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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Andreas Kuhlmann: Politik des Lebens - Politik des Sterbens. Biomedizin in der liberalen Demokratie06.08.2001

Andreas Kuhlmann: Politik des Lebens - Politik des Sterbens. Biomedizin in der liberalen Demokratie

Alexander Fest Verlag, Berlin. 2001, 234 Seiten, 36,-- DM

<strong>Ist die Legalisierung aktiver Sterbehilfe eine logische Konsequenz aus dem Selbstbestimmungsrecht oder ist sie Ausdruck neoliberalen Werteverfalls? Verstößt das Forschen an embryonalen Stammzellen gegen die Autonomie ungeborenen Lebens oder muss ein Verbot solcher Forschung als zynische Absage an Fortschrittsmöglichkeiten gedeutet werden, die neue lebenserhaltende Therapien etablieren könnten? Welche Folgen hat ein forciertes Embryo-Screening, stellt es den Akt der Zeugung unter grundsätzlichen Vorbehalt?</strong> <strong>Solche Fragen müssen beantwortet werden, weil die Biomedizin die Grenzen des Machbaren immer weiter hinaus schiebt und unsere Gewissheiten über Leben und Tod verunsichert. "Politik des Lebens, Politik des Sterbens - Biomedizin in der liberalen Demokratie" ist eine Abhandlung überschrieben, in der sich der Philosoph Andreas Kuhlmann um politische, moralische und ethische Orientierungen in diesem Feld neuer existentieller Möglichkeiten bemüht. </strong>

Frank Praetorius

Als wichtigste moralische Errungenschaft der Medizin des 20. Jahrhunderts gilt die Patientenautonomie mit dem Grundsatz des "Informed Consent". Wie aber soll sich menschliche Autonomie verwirklichen, wenn es um den Anfang und das Ende des Lebens geht, wenn Selbstbestimmung abstrakt wird und statt ihrer religiöse oder quasireligiöse Vorstellungen über das Individuum entscheiden wollen? Kann man sich eher dem Credo einer liberalen Demokratie anvertrauen mit ihrer Tendenz, möglichst wenig zu verbieten - und das hieße, möglichst viel zu erlauben? Andreas Kuhlmann zweifelt:

"Dass Ärzte mit gespendeten Keimzellen im Labor ein Kind zeugen und dieses vielleicht sogar nach besonderen medizinischen Kriterien auswählen oder dass ein ganzes Geschwader von Chirurgen an einen 'hirntoten' Patienten mit einem Wunschzettel herantritt, ihn aufschneidet und ihm Zellmaterial und Organe entnimmt - all das kann nur dann zulässig erscheinen, wenn man menschliches Leben in einer ganz bestimmten Weise definiert und damit das totale Verfügen über frühe und späte Lebensstadien als moralisch akzeptabel deklariert."

Welche Experimente kann die Politik zulassen? Die Sache mit dem Klon-Schaf Dolly passierte vor vier Jahren: Ein Lebewesen wurde aus dem identischen Erbgut eines erwachsenen Tieres hergestellt. Bei dieser Technik der "Zellkern-Transplantation" wird einer Körperzelle des Spendertieres der Zellkern entnommen und unter dem Mikroskop einer entkernten Eizelle eingesetzt. Das hat inzwischen mit anderen Säugetieren geklappt und ist zur Routine geworden, während die Klonierung beim Menschen strafrechtlich verboten ist. Die Probleme am Ende des Lebens haben für Kuhlmann eine vergleichbare ethische Wertigkeit. Sterbehilfe, Hirntoddiagnose und Organtransplantation finden sich in den Kapiteln über

"Die totale Therapie", "Der Mensch als Ressource", "Behandlungsverzicht und Sterbehilfe".

Wer entscheidet über Gesetze? Es ist nur eine Handvoll Politiker, die sich auf diesem brisanten Feld auskennt. Unterstützt wird sie von ein paar Dutzend Spezialisten aus der Wissenschaft und den wichtigen religiösen, philosophischen und juristischen Lagern, die sich mit vielen Zungen und ebenso unversöhnlich wie medial wirksam streiten. Längst kennen sie alle Argumente der Gegenseite. Neue Fakten aus der Biowissenschaft werden in einer vertrauten Rang- und Hackordnung weltanschaulicher Positionen und Loyalitäten rasch verortet und entschärft, indem man sie in die alten Begriffsschemata einpasst, beispielsweise die des Embryonenschutzgesetzes von 1991. Neue Lösungen werden vermieden, weil die Fundamentalismen das nicht erlauben. So entsteht die Gefahr, dass eher Verbote als Zukunftsprojekte herauskommen. Andreas Kuhlmann warnt:

"Entscheidungsträger müssen den häufig berechtigten oder doch gut nachvollziehbaren Vorbehalten gegenüber dem radikalen Wandel im Umgang mit Leben und Sterben Gehör schenken, ohne ihnen doch in der Weise nachgeben zu können, dass sie ganze therapeutische Entwicklungsstränge durch staatliche Order einfach kappen."

Den Spezialisten steht eine Mehrzahl von Politikern gegenüber, die schließlich über jene Fragen um Leben und Tod entscheiden sollen. Sie und fast die gesamte Bevölkerung einschließlich ihrer Ärzte befinden sich in dem gleichen bioethischen Wissensnotstand: Wir alle ahnen, dass etwas geschieht, das uns Angst machen muss, doch wir können es nicht näher bestimmen. Wen kann es da wundern, formuliert der Philosoph Jürgen Habermas, dass der unvermittelte Wissenstransfer aus Wissenschaft, Recht und politischer Ethik in die privaten und öffentlichen Sphären des Alltags schief geht, weil er als unterkomplexer Eingriff nur zur Moralisierung führt und expressivistische Gegenkulturen, technokratisch durchgesetzte Reformen oder fundamentalistische Bewegungen hervorruft. Mit anderen Worten: Es drohen Radikalisierung und Fundamentalismus; sogar Gewalt ist nicht mehr auszuschließen, schon wurden Forscher unter Polizeischutz gestellt. Die Unübersichtlichkeit ist nicht unsere Schuld, tröstet der



"Künstliche Befruchtung und Transplantationsmedizin, Gendiagnostik und Gentherapie sind ohne Zweifel Innovationen, die von der Medizin weitgehend unbefragt auf den Weg gebracht wurden. Mit den Folgen und der Frage nach Wünschbarkeit konnte sich die Gesellschaft erst befassen, als der Zug bereits abgefahren war."

An diesem Punkt stimmen wir nicht ganz zu: Denn was heißt "unbefragt", wenn im Jahr der Gen-Entzifferung plötzlich die verwegensten Wünsche nach ewigem oder wenigstens sehr langem Leben aufschießen. Vielleicht nicht bewusst - aber vorhanden waren diese Hoffnungen des naturwissenschaftlichen Zeitalters schon lange, auch wenn sie nicht im wörtlichen Sinn "gefragt" waren. Es fällt schwer, einige Punkte herauszuheben, denn eigentlich ist kein Abschnitt des Buches weniger wichtig. Die riesigen Innovationen aus der medizinischen Biowissenschaft der letzten zwei Jahrzehnte können natürlich auf 234 Seiten nicht aufgearbeitet werden. Kuhlmann gelingt dennoch eine für den Laien gut verstehbare Darstellung der wissenschaftlichen Inhalte, soweit sie für die ethischen Fragestellungen benötigt werden. Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung sind die Schlüsselwörter der aktuellen Diskussion, in der sich die Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Will man weiterkommen, sollte man nach den dahinter stehenden Interessen fragen. Warum beispielsweise wird so heftig um die genetische Untersuchung von im Reagenzglas befruchteten Eizellen gestritten, um die Präimplantationsdiagnostik. Praktisch geht es doch lediglich um jene 50 bis 100 Paare pro Jahr, die ohne eine so genannte "In-Vitro-Fertilisation" keine Kinder bekommen könnten. Das "Deutsche Ärzteblatt" hat aus dem Einsatz von Bundeskanzler Schröder für eine so kleine Zahl von Betroffenen geschlossen, dass wohl ein Nebenergebnis der Präimplantationsdiagnostik der eigentliche Punkt sein muss. Kuhlmann erläutert:

"Die Sterilitätsbehandlung mittels Laborbefruchtung hat frei verfügbare Embryonen entstehen lassen, die zum Gegenstand mannigfacher Begierden, aber auch massiver Befürchtungen geworden sind."

Mit Hilfe der aus solchen "überzähligen" Embryonen gewonnenen embryonalen Stammzellen lassen sich menschliche Gewebe und vielleicht einmal ganze Organe herstellen. Das könnte in Zukunft eine Lösung des Problems der Organspenden ermöglichen und dadurch die medizinethische Diskussion um das Ende des Lebens grundlegend verändern. Man hofft, dass mit einer gesetzlichen Grundlage für die Präimplantationsdiagnostik auch die Vorbehalte gegen die Stammzellenforschung und das therapeutische Klonen entfallen könnten - im Interesse der forschenden Industrie und damit später der Heilung von Krankheiten. Jetzt versteht man den Kanzler: "Arbeitsplätze jetzt und in Zukunft mehr Gesundheit" - das sind für jeden Politiker interessante Schlagworte. Kuhlmann fährt jedoch fort:

"Aus der Sicht der radikalen Kritiker wird die Embryonenforschung unter den keimfreien Bedingungen modernster Wissenschaft von eben den Prämissen bestimmt, die die mörderische Praxis der Nationalsozialisten anleitete: Menschliches Leben wird in 'entwicklungsfähiges' und 'überzähliges', in 'wertvolles' und 'unwertes' eingeteilt. Der 'Ausschuss' wird ohne Hemmungen wissenschaftlichen und therapeutischen Zielen nutzbar gemacht. Im Umkehrschluss wird dann gefordert: Allem biologischen Menschenleben soll Menschenwürde zukommen und jedem einzelnen Exemplar der menschlichen Gattung der gleiche Rechtsschutz gewährt werden."

Der Streit um den Begriff der Menschenwürde wird im Buch ausführlich dargestellt. Schon im Kapitel über die Geschichte von Eugenik und Euthanasie machte Kuhlmann deutlich, wie gut eine Politik auf der Basis moralischer Überlegungen unserem Land ansteht. Dennoch kommt er letztlich zu der Empfehlung, das Embryonenschutzgesetz von 1991 mit dem Ziel zu ändern, die Forschung an embryonalen Stammzellen zu ermöglichen. Allerdings unter konsequenter staatlicher Kontrolle, wie er an dem funktionierenden Beispiel Großbritanniens darlegt. Kuhlmann selbst glaubt nicht, dass Embryonen um ihrer selbst willen unbedingt moralischen Schutz verdienen. Hier dürfte die Mehrheit der Bevölkerung seine Meinung teilen. Der Wunsch nach mehr Gesundheit ist legitim. Dagegen wird das Forschungsziel eines fehlerfreien "Designer-Babys" und erst recht die Suche des modernen Ego nach einer perfekt geklonten Kopie seiner selbst bisher abgelehnt. Man stelle sich die Probleme eines solchen Wesens vor, das die Differenz von genetischer Identität und tatsächlich entwickelter Persönlichkeit gegenüber den Wünschen seiner Erzeuger als Versagen erleben dürfte - schlechte Bedingungen für eine autonome Lebensführung. Kuhlmann entlarvt auch das Heilsversprechen der Hypermedizin.

"Statt dessen gerät der einzelne in ein immer engmaschigeres Netz der Diagnostik und immer ausgeklügelterer Verfahren der Versuchsweisen und vorläufigen Symptomkontrolle. All das wird dazu führen, dass Abweichungen vom Normalbefund und Normalbefinden auffälliger und aufdringlicher werden - von Makellosigkeit also keine Spur!"

Man kann allen Beteiligten die Lektüre des Buches von Andreas Kuhlmann wünschen - auch den Spezialisten, die sich ihre im Hinblick auf Medien und Wähler gestutzten Argumente aufsagen und kaum noch zuhören. Bei Kuhlmann könnten sie das nachholen, denn angesichts einer aufgeheizten Atmosphäre ist ihm etwas Seltenes gelungen: Die ebenso neutrale wie spannende Darstellung einer höchst komplexen Thematik.

Frank Praetorius über Andreas Kuhlmann, "Politik des Lebens - Politik des Sterbens - Biomedizin in der liberalen Demokratie". Der Band ist im Berliner Alexander Fest Verlag erschienen, hat 234 Seiten und kostet DM 36,--.

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