Dienstag, 23.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheIG Metall auf der Suche nach neuen Helden13.01.2018

Angepasste ArbeitszeitIG Metall auf der Suche nach neuen Helden

Das Arbeitsleben zu modernisieren, sei eigentlich die Aufgabe der Politik, kommentiert Birgid Becker. Doch der Politik gingen gerade die Helden aus. Mit der Forderung nach einer an Lebensphasen orientierten Arbeitszeit springe die IG Metall in die "gestalterische Lücke". Der Gewerkschaft sei diese Heldenrolle gegönnt.

Von Birgid Becker

Warnstreik der IG Metall: Auf einem Transparent steht die Forderung nach 6 % mehr Geld. (picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa)
Eigentlich sei die Politik berufen, die Arbeitswelt zu modernisieren, kommentiert Birgid Becker, nur gingen dieser gerade die Helden aus (picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa)
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34 Jahre ist es her, dass die IG Metall kämpfte - für die 35-Stunden-Woche. Sieben Wochen Streik war ihr das wert, eine halbe Million Metall-Beschäftigte stand zeitweise als kalt Ausgesperrte vor den Werkstoren, zehn Mal so viele wie Streikende. Raue Zeiten damals. Noch immer gehören diese sieben Wochen aus dem Jahr 1984 zum Fundus an Heldensagen der Gewerkschaftsgeschichte, zu den sinnstiftenden – wie heißt es heute – "Narrativen", die Gewerkschaften ebenso brauchen wie Parteien oder Wandervereine.

34 Jahre später möchte die IG Metall gerne wieder eine Helden-Geschichte schreiben, diesmal mit der Einführung einer an Lebensphasen orientierten Arbeitszeit. Geld und Zeit – das sind die zwei Währungen in der Arbeitswelt. Kleine Kinder, pflegebedürftige Eltern – all das lässt das Pendel ausschlagen in Richtung mehr Zeit, in Richtung weniger Geld.

Wer erzieht oder pflegt oder auch im Schichtsystem unterwegs ist, der soll weniger arbeiten und, jetzt kommt es, sich das leisten können dank eines Lohnausgleichs. Darum geht es der IG Metall, und dafür stimmt der Zeitpunkt, der Zeitgeist ist danach. Weder Branchenlage noch allgemeine Konjunktur stehen einem arbeitszeitpolitischen Schritt nach vorne entgegen. Also: wann, wenn nicht jetzt?

Arbeitgeber spielen die Rolle des Schurken

Passend für die Gewerkschaft geben sich die Arbeitgeber im Moment alle Mühe, die Rolle des für jede Helden-Geschichte so unerlässlichen Schurken Oscar-verdächtig auszufüllen. Über eine, wörtlich, "Stilllegeprämie" für Fachkräfte schimpft die Chefetage des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Mal kurz auf die Sympathiewaage gelegt: Da der Arbeitgeber mit seiner stillgelegten Vollzeitkraft, hier die Gewerkschaft mit ihren hippen, pflegenden, erziehenden Work-Life-Balance-Künstlern – welches Bild von der Arbeitswelt der Zukunft kommt da wohl sympathischer und zeitgemäßer an?

Liebe Arbeitgeber, wenn ihr ernstlich fürchtet, die 28-Stunde-Woche könnte den drückenden Facharbeitermangel noch drückender machen, dann zieht auch in Erwägung, dass altertümliches Agieren und Agitieren nicht nur Mangel erzeugen, sondern, viel schlimmer, Abschreckung.

Auf die Zahlen geschaut: Gesamtmetall sagt selbst, dass die Branche es auf gerade mal sechs Prozent Teilzeitbeschäftigte bringt, mehr als 80 Prozent davon weiblich. Soll es in männerdominierten Unternehmen mit so geringer Teilzeitquote auf einmal einen Ansturm auf verkürzte Arbeitszeiten geben, selbst wenn die Konditionen dafür günstig sind? Und auch wenn es, wie Gesamtmetall anführt, zu einem Run von rechnerisch 200.000 Vollzeitkräften käme, dann entspräche das nicht mehr als vier oder fünf Prozent des gesamten Arbeitszeitvolumens. Für eine Branche, die längst mit flexiblen Arbeitszeiten, mit Arbeitszeitkonten hantiert, kann das doch kein unlösbares Problem sein.

Randfiguren und Nebendarsteller der Heldengeschichte

Also, Arbeitgeber, stutzt mal die Empörung auf ein sachgerechtes Maß – auf eines, das sich darauf verlegt, auch eine Arbeitszeiterhöhung ins Gedankenmodell der Gewerkschaft einzuspeisen. Schließlich entspricht auch das den Arbeitnehmerwünschen. Etwa 30 Prozent vor allem jüngerer Beschäftigter würden genau das gerne tun, länger arbeiten, mehr verdienen – für eine gewisse Zeit eben, in einer bestimmten Lebensphase.

Wie es sich für jede Heldengeschichte gehört, gibt es auch in dieser Randfiguren und Nebendarsteller. Hier ist es die Politik, die natürlich viel mehr noch als eine einzelne Branche dazu berufen ist, das Arbeitsleben zu modernisieren. Nun gehen der Politik aber gerade die Helden aus. Wenn also die IG Metall in die gestalterische Lücke springt, gut. Dann sei ihr die Heldenrolle gegönnt, 34 Jahre nach den rauen Zeiten des Kampfes für die 35-Stunden-Woche.

Dass Vollbeschäftigte quer durch alle Branchen derzeit im Schnitt mehr als 43 Stunden arbeiten, dass die Zahl der tarifgebundenen Betriebe stetig sinkt – das sind die Rostflecken auf der strahlenden Gewerkschaftsrüstung. Gut, ein wahrer Held muss auch das ertragen.

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