• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteBüchermarktVom Untergang des Kapitalismus20.04.2016

AnalyseVom Untergang des Kapitalismus

Nicht erst seit Neoliberalismus und Weltfinanzkrise 2008 ist die Kritik am Kapitalismus lauter geworden. Innerhalb dieser Debatte geht es auch um die Macht der Finanzbranche und die staatliche Euro-Rettung zu Lasten der Armen in Griechenland, Spanien oder Portugal. Der britische Fernsehjournalist Paul Mason präsentiert in seinem Buch "Postkapitalismus" überraschende Zusammenhänge.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Plakat an einem Berliner Haus: "Markt oder Mensch?" (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Postkapitalismus bedeutet für Paul Mason nicht nur, dass die Globalisierung zusammenbricht, sondern dass vielmehr Nationalstaaten die Märkte und Konzerne kontrollieren und lenken müssen. (dpa/picture alliance/Paul Zinken)

Der Kapitalismus wird untergehen! Diese Prognose ist nicht gerade neu. Karl Marx war wohl einer der ersten, der dergleichen behauptete. Seit dem Untergang des Sowjetimperiums war es für circa 20 Jahre still um solche Prophezeiungen geworden. Seit der sogenannten Weltfinanzkrise im Jahr 2008 hat sie indes wieder Konjunktur.

So war denn diese Krise der Finanzwirtschaft für Paul Mason viel schlimmer als jene berühmte Weltwirtschaftskrise aus dem Jahr 1929. Ja mehr noch:

 "Die Krise im Jahr 2008 war nur eine erste Erschütterung, die das große Beben ankündigte."

Ja, nicht nur, dass sich der Untergang des Kapitalismus nicht verhindern lässt. Mason droht auch mit einem großen Krieg:

"Selbst wenn ein friedlicher Kurswechsel gelänge, würde er zu einem völligen Zusammenbruch der Globalisierung führen. Und natürlich würde er nicht friedlich ablaufen."

Damit stellt sich die Frage, was diesmal den Zusammenbruch des Kapitalismus bewirken wird. Da gibt es zunächst externe Faktoren, vor allem die Klimaerwärmung, der man marktwirtschaftlich nicht begegnen kann, die Demographie, die mit dem Rentensystem die Staatsfinanzen ruinieren wird, und der zunehmende Migrationsdruck. Mason schreibt:

"Diese Schocks verändern die Funktionsweise des Kapitalismus – und machen ihn auf lange Sicht funktionsuntüchtig."

Das sind allerdings wenig überraschende Argumente, hört man diese heute ja bei vielen Warnern vor dem Untergang der westlichen Kultur. Eher konventionell bleiben auch einige ökonomische Urteile. So lobt Mason das Währungssystem von Bretton Woods, mit dem die USA 1944 bestimmte Relationen zwischen den Währungen festschreiben wollten. US-Präsident Richard Nixon löste 1971 dieses System auf und entkoppelte den Dollar von der Sicherung durch staatliche Goldreserven. Damit ebnete er nach Mason den Weg in die neoliberale Aufblähung der Geldmenge, die nicht zuletzt die Finanzkrise 2008 nach sich zog. Mason lobt auch das Wirtschaftssystem nach dem Zweiten Weltkrieg, das zu höheren Löhnen und verbesserten Sozialsystemen führte. Dabei geniert er sich nicht festzustellen:

"Der Konservatismus und sogar der Faschismus hatten eine andersartige Solidarität angestrebt, eine die den Interessen des Kapitals diente. Aber es war immer noch Solidarität. Den Neoliberalen schwebte etwas anderes vor: die Atomisierung."

Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik

Die neoliberale Wirtschaftspolitik der 80er-Jahre zersplitterte die sozialen Strukturen der Arbeitswelt, was vereinzelte, atomisierte Beschäftige zurückließ.

Doch das zentrale Argument Masons, warum der Kapitalismus untergeht, ist ein anderes. Denn das Wirtschaftswachstum, das heute in einer weltweiten Stagnation verharrt, wird seit zwei Jahrzehnten von einer technologischen Entwicklung bedroht, womit Mason in der Tat ein marxistischer Clou gelingt. Nach Marx wird nämlich der technische Fortschritt den Kapitalismus in den Zusammenbruch treiben. Und für Mason gibt jetzt jedoch die Technologie, die die Prognose von Marx realisieren wird, nämlich die Informationstechnologie:

"Es tauchen immer mehr Belege dafür auf, dass sich die Informationstechnologie keineswegs als Grundlage für einen neuartigen, stabilen Kapitalismus eignet. Ganz im Gegenteil: Sie löst ihn auf. Sie zersetzt die Marktmechanismen, höhlt die Eigentumsrechte aus und zerstört die Beziehung zwischen Einkommen, Arbeit und Profit."

Aber haben Computer und Internet nicht zu einer eminenten Beschleunigung des Wirtschaftswachstums geführt? Bloß vorübergehend, und das nur durch den Markt aufhebende Monopolbildungen, man denke an Mikrosoft, Google und Apple. In anderen Wirtschaftsbereichen gibt es durchschnittlich vier bis sechs große Anbieter, in der Informationstechnologie regelmäßig höchstens zwei oder gar nur einen.

Informationsgüter lassen sich beliebig vervielfältigen und zerstören dadurch klassische Eigentumsrechte – man denke an Musik und Filme, die man im Internet beliebig kopieren kann. Das Internet-Lexikon Wikipedia, das von Tausenden Beiträgern kostenlos geschrieben wird, hat den Lexikon-Markt zerstört. Programme wie das Betriebssystem Linux, die mit offenen Codes arbeiten, machen Mikrosoft Konkurrenz. Im Internet werden Produkte kostenlos und unbeschränkt verfügbar. So schreibt Mason:

"Der wesentliche innere Widerspruch des modernen Kapitalismus ist der zwischen der Möglichkeit kostenloser, im Überfluss vorhandener gemeinschaftlich produzierter und frei nutzbarer  Allmendeprodukte und einem System von Monopolen, Banken und Regierungen, die versuchen ihre Kontrolle über die Macht und die Informationen aufrechtzuerhalten."

Doch an die Stelle von Monopolen und gigantischen Konzernen treten Netzwerke von Benutzern, die verhindern, dass Konzerne weiterhin Geschäfte machen können:

"Es tobt ein Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie. Das Netzwerk zerstört sowohl die Funktionsfähigkeit als auch die Legitimität des Marktsystems. Wenn das geschieht, wird ein Konflikt ausbrechen, der das Marktsystem kollabieren lassen und durch den Postkapitalismus ersetzen wird."

Massiver Verlust von Arbeitsplätzen

Vor allem die Informationstechnologie wird zum Untergang des Kapitalismus führen. Dabei stützt sich Mason auch auf die Zyklen-Theorie des sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers Kondratjew, der die Entwicklung des Kapitalismus in 50-Jahre-Zyklen schematisierte und der Stalin damit eigentlich darauf hinwies, dass der Kapitalismus womöglich doch nicht untergehen könnte. Für Mason hat aber 2008 ein neuer Zyklus begonnen, der nicht wie üblich durch einen Wirtschaftsaufschwung, sondern durch Stagnation gekennzeichnet ist und somit darauf hindeutet, dass die kapitalistische Entwicklung durcheinander geraten ist. Mason zieht daraus gar den Schluss:

"Das geschieht jetzt, weil der Aufstieg des Neoliberalismus das normale Muster der kapitalistischen Fünfzig-Jahre-Zyklen durchbrochen hat. Und das bedeutet, dass sich der mittlerweile 240 Jahre dauernde Lebenszyklus des Industriekapitalismus möglicherweise seinem Ende nähert."

Wer aber soll der Träger solcher Veränderung sein? Schwerlich das Proletariat, wird die Robotertechnik noch zu einem massiven Verlust von Industriearbeitsplätzen führen. Denn einerseits hält Mason an der marxschen Arbeitswertlehre fest, nach der allein lebendige Arbeit Wert produziert und nicht die Maschine. So bemerkt Mason, "dass die Arbeitswerttheorie gleichzeitig einen regelmäßigen zyklischen Prozess und einen Prozess beschreibt, der langfristig zum Zusammenbruch führt."

Aber kann man damit noch den Zusammenbruch des Kapitalismus erklären, den dieser durch die Informationstechnologie erleiden soll? Doch dabei beruft sich Mason auf einen anderen Gedanken aus Marx "Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie" aus dem Jahr 1858, den Marx später nicht mehr aufgriff, dass nämlich durch Wissen die große Maschinerie die lebendige Arbeit verdrängen wird:

"In diesem Modell bricht der Kapitalismus zusammen, weil seine Existenz nicht mit dem gesellschaftlichen Wissen vereinbar ist."

Marx hat also vom Postkapitalismus quasi schon geahnt, lautet der Untertitel von Masons Buch dementsprechend: "Grundrisse einer kommenden Ökonomie". Zudem entdeckt Mason einen Ersatz für das Proletariat, Marx‘ historisches Subjekt. Denn wenn die Welt vor einem totalen Zusammenbruch bewahrt werden soll, muss es Menschen geben, die den Postkapitalismus human gestalten:

"Die vernetzten Bewegungen sind ein Beleg dafür, dass es ein neues historisches Subjekt gibt. Dieses Subjekt ist nicht einfach die Arbeiterklasse in neuem Gewand: Es ist die vernetzte Menschheit."

Dazu zählt Mason die diversen Protestbewegungen in aller Welt, Umweltgruppen oder den vernetzten chinesischen Arbeiter. Aber sie müssen natürlich noch vieles lernen und sei es von ihren Gegnern:

"Wir müssen den Umweltschutzbewegungen und den Gruppen, die für soziale Gerechtigkeit kämpfen, also Eigenschaften einimpfen, die 25 Jahre lang das alleinige Eigentum der Rechten zu sein schienen: Willenskraft, Zuversicht und einen klaren Plan."

Am Ende wird es jedoch auf den Staat ankommen, weil Postkapitalismus für Mason nicht nur heißt, dass die Globalisierung zusammenbricht, dass vielmehr daher Nationalstaaten die Märkte und Konzerne kontrollieren und lenken müssen.

"Der Staat sollte neue Technologien und Geschäftsmodelle fördern, dabei jedoch stets prüfen, ob sie den beschriebenen strategischen Zielen und Prinzipien entsprechen. Im postkapitalistischen Projekt muss der Staat auch die Infrastruktur koordinieren und planen."

Im Energiesektor hat der Markt gar nichts mehr zu suchen. Ansonsten wird durch die Informationstechnologie eine ökologisch und demographisch nachhaltige, sozial gerechte Überflussgesellschaft entstehen, die keinen Mangel kennt. Andererseits klingt es ein wenig nach George Orwells Big Brother, wenn Mason schreibt:

"Die gesammelten Daten unseres Lebens – zu denen in naher Zukunft unsere Fahrgeschwindigkeit, unsere Ernährungsgewohnheiten, unser Body-Mass-Index und unsere Herzfrequenz zählen werden – könnten selbst eine sehr wirksame‚ soziale Technologie sein."

Und das soll letztlich auch zu einem neuen Menschen führen, der anders tickt als seine Urgroßeltern. Warum nicht! Aber unbedingt so kontrolliert? Mason ist mehr Marxist, als er den Anschein erwecken möchte.

Paul Mason: "Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie"
Berlin 2016, Suhrkamp, 430 Seiten, 26,95 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk