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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Unentschieden beim TV-Duell war vorprogrammiert04.09.2017

Angela Merkel und Martin SchulzDas Unentschieden beim TV-Duell war vorprogrammiert

Auch nach dem TV-Duell sei das Ende des Rennen nach wie vor offen, kommentiert Stephan Detjen. Wer meine, die Wähler hätten am 24. September nichts mehr zu entscheiden, unterliege einem fatalen Irrtum. Die Bundestagswahl sei eine Richtungsentscheidung für Deutschland. Das aber habe das Duell verschleiert.

Von Stephan Detjen

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Journalisten beobachten das TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz (AFP / John MACDOUGALL)
Es gibt keinen klaren Sieger des Duells, meint Stephan Detjen (AFP / John MACDOUGALL)
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Man mag zu dem Ergebnis kommen, dass die Wahl nach diesem Diskussionsabend gelaufen ist. Jedenfalls, was das Rennen zwischen Angela Merkel und Martin Schulz betrifft. Der Kandidat hätte die Kanzlerin schon auf offener Bühne argumentativ niederstrecken müssen, um die Siegesgewissheit vom Frühjahr noch einmal revitalisieren zu können. Oder Angela Merkel hätten schwerste Fehler unterlaufen müssen. Nichts von dem ist gestern geschehen und so lässt sich ein klarer Sieger auch am Tag danach nicht ausmachen. Das heißt zugleich, dass der Vorsprung von Angela Merkel drei Wochen vor der Wahl uneinholbar bleibt.

Und dennoch ist das Ende dieses Rennens nach wie vor offen. Wer meint, die Wähler hätten am 24. September nichts mehr zu entscheiden, unterliegt einem fatalen Irrtum. Die Bundestagswahl ist eine Richtungsentscheidung für Deutschland. Das aber hat das Duell gestern verschleiert, obwohl es vom Kartell der veranstaltenden Fernsehsender aus leicht durchschaubaren Interessen zu einem politischen Showdown sondergleichen hochstilisiert wurde.

Beide könnten gut und gerne in Großer Koalition weitermachen

Dass nicht in Ansätzen deutlich wurde, vor welchen Alternativen das Land bei dieser Wahl tatsächlich steht, liegt weder am umstrittenen Format, noch an den viel gescholtenen Moderatoren. Es liegt daran, dass diese Bundestagswahl weniger als jede vorherige eine Entscheidung über die realen Mehrheitsverhältnisse im künftigen Parlament sein wird. Der politische Kurs der kommenden vier Jahre aber wird ganz und gar davon abhängen, zu welchen Koalitionen die Parteien im Bundestag zusammenfinden – und nie zuvor waren die Möglichkeiten dazu so vielfältig. Das aber sollte und konnte in dieser Debatte kein Thema sein. Kanzlerin und Kandidat bügelten die entscheidende Frage – wie und zu welchem politischen Preis sie ihre Kanzlermehrheit schmieden wollen - gestern wie im gesamten Wahlkampf mit denselben, schmallippigen Stereotypen ab.

Allein, dass Merkel und Schulz in einer Großen Koalition gut und gerne weitermachen könnten, liegt nach dem gestrigen Miteinander auf der Hand. Auch, dass Union und Grüne inzwischen miteinander können, darf man nach erfolgreichen Annäherungsübungen auf kommunaler und Landesebene annehmen. Reicht es am Abend des 24. aber zu einer knappen schwarz-gelben Mehrheit, werden SPD und Grüne die Hände in den Schoß legen und aus einer bequemen Loge der Opposition verfolgen, ob Merkel es schafft, sich von der Konsenskanzlerin zur Zuchtmeisterin zu wandeln. Zwingt das Wahlergebnis schließlich Union, FDP und Grüne in ein  Jamaica-Bündnis, steht Deutschland vor einem Großexperiment, dass seine globale Rolle als stabilisierender Faktor in einer politisch labilen Welt auf die Probe stellt.

Unbefriedigendes Unentschieden des Redewettbewerbs

Als Gerhard Schröder einst gegen Edmund Stoiber und dann Angela Merkel zu den ersten Fernsehduellen in der Geschichte der Bundestagswahlkämpfe antrat, waren die Bündnisfragen vorher geklärt. Dass die Grenzen der politischen Lager heute dagegen so verschwommen sind, entwertet auch die Aussagekraft einer Debatte, wie sie gestern stattfand. Der von Seiten der fragenden Journalisten wie von Seiten der Kontrahenten postulierte Anspruch, Klartext zu produzieren, gerät in einen unauflösbaren Widerspruch zur systemischen Offenheit, die sich beide Seiten im Interesse ihrer Regierungsfähigkeit erhalten müssen. In dieser Ausgangslage war das unbefriedigende Unentschieden dieses Redewettbewerbs vorprogrammiert. Den einzigen Gewinn dürfen sich diejenigen erhoffen, die gestern Abend nicht dabei waren. Sie haben heute Abend die Chance, ihn beim Fernseh-Fünfkampf der kleineren Parteien unter sich aufzuteilen.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

 

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