm als unvergeßliche Figur eingeprägt. Im jüdischen Milieu der Einwandererstadt Newark hob er sich durch zwei untypische Eigenheiten hervor: Er war ein in allen Disziplinen hervorragender Sportsmann und er glich mit seinen blauen Augen, blonden Haaren und der einen Meter neunzig hohen, athletischen Gestalt eher einem Schweden. Was ihm den entsprechenden Spitznamen eintrug.

"Ja, wohin er auch blickte, die Menschen liebten ihn. Die Bonbonverkäufer, denen wir Jungen auf die Nerven gingen, nannten uns andere 'He-ihr-nein!' oder 'Laß-das-Kleiner!'; ihn aber nannten sie respektvoll 'Schwede'. Eltern lächelten und sagten gütig Seymour zu ihm. Die schnatternden Mädchen, denen er auf der Straße begegnete, fielen affektiert in Ohnmacht, und die Mutigsten kreischten ihm nach: 'Komm zurück, komm zurück, Levov, mein Geliebter!' Und er ließ es geschehen, schritt im Besitz all dieser Liebe durchs Viertel und gab sich den Anschein, als ließe ihn das alles kalt. [...] Dieser von so vielen Menschen als Symbol der Hoffnung vereinnahmte Junge [...] schien über kein bißchen Geist oder Ironie zu verfügen, das sein goldenes Talent zur Pflichterfüllung hätte beeinträchtigen können."

Als Zuckerman viel später dem "Schweden" als altem Herrn wiederbegegnet, scheint sich dieser Eindruck zu bestätigen. Seymour Levov ist der ideale Repräsentant des "amerikanischen Idylls": dieses vielbeschworenen Schmelztiegels, in dem Menschen aus aller Herren Ländern zu glücklichen Amerikanern wurden. In Levov kulminieren der soziale Aufstieg, die Amerikanisierung seiner Familie, deren Vorfahren als bitterarme jüdische Einwanderer in die Neue Welt kamen. Und dennoch erscheint Zuckerman die ganze Existenz des Schweden als ebenso perfekt wie langweilig. Doch weit gefehlt. Eines Tages erfährt Zuckerman bei einem Schultreffen, daß der inzwischen verstorbene Schwede einen Riß durch sein Dasein zu verkraften hatte, der ihm das Leben zutiefst verbitterte. Dadurch macht der stets zur Egozentrik neigende Schriftsteller, dem seine Literatenexistenz zwischen Realität und Fiktion immer das Wichtigste war, eine für ihn neue, eigentlich überfällige Entdeckung: Daß sich nämlich auch hinter der Fassade eines geglückten bürgerlichen Lebenslaufes ungeheuer schmerzliche Konflikte verbergen können. Und im Falle des Schweden, dieses Repräsentanten des "amerikanischen Idylls", ist auch der Konflikt, an dem er innerlich zerbricht, repräsentativ: Er wurde praktisch zum Opfer der 68er-Bewegung. Das Traumland der Einwanderer, wo viele, darunter die Familie Levov, tatsächlich ein besseres Leben aufbauen konnten, wurde plötzlich von den Kindern dieser Leute unter Anklage gestellt. Sie lautete auf Faschismus, Imperialismus, Kapitalismus, Rassismus. Die junge Generation begann gegen die gesamte Wertewelt ihrer im Establishment verschanzten Eltern zu rebellieren. Merry, die sechzehnjährige Tochter des menschenfreundlichen Handschuhfabrikanten Seymour Levov und seiner schönen Frau Dawn - diese von Liebe und Wohlstand verhätschelte Merry befand es für richtig, den Protest gegen den Vietnam-Krieg in den ländlichen Frieden ihres Heimatortes zu tragen. Und das nicht nur durch kritische Worte, sondern eine echte Bombe. Damit sprengte sie einen Stützpunkt des imperialistischen Systems, nämlich den Postschalter im Dorfladen, und tötete einen Passanten. Danach verschwand sie für Jahre im Untergrund. Als Zuckerman von diesem Schicksalsschlag für den Schweden erfährt, läßt ihn dessen Geschichte nicht mehr los.

"Die ganze Normalität - von einem Mord zerrissen. All die kleinen Probleme, mit deren Eintritt jede Familie rechnet - von etwas überrollt, mit dem man sich unmöglich jemals arrangieren konnte. Mit einem Schlag war sie unmöglich gemacht, die erhoffte amerikanische Zukunft, und hätte sich doch so einfach entfalten können aus der soliden amerikanischen Vergangenheit, aus dem Umstand, daß jede Generation klüger wurde...[...] Und dann der Verlust der Tochter, der vierten amerikanischen Generation [...], die ihn aus dem ersehnten amerikanischen Idyll in etwas hineinstürzt, das dessen Gegensatz und Gegner ist, in die Raserei, die Brutalität und Verzweiflung der Gegenidylle - in den typisch amerikanischen Amoklauf. [...] Dem Mann war alles in den Schoß gelegt worden, und dann kam alles ganz anders. Er war in keiner Weise vorbereitet auf das, was ihn treffen sollte. [...] Eine schöne Frau. Ein schönes Haus. Betreibt sein Geschäft mit größtem Geschick. Kommt einigermaßen mit seinem unerquicklichen Vater zurecht. Hat ein Bild vom Paradies und lebt danach. Das schaffen nur erfolgreiche Leute. Sie sind gute Bürger. Sie fühlen sich vom Glück begünstigt. [...] Hier ist ein Mensch, der nicht darauf vorbereitet ist, daß im Leben etwas danebengeht, geschweige denn, daß etwas Unmögliches eintritt. Wer ist schon auf Tragödien und unbegreifliches Leid vorbereitet? Niemand. Die Tragödie des Menschen, der auf Tragödien nicht vorbereitet ist - das ist die Tragödie des jedermann."

Wie konnte es im Leben des Schweden zu einer solchen Tragödie kommen? Diese Frage ließ weder diesen selbst los, noch Nathan Zuckerman, dem all das nur durch Hörensagen zu Ohren kam. Und wie nie zuvor in seiner Schriftstellerlaufbahn als fiktiver Stellvertreter von Philip Roth, beginnt Zuckermann sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, anstatt sich allein der eigenen Person zu widmen. In einer leidenschaftlichen tour de force der Recherche, Einfühlung, Imagination und Rekonstruktion beginnt er die Biographie des Schweden erzählerisch nachzuzeichnen.

"...ich tauschte meine Einsamkeit gegen seine, lebte in diesem von mir so verschiedenen Menschen, verschwand in ihm, versuchte mir Tag und Nacht ein Bild von diesem Mann zu machen, der scheinbar so oberflächlich und naiv und einfach war; zeichnete seinen Zusammenbruch nach, machte ihn im Lauf der Zeit zur wichtigsten Gestalt meines Lebens ..."

Mit unermüdlicher Emphase arbeitet Zuckerman an der erzählerischen Vergegenwärtigung dieser Biographie. Dabei ist es schon erstaunlich, welche Einfühlungskraft er für das Leben und Leiden des braven Bürgers Levov aufbringt - um so mehr als Zuckerman ja selbst einmal dem Establishment die Zähne gezeigt hatte. Doch inzwischen hat offenbar auch er ein melancholisches Gespür für vielerlei Verluste entwickelt. Und die werden hier mit überraschender Eindeutigkeit allesamt der Bilanz "1968 und die Folgen" zugeschlagen. Unterstrichen wird diese historische Zäsur durch die Überschriften der drei Teile des Romans: "Erinnerungen an das Paradies" - "Der Sündenfall" - "Das verlorene Paradies" - so heißen die Schicksalsstationen, deren mythisch-monumentale Benennung signalisiert: Hier wird nicht nur vom Verfall einer Familie unter dem Druck der Zeitläufte gehandelt, sondern von einem epochalen Untergang - zumindest aus der Sicht von Seymour Levov.

Denn die Bombe, mit der Merry den amerikanischen Frieden ihrer Familie in die Luft jagte, war nur der Anfang aller Übel. So kam ihr Vater auch gar nicht auf die Idee, das könnte ein Schein-Frieden gewesen sein. Um so hartnäckiger sucht er nach den Ursachen für Merrys Handeln bei sich selbst und der Familie. Doch seine Verständnisbereitschaft wurde auf harte Proben gestellt. Besonders, wenn er sich an die ungereimten systemkritischen Tiraden seiner Tochter erinnerte:

"Blinde Feindseligkeit und infantile Drohgebärden - das waren ihre Ideale. Immer auf der Suche nach etwas, das sie hassen konnte. [...] Dieser militante Haß auf Amerika war eine Krankheit für sich. Und er liebte Amerika. Er war gern Amerikaner. Aber damals hatte er es, aus Furcht, den Dämon Spott zu entfesseln, nicht wagen können, ihr zu erklären, warum das so war. Sie hatten in Angst und Schrecken vor Merrys stotternder Zunge gelebt. Und er hatte ohnehin längst keinen Einfluß mehr auf sie gehabt. Dawn auch nicht. Seine Eltern auch nicht. [...] Für wen zum Teufel hielt sie sich eigentlich?"

Nach Merrys Verschwinden im Untergrund wurde der verzweifelte Vater zudem auch noch von einer angeblichen Kampfgefährtin seiner Tochter tyrannisiert, erpreßt und durch Revoluzzer-Geschwätz gedemütigt. Dawn, seine Frau, die es von der einstigen Schönheitskönigin bis zur handfesten Rinderzüchterin gebracht hatte, verfiel in Depressionen und verschwand für einige Zeit in der Nervenklinik. Dennoch versuchte der Schwede, sein Leid mit Kontenance zu tragen, ohne die Hoffnung auf eine Versöhnung je aufzugeben. Als er aber nach Jahren seine Tochter schließlich aufspüren konnte, war sie ihm definitiv fremd geworden. Nicht nur daß sie dem fassungslosen Vater drei weitere Terrormorde gestand, sie befand sich inzwischen auch schon auf dem nächsten Trip: Nun wandelte sie fastend auf indischen Heilspfaden und vermochte nicht einmal mehr einem Kohlkopf ein Blättchen zu krümmen.

Gleichwohl kam der Selbstbefragungsprozeß des Schweden nicht zur Ruhe. Was nichts anderes heißt, als daß damit die ganze, in seinen Augen so intakte Familiengeschichte bis hin zu den Urgroßvätern aufgeblättert wird. Sie handelt von jüdischen Einwanderern, ihren Hoffnungen und dem guten Mut ihrer Nachkommen; sie erinnert an den Fleiß und das Geschick, mit denen die Vorväter auf der Handwerkskunst des Handschuhmachens florierende Fabriken aufbauten und den Nachbarn in Newark ohne Ansehen der Hautfarbe Arbeit und Brot gaben; sie erzählt von der Heirat des Schweden mit einer irischen Katholikin und dem Kopfzerbrechen, das er damit seinen jüdischen Eltern bereitete; und sie malt die Ankunft des jungen Paares im "amerikanischen Idyll" aus, als die beiden ein geschichtsträchtiges Haus aus der Pionierzeit beziehen, in dem schon George Washington genächtigt hat. Roth, respektive Zuckerman vertiefen sich in diese Vergangenheit mit einer ungeheuren Liebe zum Detail. In all diesen ausführlich und mit genauer Sachkenntnis aufgerufenen Einzelheiten feiert die Erzählung nichts anderes als die verlorene heile Welt und jene amerikanische Erfolgsgeschichte, die für einige, wie die Familie Levov, tatsächlich paradiesisch gewesen sein mag.

Dann aber veränderte sich die vertraute Welt radikal, neue Generationen aßen vom Baum der Erkenntnis und wollten nicht mehr glauben, daß wirklich alles gut war, so wie es war. Wohlstandskinder zündeten Bomben gegen den Vietnam-Krieg. Die Heimatstadt Newark wurde durch Rassenunruhen verwüstet und verwandelte sich in einen einzigen Slum. Der Handschuhfabrikant Seymour Levov wurde zum Klassenfeind gestempelt. Der Preisdruck zwang zur Verlagerung der Produktion ins Ausland, womit sich die Globalisierung ankündigte. Nicht nur die alten Handwerkskünste verfielen, sondern auch die Moral. Am Ende mußte der Schwede, dem liebevoller Anstand stets das Höchste war, sogar entdecken, daß ihn seine Frau betrog und jahrelang belogen hat.

"Nichts war, wie es sein sollte. Die Ketzer hatten sich durchgesetzt. Man kann sie nicht aufhalten. Unglaublich: was nicht passieren sollte, war passiert, und was passieren sollte, war nicht passiert."

Die letzten Kapitel des Romans illustrieren diese Entwicklung noch einmal, indem sie die verschiedenen Generationen und Positionen bei einem Abendessen versammeln. In einer Diskussion über Pornofilme, die inzwischen zur gängigen kulturindustriellen Ware geworden sind, prallen die Gegensätze hart aufeinander: Auf der einen Seite steht der alte Vater des Schweden mit seiner zornbebenden Empörung; auf der anderen Seite die linke Intellektuelle Marcia, die für die bürgerlichen Moralvorstellungen nur Spott übrig hat. Sie ist es, die nach einem Eklat, der alle anderen fassungslos macht, zuletzt lacht.

"Und dann konnte diese dicke, hemmungslose Gesellschaftskritikerin in ihrem Kaftan nicht mehr an sich halten. Marcia [...] warf die Hände vors Gesicht und begann zu lachen, lachte sie alle aus, weil sie nicht begriffen, wie morsch dieses ganze alberne System war, lachte und lachte, lachte sie alle aus, diese Stützen der Gesellschaft, die zu ihrer großen Genugtuung rapide in die Brüche ging."

Mit diesem bösartigen Lachen einer - so könnte man sagen - heillosen Aufklärung endet der Roman. Und es gibt nach diesem Schlußpunkt keinen Zweifel mehr, mit welch rückhaltloser Bitterkeit das Jahr 1968 hier tatsächlich als Initialzündung eines umfassenden Verfallsprozesses denunziert wird. Natürlich kann man sich fragen, was wohl in Roth gefahren sein mag, daß er diese historischen Entwicklungen auf eine so verengte Sicht und Interpretation zusammenstutzt. Darüber ließe sich lange diskutieren.

Hier dazu nur soviel: Roth schreibt keine Gesellschaftsgeschichte, sondern Romane über das, was Individuen im Banne des Allgemeinen widerfährt, wie sie darauf reagieren, was sie empfinden, welche Schlüsse sie daraus ziehen. In "Sabbaths Theater" war es der non-konformistische Rebell, der im Mittelpunkt stand; mit Seymour Levov hat Roth nun das Innenleben eines vom Protest tief gekränkten idealtypischen Bürgers vorgeführt. Und damit ist ihm erneut ein großer, vielschichtiger Roman gelungen. Darin geht es, jenseits der zeithistorischen Themen, auch darum, wie jeder seinen Lebensstoff um- und umwälzt, bis sich daraus im Wechselspiel mit Gefühlen, Freuden und Schmerzen seine eigene Geschichte geformt hat. Oder in den Worten Zuckermans:

"[Ich war] nichts als eine Biographie in ständiger Bewegung, Erinnerung bis ins Mark hinein."

Am meisten Bewunderung verdient die eminente erzählerische Dynamik, mit der Roth hier die Spannung hält und die auch bei ihm nicht selbstverständlich ist. Die Beunruhigung über das Leben, seine Widersprüche und Fallstricke, die Empörung über die Gemeinheiten und Enttäuschungen des Daseins - das alles ist in der Erzählweise, im Stil dieses Romans präsent und macht ihn zu einer ungemein lebendigen, bewegenden Lektüre. Und außerdem hat Roth mit diesem Buch sein Themen-Repertoire noch einmal beträchtlich erweitert.

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