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StartseiteInterview"An die Lernfähigkeit der Banken glaube ich nicht"15.09.2009

"An die Lernfähigkeit der Banken glaube ich nicht"

Finanzwissenschaftler Rudolf Hickel plädiert für eine strenge Regulierung der Finanzmärkte

"Es muss ganz, ganz schnell zu Regulierungen kommen, sonst droht doch wieder der Rückfall in die alte Entwicklung und vor allem eine neue Finanzmarktkrise", sagt Professor Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen. Er plädiert vor allem für einen Produkt-TÜV.

Rudolf Hickel im Gespräch mit Gerd Breker

Firmenschild der Lehman Brothers Bank in Tokio (AP)
Firmenschild der Lehman Brothers Bank in Tokio (AP)

Gerd Breker: Der Zusammenbruch der Lehman Brothers Bank vor genau einem Jahr war zwar nicht der Auslöser der Finanzmarktkrise, aber er dokumentierte die Vernetzung der Geldinstitute. Ein neuer Begriff tauchte auf. Systemisch nannte man von da an die Banken, deren Zusammenbruch vom Staat verhindert werden sollte. In der globalisierten Welt war es überall der Steuerzahler, der mit Milliarden-Summen den Finanzmärkten unter die Arme griff. Was haben wir aus der Krise gelernt? Eine Frage, die US-Präsident Obama in seiner Rede an der Wall Street gestern in New York zum Jahrestag aufgeworfen hat.
Ein Jahr nach der Lehman Brother-Pleite, was haben wir aus der Krise gelernt? - Am Telefon bin ich verbunden mit Finanzwissenschaftler Professor Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen. Guten Tag, Herr Hickel.

Rudolf Hickel: Schönen guten Tag!

Breker: Der Finanzwelt geht es wieder besser. Banken machen Gewinne, Manager kassieren Bonuszahlungen, es läuft alles wie gehabt.

Hickel: Ja, wir haben eine gespaltene Entwicklung. Einerseits ist die Politik, vor allem jetzt mit Blick auf G20 in Pittsburgh, durchaus auch bereit und hat erkannt, dass Spielregeln neu aufgestellt werden müssen. Aber meine große Sorge ist, dass die Banken wieder zum "Business as usual" übergehen, das heißt auch zum Teil die Geschäfte wieder machen, die uns in die Krise geführt haben. Deshalb sage ich, das Zeitfenster ist sehr eng, es muss ganz, ganz schnell zu Regulierungen kommen, sonst droht doch wieder der Rückfall in die alte Entwicklung und vor allem eine neue Finanzmarktkrise.

Breker: Sie sagen es, Herr Hickel. Die Politik redet über Reglementierungen, aber wie es aussieht wird es wohl dabei bleiben.

Hickel: Es sieht wohl so aus, Sie haben völlig Recht, dass eigentlich von den vielen Regeln beispielsweise und den Hinweisen, die gegeben worden sind auf dem G20-Gipfel in London - da standen ja ganz wichtige Sachen im Papier drin, im Schlusskommuniqué -, dass davon überhaupt noch nichts derzeit reguliert worden ist. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Was uns ja besonders in die Krise gestürzt hat, sind die mehrfach verpackten Hypothekenkredite auf einer nichtbonitären Basis, also Subprime-Kredite. Da gibt es bisher noch überhaupt keine Regel, dass den Banken beispielsweise untersagt wird, 100 Prozent ihrer Kredite zu verpacken, sie weltweit zu verscherbeln, ohne Rücksicht auf das Risiko. Hier ist dringender Handlungsbedarf in der Tat.

Breker: Ja und laut Verbraucherschützer werden schon wieder jede Menge undurchschaubare Anlagen von den Banken angeboten.

Hickel: Das stimmt und das ist meines Erachtens die größte Herausforderung. Wir brauchen jetzt ganz, ganz schnell den TÜV, diesen Überprüfungsdienst, der genau die Produkte erstens beschreibt, vor allem auf ihre Risiken hin, dass jemand, der ein Zertifikat kauft, der bisher nicht wusste, was das ist, genau weiß, was er kauft. Und das zweite ist: wir müssen auch - und das ist eine wichtige Debatte - bestimmte Produkte verbieten, beispielsweise die Leerverkäufe, die massiv sozusagen die Börsenkurse beeinflussen. Hier gibt es einen Riesen Handlungsbedarf und der muss jetzt recht schnell umgesetzt werden. Lehman Brothers ist ja nur die Spitze des Eisberges, hat uns ja gezeigt, was da in den letzten Jahren, vor allem schon seit 1986 in Großbritannien mit Maggie Thatcher, was uns diese Art von Deregulierung der Finanzmärkte an selbstzerstörerischer Kraft sozusagen eingebrockt hat.

Breker: Allerdings eine Regulierung, Herr Hickel, hört man allenthalben, geht nur international. Stimmt das überhaupt, und dann kann ja nur der kleinste gemeinsame Nenner dabei herum kommen?

Hickel: Wir haben doch drei Ebenen der Regulierung. Wir haben natürlich in der Tat den internationalen Bedarf an Regulierung. Da ist ja mal ein Satz formuliert worden in der G20er-Gruppe im April; da ist gesagt worden, kein Finanzmarktprodukt und keine Finanzmarktinstitution darf künftig unkontrolliert bleiben. Aber wir haben natürlich eine zweite Handlungsebene; das ist vor allem die Europäische Union und die fällt meines Erachtens ziemlich stark aus in der Möglichkeit, innerhalb der Europäischen Union zu regulieren. Dazu gehört beispielsweise die Bändigung der Rating-Agenturen, die uns ja zum Teil systematisch falsch informiert haben. Aber wir haben natürlich auch nationale Möglichkeiten. Beispielsweise ist der TÜV, die genaue Prospektbeschreibung von Anlagen beziehungsweise auch die Haftung und Risikoregelung, das kann die Bundesregierung sofort in einem Schritt machen. Also Sie sehen: Es gibt durchaus auch nationale Möglichkeiten, hier insgesamt zu handeln. In der Gesamtheit kommt es darauf an, dass diese völlig überdrehten Spekulationsgewinne zurückgefahren werden. Damit gibt es dann übrigens auch automatisch schon weniger Bonizahlungen in der Zukunft.

Breker: Herr Hickel, es war viel die Rede von den sogenannten faulen Papieren, also von diesen Anlagen, die Sie eben beschrieben haben, wo keiner genau weiß, was wirklich dahinter steckt. Wo sind die eigentlich geblieben? Kennt man eigentlich deren genaue Dimension?

Hickel: Nein, die kennt man nicht. Das ist eine ganz spannende Frage. Wir haben zwar Schätzungen, dass die Europäische Zentralbank uns beispielsweise mitteilt, es gäbe noch 300 Milliarden solcher toxischer vergifteter Produkte in den Bilanzen, aber entscheidend ist: wir kennen deren Wert nicht. Warum? Weil es für die keinen Marktwert mehr gibt. Die haben an Wert verloren. Beispielsweise so ein Wertpapier auf der Basis von Hypothekalkrediten, das hat an Wert verloren. Das steht dann in der Bilanz. Und vergiftet heißt: es ist nichts mehr wert und insoweit sind die Werte in der Tat verschwunden. Aber ich würde sagen, es ist kein Kapital verbrannt worden, sondern das Buchgeld ist völlig spekulativ übertriebenes Buchgeld. Das ist eigentlich nie eine realistische Basis, aber das ist wieder verschwunden. Aber das bräuchte uns ja alle nicht zu kümmern, wenn nicht die Banken aufgrund dieser Belastung mit Abschreibungen und Wertberichtigungen, wenn nicht die Banken dieses Problem weitergeben würden im Rahmen einer sehr, sehr restriktiven Kreditpolitik, und das ist zurzeit die größte Herausforderung gegenüber der Realwirtschaft, die durch die Finanzmarktkrise ausgelöst worden ist.

Breker: Der Dominoeffekt von Lehman hat zu tun mit diesen bankeninternen Geschäften. Das hat uns den neuen Begriff "systemische Banken" eingebracht. War das immer richtig? Haben wir immer richtig gehandelt, oder wäre es nicht doch klüger gewesen, die eine oder andere Bank Pleite gehen zu lassen?

Hickel: Wir haben nun gerade ein Jahr nach der Lehman Brothers-Pleite das Beispiel, dass sich hier bei dieser Pleite, die sozusagen nicht die Ursache der Finanzmarktkrise war, sondern wenn man so will wie ein Zunami ausgebrochen ist, natürlich deutlich die Fehlentwicklung des ganzen Finanzsystems zeigt. Sicherlich war Lehman Brothers eine systemrelevante Bank, aber was die Pleite ausgelöst hat ist ein Problem, unter dem wir heute noch leiden. Der Interbankenmarkt, der kurzfristige Bankenmarkt, bei dem sich die Banken wechselseitig Kredite geben beziehungsweise ausleihen, der ist total zusammengebrochen und damit ist ein systemisches Problem daraus geworden. Die Banken sind auch in Deutschland noch in einem tiefen Misstrauen gegenüber anderen Banken und deshalb funktioniert die Geldversorgung nicht. Das ist die größte Herausforderung. Meine Lehre aus Lehman Brothers ist die, dass man wieder den Interbankenmarkt zum Laufen bringt. Da gehört kurzfristig die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank dazu; da gehört aber mittelfristig vor allem dazu die Regulierung, dass es nie wieder solche spekulativen Produkte geben kann, die am Ende die gesamte Weltwirtschaft in die Knie zwingen.

Breker: Und diese Regulierung muss die Politik leisten?

Hickel: Die muss die Politik leisten. Die Herausforderung ist natürlich: Regulierung ist immer Einschränkung von Macht der Finanzinstitutionen, auch vor allem der Banken, und deshalb braucht man eine mutige Politik, die mal auch die Macht der Banken einschränkt, übrigens am Ende zu ihrem eigenen Wohlergehen, weil wir ja wissen, dass die Geschäfte, die man einerseits erst mit Riesen Spekulationsgewinnen bei den Banken gemacht hat, am Ende die Banken selber in die Krise gestürzt haben. Aber an die Lernfähigkeit der Banken glaube ich nicht; deshalb brauchen wir eine starke Politik.

Breker: Im Deutschlandfunk war das Professor Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen. Herr Hickel, danke für dieses Gespräch.

Hickel: Schönen Dank!

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