• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen

Anders krank

Die Gendermedizin betont die Unterschiede zwischen Frau und Mann

Es gibt kaum etwas im Körper, was bei Frau und Mann identisch ist. Gleiche Krankheiten äußern sich bei den Geschlechtern oft ganz anders. Die "kleinen Unterschiede" zwischen Mann und Frau erforscht die Gendermedizin systematisch.

Von Christine Westerhaus

Bei vielen Erkrankungen äußern sich im Vergleich zwischen Männern und Frauen unterschiedliche Symptome.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Bei vielen Erkrankungen äußern sich im Vergleich zwischen Männern und Frauen unterschiedliche Symptome. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"”Der eigentliche Herzinfarkt war im April 2009 und ungefähr 1,5 Monate vorher ging es los, dass ich Schmerzen hatte, in den Oberarmen, hier drinnen, in den Innenseiten.”"

Gabi Jacobeit ist erst Anfang vierzig, als sich ihr erster Herzinfarkt ankündigt. Die Rechtsanwaltsgehilfin fragt ihren Hausarzt um Rat. Er schickt sie wegen ihrer Beschwerden zum Orthopäden.

"”Dann bin ich in die Charité gegangen in die Notaufnahme und habe gesagt: Machen sie irgendwas, mit mir stimmt irgendwas nicht. Wurde nach Hause gechickt mit einer Bestätigung, dass lebensbedrohliche Kranhkeiten ausgeschlossen werden können.”"

Zwei Tage später wird Gabi Jacobeit mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hat einen Herzinfarkt. Wäre sie ein Mann, hätten die Ärzte ihre Symptome vermutlich früher erkannt.

Anders krank. Die Gendermedizin betont die Unterschiede zwischen Frau und Mann. Von Christine Westerhaus.


"”Der Mann denkt immer gleich ”Herzinfarkt” und eine Frau erst mal nicht. Und wenn die Frau dann auch noch jünger ist – dann denkt weder die Frau noch der Arzt dran.”"

Verena Stangl ist Professorin für molekulare Arterioskleroseforschung an der Berliner Charité. Die leitende Oberärztin hat am Zentrum für Herz- Kreislauf und Gefäßmedizin eine Sprechstunde etabliert, in der sie vor allem Frauen mit Herzproblemen behandelt. Ihr war aufgefallen, dass weibliche Herzen oft anders krank sind, als männliche.

"Wir haben festgestellt, dass viele Dinge bei Frauen einfach anders sind und wir uns auch in den Diagnosen oft vertan haben. Und wir haben gesehen, dass ein Vorteil, der über viele Jahre bestanden hat, dass Frauen weniger einen Herzinfarkt bekommen, zwar stimmt, aber dass wir hier einen Trend sehen, dass es doch ein bisschen zunimmt und dass sich viele Dinge bei Frauen einfach anders darstellen als bei Männern."

Plötzliche heftige Schmerzen im Brustbereich, die in den linken Arm ausstrahlen. Diese Symptome galten lange Zeit als typisch für einen Herzinfarkt. Doch es sind nur typisch männliche Symptome. Viele Frauen klagen oft schon Tage oder Wochen vorher über Nackenschmerzen, Bauchschmerzen, ein Ziehen in beiden Oberarmen oder Übelkeit. Auch bei Gabi Jacobeit kündigte sich der Herzinfarkt eher auf eine weibliche Art an.

"”Die wurden immer doller die Schmerzen. Häufiger, ganz am Anfang etwa ein mal die Woche dann wurde das immer häufiger, immer stärker. Dann kamen noch die Schmerzen im Hals bis zum Kiefer und zum Ende kam der Schulterbereich mit vorne und der Rücken. Ich wäre nie auf einen Herzinfarkt gekommen. Nie! – oder allein auf das Herz gekommen.”"

Gabi Jacobeit ist aus der Sicht vieler Ärzte keine typische Kandidatin für einen Herzinfarkt. Sie steht noch vor ihren Wechseljahren und hat dadurch einen natürlichen Schutz durch die körpereigenen Östrogene. Diese weiblichen Geschlechtshormone erweitern die Blutgefäße, senken den Blutdruck und regulieren den Cholesterinspiegel. Männern fehlt dieser natürliche Gefäßschutz und nicht nur deshalb galt der Herzinfarkt lange Zeit als typisch männliche Todesursache. Die Statistiken zeigen jedoch einen Trend, der für Frauen beunruhigend ist: Während Männer inzwischen seltener an Herz-Kreislauferkrankungen sterben, steigt die Zahl der weiblichen Todesfälle im Alter zwischen 40 und 55 Jahren sogar an. Weil die Symptome oft nicht erkannt und sie zu spät behandelt werden, sterben Frauen auch häufiger an ihrem ersten Herzinfarkt. Fast doppelt so häufig, wie Männer. Zudem bleibt diese Erkrankung bei Frauen häufiger unentdeckt.

"Es wurde immer früher gesagt: Männer sterben am Herzinfarkt, Frauen am Tumor. Und wenn sie Männer und Frauen fragen ist das auch immer noch in den Köpfen so. Wir haben vor zehn Jahren eine Umfrage gemacht einmal im Osten einmal im Westen. Das war ganz interessant. Da waren Fragen: Wovor hast du Angst zu sterben. Und da haben die Frauen gesagt: an Brustkrebs. Und wenn sie sich die Statistiken anschauen, sterben viel mehr Frauen am Herzinfarkt als an Krebserkrankungen."

Diese falsche Selbsteinschätzung kommt jedoch nicht von ungefähr. Viele Ärzte unterschätzen das Risiko für einen weiblichen Herzinfarkt und auch Pharmafirmen haben Frauen lange ignoriert.

"Man muss ja sagen über Jahre, Jahrzehnte sind Studien vor allem mit Männern durchgeführt worden. In den Studien zu Herzinsuffizienz zu Bluthochdruck - zu Herzinfarkt ist es vielleicht noch am meisten verständlich, weil Frauen einfach weniger Herzinfarkte bekommen - aber in allen diesen Studien waren Frauen immer unterrepräsentiert. Und wenn sie sich den Bluthochdruck und die Herzinsuffizienz anschauen, ist die Häufigkeit bei Männern und Frauen gleich. Und warum sind dann weniger eingeschlossen. Da ist einfach ein Nachholbedarf für Frauen da."

Diesen Nachholbedarf arbeitet die Gendermedizin seit ein paar Jahren systematisch auf. Im Oktober 2003 gründete die Berliner Charité das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin. Es wird von Vera Regitz-Zagrosek geleitet, die seit 2002 die einzige Professorin für kardiovaskuläre Erkrankungen in Deutschland ist. Die Gendermedizin ist aber keine deutsche Erfindung, erklärt die Herzspezialistin. Ursprünglich stammt die Initiative aus den USA.

"”Da hat es zunächst Erfahrungen mit untschiedlicher Arzneimittelverträglichkeit bei Männern und Frauen gegeben. Im Jahre 2001 hat dann das Institute of Medicine festgestellt, dass viele häufige Erkrankungen - Herzerkrankungen, Depression, Osteoporose, rheumatische Erkrankungen, dass die bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen und dass das noch nicht in ausreichendem Maße in Lehrbüchern festgehalten ist. Dass es aber wichtig ist, wenn man Männer und Frauen gut behandeln will, dass man das untscheiden muss.”"

In Deutschland und auch in anderen Ländern Europas ist die Situation nicht anders. Schon während des Studiums lernen Mediziner ein verzerrtes Bild des Menschen kennen. Auch das versucht die Gendermedizin zu ändern.

"Viele Lehrbücher sind noch geschrieben als sei der Mensch ein Neutrum und dieses Neutrum hat dann aber sehr oft männliche Züge!"

Vera Regitz-Zagrosek und ihre Kolleginnen haben vor allem das menschliche Herz-Kreislauf System im Blick. Sie werten zum Beispiel klinische Studien aus, in denen Pharmafirmen die Wirksamkeit bestimmter Arzneimittel testen.

"Klinische Studien wurden häufig nicht für beide Geschlechter ausgewertet und das hat dann dazu geführt, dass man in einigen wichtigen Herzstudien festgestellt hat, dass die Frauen, die ein Medikament bekommen haben, vermehrt gestorben sind und die Männer besser überlebt haben und dass das gar nicht aufgefallen ist, weil man die bei der Auswertung der Untersuchung in einen Topf geworfen hat. Und in einer Studie war der Anteil der Frauen so klein, dass die gehäufte Sterblichkeit der Frauen gar nicht aufgefallen ist."

Dennoch verschreiben die meisten Ärzte gängige Medikamente für das Herz-Kreislauf-System unabhängig vom Geschlecht ihrer Patienten. Im Fall des Wirkstoffs "Digitalis" ein fataler Fehler. Eine Studie aus dem Jahr 1997 wies scheinbar nach, dass sich dieser Wirkstoff sowohl bei Männern als auch bei Frauen zur Behandlung der Herzschwäche eignet. An den klinischen Studien hatten 4.500 Männer, aber nur 1.500 Frauen teilgenommen. Erst als die Studie nach Geschlechtern getrennt ausgewertet wurde zeigte sich, dass Digitalis bei Frauen eine tödliche Wirkung haben kann.

Inzwischen ist auch bekannt, dass manche Wirkstoffe im Körper einer Frau langsamer abgebaut werden als beim Mann. Bei Frauen kommt beispielsweise ein bestimmtes Enzym in geringeren Konzentrationen vor, mit dem Medikamente gegen Bluthochdruck abgebaut werden. Daher treten bei ihnen häufiger Nebenwirkungen auf. Erst seit Ende der Neunziger Jahre sind Arzneimittelhersteller jedoch verpflichtet, ausreichend Frauen in ihre Studien einzubeziehen.

"Mittlerweile muss danach aufgetrennt werden oder sollte, es gibt immer noch eine schwarze Liste, man kann sich immer noch die Studien anschauen, die nicht nach Geschlechtern trennen. Es ist immer noch so, dass gerade in die kardiovaskulären Studien und in die sehr frühen Studien zu wenig Frauen eingeschlossen werden. Im Moment so 23 Prozent, obwohl sie doch 40 Prozent der Erkrankten in diesem Bereich darstellen. Also der Frauenanteil ist in vielen Studien einfach immer noch zu niedrig.”"

Die Gründe für dieses Ungleichgewicht sind vor allem praktischer Natur. Die Arzneimittelhersteller wollen ihre Studien möglichst einfach und kostengünstig organisieren. Auch der Contergan-Skandal in den 60er-Jahren hat dazu geführt, dass neue Arzneimittel in frühen klinischen Studien nicht an Frauen getestet werden. Damals hat der Wirkstoff Thalidomid bei Ungeborenen Missbildungen ausgelöst.

"”Frauen sind komplizierter, sie haben einen Zyklus damit streuen die biologischen Ergebnisse mehr, als es bei einem reinen Männerkollektiv der Fall wäre. Und dann gab es natürlich, dass muss man schon sagen, gerade wegen der Thalidomid Katastrastophe ganz erhebliche Vorbehalte, Frauen in Arzneimittelstudien einzuschließen. Man muss sich immer vergewissern, was im Fall einer Schwangerschaft geschehen könnte. Man muss das so gut es geht ausschließen können. Nur haben wir bei den kardiovaskulären Studien häufig ein Durchschnittsalter von 60 und da sind diese Schwangerschaftsprobleme in der Regel nicht mehr so groß.”"

Im Tierversuchslabor suchen Vera Regitz-Zagrosek und ihr Team nach geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Ratten und Mäusen. An männlichen und weiblichen Tieren erforschen sie die Reaktionen des Körpers auf einen Herzinfarkt.

"”Ein ganz schlagender Unterschied ist, dass männliche Mäuse an einem Herzinfarkt sehr viel häufiger sterben, als weibliche Mäuse. Nach einem Herzinfarkt kommt es dazu, dass ein Stück Gewebe sehr massiv geschädigt wird, es wandern Entzündungszellen ein, die das Gewebe aufweichen und diese Entzündungszellen setzen Mediatoren frei, die dazu führen dass das Bindegewebe aufweicht. Das soll durch andere Gewebe ersetzt werden und das funktioniert offensichtlich anders bei männlichen und weiblichen Herzen.”"

Ob dafür genetische Unterschiede oder aber allein die Geschlechtshormone verantwortlich sind, ist bisher jedoch unklar. Auch das versuchen die Forscher mithilfe von Tierversuchen herauszufinden.

""Wir trainieren Mäuse. Wir lassen sie im Laufrad laufen da sehen wir auch Unterschiede. Die weiblichen Mäuse rennen in der Regel sehr viel mehr als die männlichen Mäuse und wenn man die Hormone manipuliert ändert sich das plötzlich. Also das ist ganz spannend. Wir machen also diese Tierexperimente um dann zu verstehen, warum sich das weiblich Herz anders an Belastungen anpasst, als das männliche Herz.”"

Vera Regitz-Zagrosek untersucht diese Unterschiede bis ins kleinste Detail: In ihren Labors untersucht sie einzelne Herzmuskelzellen, die von Frauen oder Männern stammen. Auch diese isolierten Zellen reagieren je nach Geschlecht unterschiedlich, wenn man sie durch Sauerstoffmangel oder Dehnung stresst. Männliche Zellen vertragen diese Strapazen deutlich schlechter.

"”Da sehen wir, unter anderem, dass männliche Zellen sehr viel schneller ein Selbstmordprogramm aktivieren, das nennt man Apoptose, als weibliche Zellen. Die Gründe dafür sind noch nicht so ganz klar. Man nimmt aber an, dass die männlichen Zellen mehr freie Radikale produzieren, wenn sie Energie produzieren und dass diese vermehrten freien Radikale die Zellen dann in den Selbstmord treiben.”"

Die Wirkung neuer Medikamente wird in der Regel zunächst in Zellkulturen getestet. Auch in der Grundlagenforschung setzen Wissenschaftler Zellen ein. Doch das Geschlecht dieser Kulturen spielte bisher kaum eine Rolle, bemängelt Vera Regitz-Zagrosek.

"”Wenn wir Zellen in Kultur haben ist es auch wichtig, das Geschlecht dieser Zellen zu kennen. Wir versuchen das gerade zu erreichen. Tatsächlich ist es so, dass man bei vielen Zellkulturlinien, die man handelsüblich erwerben kann, gar nicht auf das Geschlecht geachtet hat. Wir denken, dass es ganz dringend notwendig ist, das zu tun. Es gibt sehr viele Tumorzelllinien im Handel die ganz unterschiedlich auf Medikamente reagieren und hier würde man vielleicht auch größere Klarheit erreichen, wenn man diese Zelllinien mal nach ihrem Geschlecht ordnen würde.”"

Diese Klarheit sucht auch Verena Stangl. Sie hat beobachten können, dass weibliche und männliche Zellen unterschiedlich arbeiten. Im Endothel-Labor der Charité untersucht die Wissenschaftlerin die Arbeitsweise der menschlichen Blutgefäße.

"’”Wir schauen viel auf die Gefäße, wir können das am Menschen messen – die Gefäßfunktion am Unterarm messen und hier einen Hinweis auf die Gefäßschädigung testen und wir untersuchen das bis in die Zelle – also die Effekte, die bei der Gefäßregulation eine Bedeutung haben. Und neben der Prävention interessiert uns besonders – was passiert bei Frauen, was ist dort anders. Zum Beispiel bei Frauen, die rauchen und die Pille nehmen oder bei Diabetikerinnen oder verschiedenen Risikogruppen.”"

Im Endothelfunktionslabor an der Berliner Charité untersucht die Forscherin Nicoline Jochmann, wie menschliche Blutgefäße auf Stress reagieren. Als Endothel bezeichnen Mediziner die innere Wand der Blutgefäße. Es reguliert die Schnelligkeit, in der das Blut hindurchfließen kann. Dazu produziert das Endothel Substanzen, die den Blutdruck regulieren. Zum Beispiel Stickstoffmonoxid oder NO.

"”Hallo. Dürfen wir reinkommen?”

”Ach alle, das ist ja schön!”. ”Das ist Frau Dr. Jochmann und das ist die Endothelfunktionsmessung.”

”Ja, wir zeigen mal die Messung, wie das läuft, genau.”"

Die Patientin liegt.entspannt auf dem Untersuchungstisch. Die Gefäßforscherin Nicoline Jochmann schiebt nun den Ärmel des Pullovers hoch und erklärt die Prozedur.

"”Aber das tut ein bisschen weh – nur mal so! Nein ist nicht so schlimm ...”"

Nicoline Jochmann wickelt eine Staumanschette um den Oberarm und pumpt sie mit Luft voll. Die Funktion des Endothels wird ähnlich wie der Blutdruck gemessen.

"”Wir messen sozusagen die Weite der Armarterie und machen eine Provokation – sie haben die Staumanschette schon um - indem wir einen Blutstau machen und den lösen wir nach 5 Minuten und dann saust das Blut da so durch und das ist der Scherstress auf die Wand. Und dieser Scherstress führt zu einer erhöhten Freisetzung von NO. Und NO ist die Substanz, wenn man davon viel freisetzen kann, wird das Gefäß weiter und wenn man weniger freisetzen kann, weniger weit. Und je mehr es weit wird, desto besser.”"

Im Ultraschall ist zu hören, wie sich der Blutdruck verlangsamt.

""Gleich wenn man aufmacht, dann rauscht das richtig so rein. Das soll sich so anhören. Also nicht erschrecken. Und ganz ruhig liegenbleiben. In zehn Sekunden mache ich auf! Drei Sekunden – jetzt mache ich auf!”"

"”Man sieht richtig, wie es größer wird. Dann speichert man 15 Sekunden Clips und die kann man dann EKG kontrolliert auswerten."

Mit dieser Messung untersuchen die Forscherinnen, wie gut die Gefäßwand der Armarterie Belastungen aushält. Desto weiter das Gefäß wird, desto geringer ist das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.

"”Zum Beispiel eine Untersuchung, die wir gemacht haben: Im Zyklus der Frauen schauen wir uns die Gefäßfunktion an, wie wird die moduliert durch Hormone in Kombination mit Risikofaktoren um das Risiko der Frauen einfach besser zu verstehen. Und das können wir auch ins Labor tragen und schauen uns das auf Zellen an, auf wichtigen Gefäßzellen, wie die reagieren.”"

Auf Zellebene haben Verena Stangl und ihre Kolleginnen deutliche Unterschiede herausgefunden: Die männlichen Endothelzellen sind weniger belastbar, als die weiblichen. Doch welche Faktoren dafür verantwortlich sind, ist für die Forscherin noch unklar.

In Schweden, ein Land, das in Sachen Gleichberechtigung als sehr fortschrittlich gilt, sind Frauen medizinisch häufig ebenfalls schlechter versorgt, als Männer. Seit zehn Jahren setzt sich Karin Schenck-Gustavsson dafür ein, dass sich das ändert. Die resolut erscheinende Frau ist Professorin für Kardiologie und hat 2001 das Institut für Gendermedizin am Karolinska Institut in Stockholm gegründet. Wie ihre deutsche Kollegin Vera Regitz-Zagrosek erforscht die Schwedin medizinische Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Die beiden Wissenschaftlerinnen kennen sich seit Langem und arbeiten beide im Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Gendermedizin.

"”Schon Anfang der Neunziger Jahre fiel mir bei meiner Arbeit auf, dass viele medizinische Studien keine Frauen mit einbezogen. In den medizinischen Lehrbüchern war außerdem zu lesen, dass der Herzinfarkt eine Männerkrankheit sei. Doch wenn ich mich auf der kardiologischen Intensivstation umgesehen habe, war die Hälfte der Patienten weiblich. Das stimmt also nicht. Der Herzinfarkt ist auch bei Frauen eine typische Todesursache und trotzdem hat man sie nicht in die klinischen Studien einbezogen. Als ich dann anfing, das Institut für Gendermedizin aufzubauen stellte ich fest, dass das nicht nur in der Kardiologie der Fall ist, sondern auch in anderen Bereichen der Medizin.”"

Inzwischen hat Karin Schenck-Gustafsson am Karolinska Institut ein virtuelles Zentrum für Gendermedizin aufgebaut. Sie koordiniert wissenschaftliche Studien, die an Instituten im ganzen Land geschlechtsspezifische Unterschiede untersuchen. Außerdem kümmert sie sich darum, dass dieses Wissen im medizinischen Alltag ankommt. Zum Beispiel darum, dass die Beschwerden von Frauen genauso Ernst genommen werden, wie die der Männer.

"”In Göteborg wurde vor ein paar Jahren eine Untersuchung gemacht, die das Schicksal von 1000 Herzinfarkt-Patienten verfolgt hat. Die Männer und Frauen hatten wegen Schmerzen in der Brust die Notrufnummer 112 gewählt. Bei männlichen Anrufern, kam der Notarzt sofort, bei den Frauen dagegen erst nach 20 Minuten oder sogar erst nach mehreren Stunden.”"

Dies erlebte Vera Regitz-Zagrosek am eigenen Leib.

"”... als ich einen Notfall zuhause hatte und tatsächlich befürchtet habe, einen Herzinfarkt zu haben und mein Mann die Rettungsanitäter angerufen hat. Das war eine relativ schwere Geschichte und das hat glaub ich 20 Minuten gedauert, bis die gekommen sind. Die haben das überhaupt nicht Ernst genommen, dass mein Mann sagte: Meine Frau hat einen Infarkt oder könnte einen Infarkt haben.”"

Inzwischen hat sich die Situation für Frauen jedoch etwas verbessert. Manche Kliniken haben sogar ein spezielles Programm entwickelt, mit dem Ärzte durch gezieltere Fragen am Telefon lernen sollen, den Gesundheitszustand von Frauen besser einzuordnen. Solche Änderungen in den schwedischen Krankenhäusern durchzusetzen war jedoch nicht einfach, erinnert sich Karin Schenck-Gustavsson.

"”Wenn wir unsere Kollegen anfangs darauf hingewiesen habe, dass es bei Frauen deutlich länger dauert, bis sie mit einem Herzinfarkt in die Klinik eingeliefert wurde, war ihnen das sehr lästig. Sie haben auch keine Notwendigkeit gesehen, daran etwas zu ändern – und meinten sogar, dass Frauen ja sowieso so lange leben würden. Wir haben aber trotzdem nicht locker gelassen und sehr viel debattiert und inzwischen haben sich die Wartezeiten für Frauen deutlich verkürzt.”"

Insbesondere die Kardiologie ist ein medizinischer Bereich, der sehr von Männern dominiert ist. Auch das könnte ein Grund dafür sein, dass geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf Erkrankungen lange Zeit wenig beachtet wurden.

"”Es gibt nur sehr wenige Frauen, die in diesem Bereich arbeiten. In Schweden sind es 15 Prozent und in Deutschland glaube ich noch weniger. Wir kennen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, doch bei den männlichen Kardiologen ist dieses Wissen noch nicht so richtig angekommen. Es ist schade und sehr anstrengend, dass wir sie davon überzeugen müssen, dass die Hälfte ihrer Patienten Frauen sind. Die Kollegen zur Einsicht zu bringen ist schwieriger, als Politiker oder die Allgemeinheit.”"

Karin Schenck-Gustavsson hat auch die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder Kollege einsieht, warum sich die Gendermedizin momentan vor allem um die Frauen kümmert.

"”Als wir anfingen, klinische Studien nur mit Frauen zu etablieren, haben viele Kollegen sehr merkwürdig reagiert und mich gefragt, warum ich denn keine Männer untersuche. Aber wir untersuchen die Frauen ja nur deswegen, weil es zu den Männern schon genug Daten gibt. In diese Richtung habe ich wirklich viele Reaktionen bekommen.”"

"Wir haben ja auch einen Nachholbedarf bei Frauen. Ich glaube das ist das Problem, dass die Gendermedizin sich natürlich in einigen Fächern wie der Kardiologie, wo es einfach keine belastbaren Daten für Frauen in vielen Bereichen gibt, einmal damit beschäftigt, diese belastbaren Daten für Frauen zu generieren und dadurch sieht das natürlich so aus, als sei das Fach frauenlastig. Das ist nicht das Ziel – das Ziel ist einfach einen Gleichstand in der Datenlage zu schaffen und der ist im Moment absolut nicht gegeben und daher arbeiten wir etwas mehr Daten bei Frauen nach."

Noch steht die Gender-Medizin jedoch erst am Anfang. Je genauer die Forscher hinschauen, desto mehr Unterschiede sehen sie zwischen Männern und Frauen. Diese Wissenslücken sollen nun gestopft werden.

"”Wir sehen eigentlich, was Geschlechterunterschiede anbelangt, in allen Bereichen der Medizin einen großen Aufklärungsbedarf. (...) Im Bereich der Nierenerkrankungen gibt es großen Aufklärungsbedarf, im Bereich der rheumatischen Erkrankungen, die ja vorwiegend Frauenerkrankungen sind, gibt es große Unsicherheit über die Mechanismen, die zu diesem Geschlechterungleichgewicht führen. Im Bereich der psychischen Erkrankungen gibt es große Unterschiede. Also wohin sie auch schauen, gibt es große Unterschiede.”"

Damit dieses Wissen im Klinikalltag ankommt, kümmern sich die Forscher auch um Fortbildungen für Ärzte und Kurse für Medizinstudenten. Die Gendermedizin nutzt aber nicht nur Patientinnen. Auch männliche Patienten mit vermeintlichen Frauenleiden profitieren von einer geschlechtsspezifischen Behandlung.

"”Man hat häufig das Gefühl, dass Gender Medizin eine Medizin für Frauen ist. Das ist sie nicht, es ist eine Medizin für Männer und Frauen. Viele Beckenbrüche entstehen bei Männern, weil eine Osteoporose nicht rechtzeitig diagnostiziert wird. Diese Erkrankung gilt einfach als weiblich und wird bei Männern nicht richtig wahrgenommen. Es ist auch so, dass eine Depression als unmännlich gilt. Mit anderen Worten: Wenn wir anfangen, uns beide Geschlechter anzuschauen, dann profitieren auch beide.""

Den Nutzen der Gendermedizin bestreiten nur die wenigsten. Denn der Vergleich zeigt, dass das Geschlecht eines Menschen bei der Behandlung von Krankheiten eine größere Rolle spielt, als seine ethnische Zugehörigkeit, der kulturelle Hintergrund oder sein Körpergewicht.

"”Ich glaube, dass sich das weiter sehr gut entwickeln wird, weil der Bedarf sehr groß ist, weil die Ärztinnen und Ärzte sehen, dass sie tatsächlich einen Nutzen haben, wenn sie die Erkenntnisse anwenden. Das fängt mit Arzneimitteltherapie an das geht weiter mit, dass unterschiedliche diagnostische Verfahren optimal sein können und wenn wir die Medizin effizienter gestalten wollen und näher an den Patienten orientieren wollen, dann müssen wir einfach auf individielle Patienten oder Patientinnen eingehen und Geschlecht ist ein Faktor, der einer der wichtigsten ist, den wir derzeit haben.”"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk