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Angriff auf Kölner OB-KandidatinOffenbar fremdenfeindliches Motiv für Messerattacke

Ein Plakat der Kölner Obermeisterkandidatin Henriette Reker ist am 17.10.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) am Tatort zu sehen. (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)
Die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist einen Tag vor der Wahl bei einer Messerattacke in Köln verletzt worden. (picture-alliance/ dpa / Oliver Berg)

Einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln ist die parteilose Kandidatin Henriette Reker bei einer Messerattacke schwer verletzt worden. Die Polizei nahm einen 44-jährigen Mann fest. Nach Angaben der Polizei soll er aus fremdenfeindlichen Motiven bewusst und gezielt zugestochen haben. Neben Reker wurden noch vier weitere Personen verletzt.

Nach Polizeiangaben hat sich die Tat heute Morgen um kurz nach neun Uhr an einem Infostand der CDU auf einem Kölner Wochenmarkt ereignet. Dort soll ein 44-jähriger Mann Henriette Reker und vier weitere Personen mit einem Messer "gezielt und bewusst" angegriffen haben. Er bat Reker um eine Rose, die diese verteilte, und stach dann mit einem Jagdmesser zu, berichtet . Als Sozialdezernentin ist Reker auch für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig.

Der arbeitslose Maler und Lackierer, der seit 15 Jahren in Köln lebt und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat offenbar aus fremdenfeindlichen Motiven heraus gehandelt. Nach Angaben der Polizei sprach er von "Ausländern". Bislang sei der Täter polizeilich nicht aufgefallen. Es gebe auch keine Erkenntnisse, dass der Angreifer in einer Partei oder Organisation aktiv sei, sagten die Ermittler.

Henriette Reker wurde am Nachmittag in der Kölner Uni-Klinik operiert. "Aktuell ist sie stabil, aber nicht über den Berg", sagte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers. "Wir gehen derzeit von einem Messerstich im Halsbereich von Frau Reker aus. Bei den anderen Verletzten handelt es sich um Personen aus dem Umkreis der Wahlkampagne von Reker", sagte Kriminalermittler Norbert Wagner. Dabei blieb zunächst unklar, wie schwer Henriette Reker verletzt war. Über ihren Twitter-Account teilte ihr Wahlkampfteam mit, dass sie sich nicht in Lebensgefahr befinde.

Neben der OB-Kandidatin erlitt eine zweite Frau schwere Verletzungen. Drei weitere Personen wurden leicht verletzt. Polizei und Staatsanwaltschaft haben die Ermittlungen aufgenommen.

Politiker und Bürger reagierten mit einer spontanen Solidaritätsveranstaltung. Führende nordrhein-westfälische Politiker wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft oder CDU-Landeschef Armin Laschet bildeten mit zahlreichen Bürgern eine Menschenkette vor dem Historischen Rathaus in Köln. Kraft betonte, man wolle ein Zeichen gegen diese verabscheuungswürdige Tat setzen. Laschet sprach von einem Anschlag auf die gesamte Demokratie.

Roters: "Die Stadt hält den Atem an"

In Köln wird am Sonntag ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Der parteilosen Sozialdezernentin Henriette Reker werden Umfragen zufolge gute Chancen eingeräumt. Sie wird von CDU, Grünen, FDP und Freien Wählern unterstützt. Die 58-jährige Juristin versprach im Wahlkampf einen "tiefgreifenden Wandel in Köln" und kündigte an, nach mehreren Skandalen in Köln das Vertrauen in Politik und Verwaltung durch mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung zu stärken.

Die unabhängige Spitzenkandidatin für die Oberbürgermeisterwahl, Henriette Reker, macht am 16.10.2015 in Köln (Nordrhein-Westfalen) Straßenwahlkampf. Am kommenden Sonntag (18. Oktober 2015) wird in Köln eine neuer Oberbürgermeisters gewählt. Foto: Oliver Berg/dpa (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)Der parteilose OB-Kandidatin Henriette Reker ist seit 2010 Sozialdezernentin in Köln. (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)Für Henriette Reker war es der erste Auftritt an diesem letzten Wahlkampftag. Mario Michalak, der Wahlkampfmanager der Grünen, sagte im Deutschlandfunk: "Es gibt immer Menschen, die nicht demokratisch diskutieren wollen und dann gewalttätig werden - sicherlich auch in Köln. Aber der Wahlkampf war eine ganz normale demokratische Auseinandersetzung, manchmal unter der Gürtellinie, aber es war im Rahmen." Kölns amtierender Bürgermeister Jürgen Roters sagte: "Das ist ein Anschlag  auf das öffentliche Leben und die Demokratie. Die Stadt hält den Atem an." Roters betonte: "Wir dürfen uns durch ein solches Attentat nicht die Knie zwingen lassen."

Alle Parteien haben sich nach dem Vorfall auf dem Kölner Wochenmarkt dafür entschieden, den Wahlkampf einzustellen, darunter auch SPD-Kandidat Jochen Ott. Er schrieb auf Facebook: "Ich bin zutiefst bestürzt und drücke ihr von Herzen die Daumen. Ab sofort werde ich meinen Wahlkampf unterbrechen, bis ich weitere Informationen über ihren Gesundheitszustand habe."

Wahl am Sonntag findet statt

Die Meldung sorgte weit über den Kommunalwahlkampf hinaus für ein großes Echo. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die Tat und erkundigte sich in einem Telefonat beim nordrhein-westfälischen CDU-Chef Armin Laschet nach dem Gesundheitszustand Rekers, wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Vizekanzler Sigmar Gabriel erklärte auf Facebook, er sei "schockiert über die hinterhältige Gewalttat". Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach von einem weiteren Beleg für die zunehmende Radikalisierung in der Flüchtlingsdebatte. Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert twitterte: "Die Gedanken sind bei Henriette Reker und den anderen Verletzten des Messeranschlags." Bundesjustizminister Heiko Maas verurteilte die Tat als "unfassbar und abscheulich". Schockiert reagierte auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). "Das ist ein Angriff auf uns alle", teilte sie auf Twitter mit. "Hoffe und bange mit den Verletzten." Auch andere Politiker wie Grünen-Parteichef Cem Özdemir und CDU-Generalsekretär Peter Tauber zeigten sich entsetzt über die Tat. 

Die Oberbürgermeisterwahl soll dennoch wie geplant stattfinden. Der Politikwissenschaftler Ulrich Alemann wertet dies als richtig. Allerdings dürfte der Angriff auf die parteilose Kandidatin die Wahlen beeinflussen: "Sie wird wohl einen tragischen Bonus bekommen", sagt der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität im Westdeutschen Rundfunk. Allerdings sei Reker ohnehin die Favoritin gewesen, sodass die Wahl in ihrem Ausgang wohl nicht entscheidend verfälscht werde.

(sima/stfr/ach)

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