Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktAnfänge eines Künstlers in Wien28.03.2008

Anfänge eines Künstlers in Wien

Lebenserinnerungen von Günter Brus

Günter Brus wurde in den 60ern als einer der Hauptvertreter des "Wiener Aktionismus" international bekannt, wandte sich aber 1970 der zeichnerischen und literarischen Arbeit zu. In seinen "Bild-Dichtungen" gehen seitdem Wort und Bild eine Symbiose ein. "Das gute alte Wien" ist nach "Die gute alte Zeit" das zweite autobiografische Buch von Günter Brus - keine chronologische Lebensgeschichte im Memoirenstil, sondern assoziativ und collagenhaft.

Von Christel Wester

Farbpalette mit Farben (Stock.XCHNG / Martin Walls)
Farbpalette mit Farben (Stock.XCHNG / Martin Walls)

Dass man dem harmlosen altbackenen Titel "Das gute alte Wien" nicht trauen kann, weiß man spätestens, wenn man die erste Seite des Buches aufschlägt: eine skizzenhafte Zeichnung zeigt die Karikatur eines Wiener Fiakers. Wohlgenährt ist der Herr zwar, der in der Droschke sitzt, doch zwischen seinen Schultern steckt ein halsloser Totenschädel. "Es war in jener Zeit, als ich in Wien umherging, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet ist", lautet denn auch der erste Satz der Lebenserinnerungen des Künstlers Günter Brus.

" Es beginnt mit dem Anfang von Knut Hamsuns "Hunger". Im allgemeinen ein sehr berühmter Buchanfang, ich hab nur Kristiania mit Wien vertauscht. Und bemerkbar wird's, damit's dann nicht ein Plagiat wird, dass im nächsten Satz dann weitergeleitet wird: "Knut Hamsuns 'Hunger' in der Tasche". "

Erzählt Hamsun Ende des 19. Jahrhunderts in seinem autobiografischen Roman "Hunger" vom quälenden künstlerischen Selbstfindungsprozess eines Schriftstellers, so erzählt Brus von den nicht minder quälenden Anfängen eines Künstlers im Wien der späten 50er und der 60er Jahre. Doch nicht nur mit dem Hamsun-Zitat am Anfang macht Günter Brus deutlich, dass er in seinen Lebenserinnerungen in gehörigem Maße Selbststilisierung betreibt. Die Verfremdung und die ironische Übertreibung gehören generell zu seinen Stilmitteln. Dabei legt Günter Brus einen spezifischen Humor an den Tag, den man durchaus "schenkelklopfend" nennen kann. Denn der Kalauer, so scheint es, hat es ihm angetan.

" Zum Kalauer ist zu sagen: Zunächst gibt's eine große Tradition in der österreichischen Literatur im Sinne von Kalauer. Ich brauche nicht erst erwähnen Nestroy, es zieht sich mehr oder minder durch die ganze, nicht die ganze, aber durch viele Bücher und Theaterstücke österreichischer Autoren. Und ich wollte aber ohne Scheu und ohne Skrupel die Kalauer zusammenprügeln förmlich, ich wollt sie so ausschlachten, dass sie bis zum Unerträglichen gegangen sind. "

"Alle Wiener sind arbeitslose Philharmoniker. Nur einige sind Geigerzähler" ist so ein Beispiel, "Ich bin, also war Descartes" ein anderes, der Bürgermeister wird zum "Würgermeister", und auch vor den Kollegen und Weggefährten, denen er allen fingierte Namen verpasst, macht seine Lust an dieser Art des Wortwitzes keinen Halt.

" Die übelsten Kalauer, wie schon gesagt, habe ich verwendet. Aber auch bei den Pseudonymen die unterste Schwelle, also sofort erkennbar. Beispielsweise Oswald Wiener als Oswald Wienerwald oder Gerhard Rühm als Gerhard Rühmann. So platt wie möglich. Andere habe ich wieder stark versteckt. Ich habe da ein Spiel betrieben. "

So wird aus Otto Muehl Otto Sperrmüll, aus Rudolf Schwarzkogler Roldolfo Montenegro und aus Hermann Nitsch nicht ganz so leicht identifizierbar Hermann Schlacht, um nur die bekanntesten Vertreter des Wiener Aktionismus zu nennen. Bei so viel Karikatur und Maskerade fragt man sich unwillkürlich, wie denn wohl der namenlose Ich-Erzähler heißen könnte. Einfach nur Günter Brus?

" Das ist eine schwierige Frage. Inwiefern bin ich ernst zu nehmen als Figur? (Lacht.) Wissen Sie, bei er Arbeit an diesem Buch hatte ich die Entscheidung zu treffen, soll ich alle Personen beim Namen nennen? Beim wahren Namen. Wenn ich das getan hätte, hätte ich echte Memoiren geschrieben. Und das hätte mir zu fiktiven Ereignissen oder zur Phantasie keinen Freiraum mehr gelassen. "

Ein bisschen muss man sich schon auskennen in der Wiener Kunstszene der 60er Jahre, um sich zurechtzufinden in diesem Figurenkabinett. Und nicht nur die Wiener Aktionisten tauchen hier auf, auch Kritiker und Galeristen, Filmemacher und Theaterleute. Oder ein gewisser Thomas, dem als Nachname die Pianomarke "Bösendorfer" zugeeignet wird. Das ironische Porträt dieses grimmigen Schriftstellers entpuppt sich als Hommage an Thomas Bernhard: "Müde bin ich, geh zur Ruh', schimpfe weiter, immerzu", möchte der Ich-Erzähler als Gravur auf Bernhards Ehrengrabstein lesen. In Thomas Bernhards Stammcafé, dem Bräunerhof, gibt Günter Brus dieses Interview. "Schmähmoiren" nennt er "Das gute alte Wien" an einer Stelle im Buch. Darin steckt natürlich der Wiener Schmäh: allerdings weniger liebevoll als gemütlich-vertrautes Lokalkolorit, sondern eher als Kennzeichen einer besonderen Provinzialität, die in den 60er Jahren ein unerträgliches Ausmaß gehabt haben muss. Und genau das schmäht Günter Brus in seinen "Schmähmoiren", die zehn prägende Jahre seiner Lebensgeschichte umfassen. Dabei zeichnet Brus vor allem das Stimmungsbild der österreichischen Hauptstadt, in der restriktive Obrigkeit und Spießertum einander bestens ergänzten. Das ist - aus bewusst subjektiver Sicht geschildert - der historische Kontext, aus dem heraus der Wiener Aktionismus entstanden ist, zu dessen wichtigsten Protagonisten Günter Brus zählte. Aber in seinem Buch erinnert nichts an eine kunstgeschichtliche Darstellung, und ebenso wenig ist "Das gute alte Wien" eine traditionelle Künstlerautobiografie.

" Man erfährt wenig über mein künstlerisches Schaffen und somit ist meine Figur etwas skurril geraten. Ich wollte keine Aufzeichnung meiner Tätigkeiten machen, vor allem deshalb weil ja das alles schon in Büchern längst verarbeitet ist, bis ins letzte Detail, besser fast, als ich es beschreiben könnte. "

"Das gute alte Wien" trägt, vor allem in der ersten Hälfte, Züge eines Schelmenromans. Der Ich-Erzähler ist neu in der Großstadt, bettelarm, wirkt orientierungslos und gerät in allerhand verrückte Situationen. Doch in dieser karikaturenhaften Darstellung kann man durchaus den Werdegang des Künstlers Günter Brus erkennen. Brus begann seine künstlerische Laufbahn als Maler. Er war ein Vertreter des abstrakten Expressionismus. Der amerikanische Maler Jackson Pollock war mit seinem action painting ein Pionier dieser Kunstrichtung, die den Schaffensprozess und damit eben auch die Körperaktivität beim Malen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Günter Brus begann sich schon Anfang der 60er Jahre vom traditionellen Bildträger - also der Leinwand - zu lösen. Er dehnte seine Malerei auf den Raum aus und setzte schließlich den Körper als Medium ein.

" Seit ich eingestiegen bin, wenn man sich so ausdrücken darf, in die expressive Abstraktion, angeregt durch die amerikanischen Expressionisten wie etwa Pollock, seit ich diesen Punkt erreicht und begriffen habe und ihn übergeleitet habe auf meine Person bzw. meine Person als Leinwand betrachtet hab, und später die Kleidung entfernt hab, das Malerkostüm sozusagen, und direkt am nackten Leib gearbeitet hab bis zu Selbstverletzungen ist das Ganze so abgelaufen, dass ich sehr, sehr bewusst gemacht hab, was ich meine. Und auch mit Unterstützung meiner Kollegen schon sehr bewusst aufgetreten bin. "

Die ersten Auftritte, oder Aktionen, fanden noch in privaten Wohnungen und Ateliers statt. 1965 trat Günter Brus mit seinem "Wiener Spaziergang" erstmals als Aktionist direkt in die Öffentlichkeit: Am ganzen Körper weiß bemalt und durch einen vertikalen schwarzen Strich in zwei Hälften geteilt, wanderte er durch die Innenstadt vom Heldenplatz zum Stephansdom - trug also den eigenen Körper als lebendes Bild durch Wien. Prompt gerät er in Konflikt mit Polizei und Justiz. Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wird er zu einer Geldstrafe verurteilt - was aus heutiger Sicht völlig unverständlich ist, denn Brus war nicht etwa nackt, sondern ordentlich bekleidet unter seiner Malerei.

" Dazu ist zu sagen, dass das Wien zu dieser Zeit einfach jeden Menschen, der irgendwie anders kostümiert war, als nicht zumutbar empfunden hat. Außer Rauchfangkehrer, die es vielleicht noch gab, oder Bäckermeister, die in Weiß um die Ecke kamen, oder ein Koch. Aber alles, was über diese Art der herkömmlichen Kostümierung ging, war einfach verdächtig.Ich will sagen, dass der Fotograf Ludwig Hofenreich, der mich begleitet hat, um zu fotografieren, dass er beim Anstreichen in der Wohnung mir gesagt hat, er war Berliner, er hat gesagt: Günter, Günter, du landest im Irrenhaus. "

Anders als spätere Aktionen in der Öffentlichkeit war der "Wiener Spaziergang" nicht in erster Linie auf Provokation angelegt.

" Ich habe den Ehrgeiz gehabt, als einer ersten in der Kunstszene die Kunst auf die Straße zu tragen. Aus dem Atelier, hatte ich keins, aber sagen wir so, aus der Werkstatt hinaus auf die Straße und ein Anteil war Provokation, weil ich ja wusste, dass das eine Provokation sein musste. Aber Provokation ist hintangestanden. "

Letztlich war das, was Günter Brus der Öffentlichkeit als Kunstaktion zumutete, harmlos im Vergleich zu den "Körperexperimenten", die er an sich selbst vollzog. Ab Mitte der 60er Jahre radikalisierte er seine Körperaktionen und thematisierte tabuisierte Bereiche wie Ausscheidungsvorgänge und Körperflüssigkeiten. Die Rasierklinge ersetzte den Pinsel, Exkremente und Blut ersetzen die Farbe, an die Stelle der "Selbstbemalung" trat die "Selbstverletzung".

" Das hatte natürlich zur Folge, dass irgendwann ein Endpunkt kommen musste. Und der war gegeben in der "Zerreißprobe" in München, wo ich schon an die Grenze jedenfalls der Selbstzerstörung gekommen bin. "

Die spektakuläre Aktion "Zerreißprobe" fand 1970 statt. Dabei hätte Günter Brus sich beinahe lebensgefährlich verletzt. Das war für ihn das Ende des Aktionismus. Und da hatte er auch "Das gute alte Wien" bereits hinter sich gelassen und lebte in Berlin - als Emigrant sozusagen. Denn er war 1969 vor einer drohenden Gefängnisstrafe mit seiner Frau Ana und der zwei Jahre alten Tochter aus Österreich geflohen. Grund für die Haftstrafe war die legendäre Gruppenaktion "Kunst und Revolution" 1968 an der Wiener Uni, an der u. a. auch Otto Muehl und Oswald Wiener beteiligt waren. Im Hörsaal 1 schnitt sich Günter Brus mit Rasierklingen in Brust und Oberschenkel, er urinierte, beschmierte sich mit Kot und sang onanierend die österreichische Nationalhymne. Diese Aktion ist bis heute der größte Kunstskandal in Österreich geblieben. Und sie war eindeutig auf Provokation angelegt.

" Absolut. Ich würde sogar so weit gehen, dass ich behaupte, von Kunst wollte ich eigentlich nichts dabei haben, die wollte ich abschütteln, und reine Attacke. Und das war die Folge der vielen Verhaftungen und Strafen, die sich angesammelt haben. "

Günter Brus und seine Mitstreiter wurden verhaftet und für zwei Monate in Untersuchungshaft gebracht. Die Medien erklärten Brus zum "meistgehassten Österreicher". Ana Brus, seine Frau, war einem regelrechten Spießrutenlauf in Wien ausgesetzt. Sie bekam Drohbriefe und es gab sogar eine Unterschriftenaktion, die darauf abzielte ihr das Sorgerecht für die kleine Tochter zu entziehen. Das Gerichtsurteil gegen Günter Brus lautete: fünf Monate "strenger Arrest" mit zwei Fastentagen und zwei Nächten hartem Lager pro Monat. Das war also das Strafrecht in Österreich anno 1969. Da Günter Brus aufgrund eines Berufungsverfahrens auf freiem Fuß war, setzte sich die Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Berlin ab. Kurze Zeit später endet dann auch seine aktionistische Phase. Nach Österreich kehren die Brus' erst in den 80er Jahren zurück. Ab 1970 konzentriert sich Günter Brus auf die zeichnerische und literarische Arbeit, die er bis heute fortsetzt.

Günter Brus: Das gute alte Wien.
Jung und Jung Verlag 2007, 163 S., 22 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk