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StartseiteCorsoDas verruchte Leben im St. Pauli der 70er-Jahre09.04.2015

Andrej ReiserDas verruchte Leben im St. Pauli der 70er-Jahre

Fast ein Jahr hat der junge Fotograf Andrej Reiser mit seiner Kamera auf der Reeperbahn der 70er-Jahre verbracht. Er fotografierte alles, was sich in der spießigen Bundesrepublik kaum jemand vorstellen konnte. Nun werden die Bilder in Prag erstmals in einer Ausstellung gezeigt.

Von Kilian Kirchgeßner

Polizeiwagen stehen vor der Davidwache auf der Hamburger Reeperbahn. (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Der Fotograf Andrej Reiser hat in den 70er-Jahren das Leben von St. Pauli dokumentiert. (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
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Es war ein großes Vorbild, das den Fotografie-Studenten damals in den 70er-Jahren begeistert hat: Brasai, dieser berühmte französische Fotograf, hat das "geheime Paris der 30er-Jahre" inszeniert, eine Rundreise durch das Nachtleben in der Metropole, und damit fotografische Standards gesetzt. 40 Jahre später also hat Andrej Reiser diese Bilder gesehen - und wollte für seine Abschlussarbeit an der Essener Folkwang-Uni ein ähnliches Projekt angehen. "Das geheime Hamburg der 70er-Jahre" nannte er es und fotografierte vor allem auf der Reeperbahn - damals ein ganz besonderes Erlebnis.

"Es war schon ein bisschen exotisch, würde ich sagen. Und da es damals das Internet nicht gab, hatte man nur die Möglichkeit, entweder in sein Porno-Kino zu gehen oder auf die Reeperbahn."

Andrej Reiser war damals erst ein paar Jahre in Deutschland, nachdem er wegen der Niederschlagung des Prager Frühlings aus der Tschechoslowakei geflüchtet ist. Seine Fotos aus dem verruchten Hamburg haben ihm Aufmerksamkeit gebracht - und den Kontakt zu seinen ersten Auftraggebern. In den 70er- und 80er-Jahren war Reiser für den "Stern", für "Geo", für das "FAZ"-Magazin unterwegs, allesamt zu dieser Zeit die besten Adressen. Fast ein Jahr hat er mit seiner Kamera auf der Reeperbahn verbracht und alles das fotografiert, was sich in der spießigen Bundesrepublik kaum jemand vorstellen konnte.

"Man geht da hin, setzt man sich in eine Bar - es gibt ja spezielle Bars für Transvestiten, Transsexuelle. Es gab spezielle Klubs, wo die Gays sich getroffen haben. Und dann habe ich die Fotos zu Hause entwickelt, vergrößert, habe ich denen das als Geschenk gebracht."

Reiser gehörte fast zum Inventar 

So baute er das Vertrauen auf. Irgendwann, sagt er, habe er schon fast zum Inventar gehört und sei mit seiner Kamera gar nicht weiter aufgefallen. 120 Fotos sind in der Ausstellung zu sehen, sie zeigen das Leben in der Herbertstraße genauso wie schräge Bühnenshows in erotischen Theatern, die schrillen Neonlichter über der Reeperbahn und immer wieder Einblicke in die stillen Momente - es sind die Augenblicke, wenn der Morgen graut und die Transvestiten, die Prostituierten, die Schauspieler ihre Arbeit beenden und müde auf dem Sofa zusammenklappen. Die vielen Monate, die Andrej Reiser als Student auf der Reeperbahn verbracht hat, sagt er, hätten seine Karriere als Fotograf geprägt.

"Das ist so eine Übung, wie man gute Reportagen mache muss: dass man sich Zeit lässt. Weil wenn man das schnell machen möchte in einer Woche, dann wird die Geschichte schnell oberflächlich."

Die Ausstellung in Prag ist noch bis zum 18. April zu sehen - danach soll es auch einen Bildband dazu geben.

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