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StartseiteKultur heuteAngekommen in der Kriegsblindenkultur?20.02.2003

Angekommen in der Kriegsblindenkultur?

Christoph Schlingensief bekommt den Kriegsblindenpreis

<em> Meine Damen und Herren, liebe Zuhörerrinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zu unserem kryptischen Hörspiel 'Rosebud'. Die Geschichte eines deutschen Großverlegers, die Geschichte des deutschen Theaters und die Geschichte der Berliner Republik! </em>

Purkert: Ich habe es eben schon verraten! Seit heute Mittag ist bekannt, wer in diesem Jahr Deutschlands renommiertesten Hörspielpreis bekommt. Es ist Christoph Schlingensief mit seinem Hörspiel 'Rosebud', das am 4. März 2002 im WDR erstmals gesendet wurde. Der Bundeskanzler war außer sich vor Wut. Er war verzweifelt, denn er spürte, dass seine Macht nun zu Ende ging. Er hatte alle Freunde verloren, und nur seine Frau stand noch fest an seiner Seite. Gerhard sagt, wenn wir jetzt nicht mit machen, dann bekommen wir gar nichts mehr vom Kuchen ab. Ich möchte noch einmal mit Dir reden, bitte. Wie war es denn eigentlich mit ihr?

Purkert: 'Rosebud' ist das dritte Hörspiel von Christoph Schlingensief. Zuvor sind 1997 'Rocky Dutschke 68' und 1999 'Lager ohne Grenzen' entstanden. Beide Produktionen haben wichtige Preise erhalten, Prix Futura und Prix Europa. Meine erste Frage an den Regisseur deshalb: Überrascht Sie jetzt dieser Preis?

Schlingensief: Ja, das muss ich schon sagen. Ich weiß, dass ich bei den anderen beiden Hörspielen auch öfter mal zur Seite geschaut habe, ob vielleicht der Kriegsblindenpreis auch dabei ist. Er ist doch ein sehr renommierter Preis. Das ist schon eine tolle Tradition in der man da jetzt steht. Ich kann also nicht abstreiten, dass ich vorher schon einmal darauf gehofft hatte. Es gibt auch eine Stelle in 'Lager ohne Grenzen', wo Margit Carstensen irgendwann bei allem Lärm, der da sonst noch ist, brüllt: 'Ich will den Preis der Kriegsblinden'.

Purkert: Jetzt hat sie ihn, denn sie wirkt ja auch in diesem Stück mit.

Schlingensief: Ja, genau, jetzt haben wir ihn alle. Ich freue mich da wirklich sehr drüber und finde es auch klasse, dass es 'Rosebud' geworden ist. 'Rosebud' war ein Theaterstück, das ich geschrieben habe und auch an der Volkbühne inszeniert habe. Es geht dabei ein bisschen um diese Thematik 'Sonntagzeitungen', die damals, als die 'New Economy' noch richtig in Blüte stand, gegründet wurden. Da haben sich ja so große Zeitungskonzerne in sehr große Schulden gestürzt. Dieser Größenwahn der Gentechnologie, die Einsamkeit des Kanzlers, die Unlösbarkeit der eigenen Probleme, um sich dann den größeren Probleme zu stellen, spielten da mit. Wir sehen das ja immer wieder, dass sich die Politik dann eher den größeren Problemen zuwendet anstatt sich selber zu heilen. Das sind Themen, die in diesem Stück angesprochen werden. Damals wurde das alles, wie das öfters bei meinen Sachen ist, sehr negativ beurteilt. Jetzt ist es dann doch plötzlich nicht so ganz falsch gewesen. Das ist schon klasse.

Purkert: Also es ist schön, dass man es noch einmal hören kann, wo es eigentlich an Aktualität gewonnen hat. Das habe ich auch beim Reinhören gedacht. Sie haben eben davon gesprochen, dass es eine Theaterproduktion war. Das war auch bei Ihren anderen beiden Hörspielen der Fall. Wie wichtig ist es eigentlich für die Entstehung Ihrer Hörspiele, dass Sie vorher aus dem Material eine Theaterproduktion gemacht haben?

Schlingensief: Also bei 'Lager ohne Grenzen' war es nicht so. Das war schon sehr unabhängig produziert. Aber ich kann nicht abstreiten, dass es bei 'Rocky Dutschke' und auch bei 'Rosebud' so ist, dass eine andere Kraft entstehen kann, wenn gute Schauspieler wie beispielsweise Margit Carstensen, Volker Spengler, Martin Wuttke und Sophie Rois das schon gespielt haben. Da entsteht schon eine besondere Kraft durch das Proben und durch das Aufführen vor dem Publikum. Das kann auch in die Routine abrutschen, aber bei denen ist es nun eben nicht so gewesen, sondern sie haben dann diesen Speicher angelegt, den sie dann auch so wieder abrufen konnten. Ich weiß, dass ich mal probiert habe, einen solchen Text als Hörspiel zu machen. Das war einfach im Studio. Man trifft sich und spricht dann mal. Da fehlt dann aber etwas. Da bekomme ich dann aber auch die Melodie nicht so richtig mit. Also das ist schon eine hohe Kunst, sich einfach so zu treffen und ein Hörspiel zu machen. Ich habe aber in meiner Jugend viele Hörspielkassetten gehört, die so entstanden sind. Es scheint wohl auch Leute zu geben, die das können. Ich könnte das nicht. Ich brauche diesen Atem, dieses kollektive Gedächtnis, was sich da doch durch die Probenzeit entwickelt hat. Das überträgt sich dann als Melodie und auch als Kraft in die doch verhältnismäßig musikalischen Übersetzungen.

Purkert: Welche Rolle spielt in Ihren relativ breiten Spektrum von Inszenierungen und Aktionen das Hörspiel als Ausdrucksform?

Schlingensief: Das hat wohl immer eine sehr große Rolle gespielt. Ich habe sehr früh mit dem Film angefangen. Ich durfte immer die Kamera meines Vaters benutzen. Ich habe Super-Acht-Filme gemacht. Diese habe ich dann auf den Fernseher projiziert. Die Fernsehröhre strahlt tatsächlich das Bild zurück. Das ist dann etwas dunkler, aber man sieht es. Wenn man dann den Ton von der Sendung, die dahinter ist, reindreht, dann hat der Super-Acht-Film plötzlich Ton. Das heißt, ich habe das Bild dunkel gedreht, meinen Film darauf projiziert, den Ton aber gelassen. Somit hatte meine Film dann den Ton von irgendwelchen Edgar Wallace Filmen zum Beispiel. Die Szenen, die man dann bei mir gesehen hat, die nun nicht extra wegen Edgar Wallace gedreht wurden, waren aber dann Edgar Wallace. Das war ganz faszinierend. Genauso durfte ich nicht in solche Filme, wie 'der Exorzist' oder 'Godzilla'. Aber die haben mich immer sehr interessiert. Die habe ich dann immer im Foyer gehört. Ich bin dann ins Kino gegangen und habe diese Filme durch die Tür gehört. Dabei habe ich mir dann den Film vorgestellt. Ich habe mir dann später auch einen Film angesehen, denn ich vorher nur gehört hatte. Damals war ich dann sehr enttäuscht von dem Film. Der Ton war nämlich viel besser als das, was ich dann da sehen musste. So ist das auch bei meinem Film. Ich habe mehrere Spielfilme gemacht, wo der Mischmeister abbrach, weil meinte, dass das, was ich auf die kleine Tonspur setzen wollte, wäre im Bild nicht zu sehen. Ich hatte immer den Drang, dass der Ton das, was nicht im Bild zu sehen ist, noch mal verstärkt oder mehr transportiert. Eine Instanz gibt es aber ganz klar, wenn ich Hörspiele mache. Das ist mein Vater. Er hat den grauen und grünen Starr. Er ist also soweit erblindet, dass er noch ungefähr 2 oder 3 Prozent sieht. Er sieht nur noch hell und dunkel und so ein paar Lichtblitze. Wenn ich dann die Hörspiele mache, stelle ich mir immer vor, wie er das hört. Ich frage mich dann, ob sich dann für ihn ein Film einstellt, weil er die Stücke ja auch nicht sehen kann. Ich selber habe auch noch den grünen Starr. Ich mache dann auch manchmal die Augen zu und frage mich, wie das wohl ist, wenn ich nachher nur noch rieche und höre. Das 'nur' ist dann schon falsch, weil riechen und hören schon sehr wichtig ist. Man lässt sich nur sehr selten darauf ein. Ich mache das dann auch für meinen Vater.

Purkert: Es gibt also auch eine überraschende Nähe zu den Anfängen des Hörspielpreises der Kriegsblinden. Vielen Dank, Herr Schlingensief!

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