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StartseiteBüchermarktBilder als Spiegel der eigenen Existenz15.12.2014

Angelika OverathBilder als Spiegel der eigenen Existenz

Angelika Overath schwankte zwischen einem Studium der Kunst und dem der Germanistik. Sie hatte sich schließlich der Literatur zugewandt, reiste als Reporterin durch die Welt und überraschte vor einigen Jahren mit ihrem ersten Roman. Nun ist sie zu ihrer alten Liebe, der Kunst, zurückgekehrt.

Von Eva Pfister

Blick auf die Altstadt von Edinburgh (picture alliance / Robert B. Fishman)
Blick auf die Altstadt von Edinburgh (picture alliance / Robert B. Fishman)
Weiterführende Information

Musik und Fragen zur Person - Die Schriftstellerin Angelika Overath
(Deutschlandfunk, Zwischentöne, 20.07.2014)

Leben im Postkartenmotiv
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 11.02.2011)

Anna Michaelis ist 50 Jahre alt, Journalistin und in Ehekrise. Ihr Mann gesteht ihr die Liebe zu einer jungen Kollegin, worauf Anna einen Handkoffer packt und den nächstbesten Flug nimmt. Sie landet in Edinburgh, wo ihr erster Weg sie in die National Gallery führt, denn Museen sind für sie "sichere Orte. Tarnkappen". Müde betrachtet sie Paul Gauguins Gemälde "Vision nach der Predigt oder Jakobs Kampf mit dem Engel". Auf dem Bild findet der Kampf im Hintergrund statt, vorne leuchten große weiße Flächen, das sind die bretonischen Hauben der jungen Mädchen, die dem Kampf zusehen. Auf einmal hört Anna eine Stimme. Die sagt: "So war es aber nicht. Wir sind nicht dagestanden und haben fromm und ergriffen hingeschaut." Eine der jungen Bretoninnen, die nur von hinten zu sehen ist, erzählt also, wie es wirklich war, damals 1888 in Pont-Aven, als Paul Gauguin und seine Kollegen jede Ecke des malerischen Dorfes abpinselten und natürlich auch die jungen Frauen zum Modell nahmen. Angelika Overath bringt Bilder zum Sprechen.

Es gab das absolute Gehör. Für jemanden, der es nicht hatte, war das eine unglaubliche, eine nicht verständliche Begabung. Vielleicht gab es auch das absolute Sehen. Vielleicht radikalisierte sich die Wahrnehmung mit den letzten Kräften. Im Himalaja. Und das Hinschauen löste gnädig eine körpereigene Substanz gegen den Schmerz. Anna sah auf das Bild, das wieder schwieg. Wenn man kein Ziel hat, muss man sich eines erfinden. Sie war sich nicht sicher, mit wem sie kämpfte oder gegen was.

Auf ihrem Anrufbeantworter hatte Anna die Nachricht hinterlassen, dass sie nicht erreichbar sei, da sie sich auf einer Recherchereise im Himalaja befinde. In Wirklichkeit führt ihre persönliche Expedition sie durch mehrere Museen, von einem Bild mit weiblicher Rückenansicht zum nächsten. Was ist daran vergleichbar mit einer extremen Bergbesteigung? Es ist die einsame Konfrontation mit der Welt – meint die Autorin:

"Sie ist ausgesetzt. Sie nimmt den erstbesten Flug, weil sie wegwill. Sie braucht jetzt einen Raum für sich und den Raum für sich findet sie erst mal in einem Museum. Und macht dort die Erfahrung, dass wenn sie diese Bilder lange anschaut, dass das eine oder andere zu sprechen beginnt. Und sie sagt: Ja, ich habe alle Zeit der Welt zu verlieren, ich weiß jetzt eh nicht, was ich machen kann, ich erfinde mir jetzt ein Spiel, ich fahre jetzt von Edinburgh nach Kopenhagen – und dann geht's wieder weiter."

Ein Reigen kleiner Frauenleben

Im staatlichen Kunstmuseum von Kopenhagen verliert sich Anna in den strengen, kalten Interieurs von Vilhelm Hammershøi und lässt sich von seiner "jungen fegenden Frau" die Familiensituation des Künstlers erläutern. In Boston hält sie sich länger auf, was der Reporterin Angelika Overath Gelegenheit zu einem inspirierten Stadtporträt bietet. Dort beginnt Jo Hopper zu sprechen. Die Frau, die in "Room in Brooklyn" auf einem Bett sitzend zum Fenster hinausschaut, ist nämlich Edward Hoppers Ehefrau, so wie alle andern Frauen auf seinen Bildern auch. Denn die erfolgreiche Malerin hatte für ihren Mann ihre eigene Karriere aufgegeben – unter der Bedingung, dass er nur sie allein zum Modell nahm.

"Das Buch stellt einen Reigen kleiner Frauenleben vor. Es sind keine großen Heldinnen, es sind Heldinnen ihres Alltags. Anna sieht in den Frauen auf den Bildern, die mit ihr sprechen, Komplizinnen. Sie sieht Varianten möglichen Frauenlebens."

Die Frauen werden für Anna zum Spiegel der eigenen Existenz, was auch ein Zerrspiegel oder ein Wunschbild sein kann. Das ist aber nur die eine Seite. Man erfährt in diesem ungewöhnlichen Buch auch viel über Malerei und über die Künstler. Zwar finden sich darin keine Abbildungen der erwähnten Gemälde, aber Angelika Overath schildert sie sehr anschaulich und lässt ihre Rückenansichten den Hintergrund der Entstehung erzählen, im Wesentlichen mit kunstgeschichtlich belegten Tatsachen. Sogar die Geschichte von Giovanni Segantinis Bild "Frühmesse" ist wahr. Der alte Priester, der einsam die breite Treppe zur Kirche hinaufsteigt, ist eine Übermalung eines früheren Bildes, auf dem eine junge schwangere Frau dieselbe Treppe hinabgeht. Natürlich erfindet die Autorin die Psyche dieser Schwangeren, die munter von sich erzählt – und von dem Maler mit seinem seltsamen Verhältnis zu Frauen.

Zur Gänze erfunden ist die anrührende Interpretation zu "Frau und Kind" des eher unbekannten Malers Jacobus Vrel, einem Zeitgenossen Vermeers. In der alten Frau sieht Overath die Mutter des Malers, die im Kind ihr jugendliches Selbst erblickt.

Was soll denn dieses Kind? fragte ich dich. Als ich es das erste Mal sah, auf dem anderen Bild, wo du mich im Stuhl sitzend und lesend maltest, da stand das Kind ja auch schon hinter der Scheibe - da war mir ganz unheimlich zu Mute. Hast du den Tod gemalt, fragte ich, der da hereinschaut durchs Fenster mit den Augen eines Mädchens? Und du hast mich angelächelt und leise den Kopf geschüttelt. Mein Sohn, du, der Maler. Und wie zur Antwort hast du dann dieses zweite Bild gemalt. [...]
Du hast, dachte ich mir, dieses Fenster als einen Spiegel gemalt. Einen Spiegel, den es nicht gibt, den du erfunden hast, aufgestellt in der Zeit. Ich sah das Ich, das ich gewesen bin. Kurz vor meinem Ende sah ich mich als vergangenes Kind. Und das Mädchen sah, scheu und neugierig auch, in sein zukünftiges altes Gesicht. In mein Gesicht. Aber das sieht man nicht, das hast du nicht gezeigt.

Aufbruch zur Emanzipation

Die Rahmenhandlung für sich genommen – Annas Flucht, ihre Reise von Stadt zu Stadt, die Nächte im Hotel, die einsamen Trinkgelage oder die erotischen Begegnungen – wirkt eher wie ein konventionell gestrickter, neuer Frauenroman: So pflegen dessen Heldinnen zu ihrer Emanzipation aufzubrechen. Aber durch die Begegnungen mit den Rückenansichten und ihren Schöpfern erhält das Buch Tiefe. Annas Reise wird zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit sich selbst, mit dem Tod ebenso wie mit Ehe und Treue sowie mit dem eigenen Schaffen. Auch Anna hat ihren Kampf zu bestehen, aber wer oder was ist nun ihr Engel?

"Jakobs Kampf mit dem Engel ist ja diese biblische Geschichte, die kulminiert in dem Satz 'Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn'. Das heißt, es ist ein Kampf zweier Abhängiger. Und dieses Bild wird ein Bild im Buch zum einen für das Künstlertum, dass jeder Künstler mit seinem Engel, mit diesem Anspruch seiner Kunst ringen muss, aber es ist auch ein Bild für die Ehe, für die Ehe zweier Persönlichkeiten, die sich vielleicht nur lösen können voneinander, wenn der eine dem andern den Segen gibt."

Obwohl zum Schluss die beiden Ehepartner einander wiederfinden, liest sich das nicht wie ein Happy End. Hier vermeidet Angelika Overath jedes Klischee. Ihre Anna wirkt seltsam entrückt. Autonom vielleicht, aber so, als wäre sie mit dem Kopf noch in der kalten, dünnen Luft des Himalaja.

Angelika Overath: "Sie dreht sich um"
Lichterhand Literaturverlag, München 2014, 288 Seiten, geb., 19,99 Euro.

 

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