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StartseiteInterview"Selbsternannte Milizen setzen ungestraft Recht"12.05.2014

Angriffe gegen Christen "Selbsternannte Milizen setzen ungestraft Recht"

Erst letzte Woche wurde die Bischofskonferenz mit Hass-Graffiti in hebräischer Sprache beschmiert. Immer wieder werden Einrichtungen anderer Glaubensgemeinschaften in Israel von nationalreligiösen Siedlern geschändet oder beschmiert, sagte Pater Nikodemus Claudius Schnabel von der Benediktiner-Abtei in Jerusalem im DLF. Es sei erschütternd, dass der Rechtsstaat nicht gegen die Täter vorgehe.

Pater Nikodemus Claudius Schnabel im Gespräch mit Peter Kapern

Ein jüdischer Siedlerjunge beobachtet israelische Polizisten in der Siedlung Gusch Katif (AP)
Als Vergeltung für die Räumung eines jüdischen Außenpostens werden die Einrichtungen anderer Glaubensrichtungen geschändet. (AP)
Weiterführende Information

Von Utopia nach Arabien (Deutschlandfunk, Lange Nacht, 17.05.2014)

Es ist ein einfaches Schema: Moscheen, christliche Kirchen, aber auch Häuser von Juden und Arabern werden von national-religiösen Siedlern als Vergeltung für die Räumung eines Siedlerpostens angegriffen oder mit Graffiti verschmiert. "In der primitiven Logik der Siedler muss ein Preis dafür bezahlt werden", erläutert Pater Nikodemus.

Seit zwei Jahren gebe es eine schleichende Eskalation, auf die die Politik bislang nicht reagiert habe. Mit der Beteiligung des national-religiösen Naftali Bennett habe die Siedlerbewegung in politischen Kreisen einen deutlichen Machtzuwachs erreicht. Für Schnabel ist das ein Grund, warum nicht konsequent gegen israelische Extremisten aus Siedlerkreisen vorgegangen wird.

Der Ordensmann sieht hier eine große Gefahr für das Ansehen Israels. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung schäme sich für diese Vorfälle und wünsche sich ein offenes und tolerantes Land. Besonders mit Blick auf den Papstbesuch in zwei Wochen müssten Regierung und Sicherheitskräfte endlich entschieden gegen die Vorkommnisse vorgehen.


Das Interview in voller Länge:

Peter Kapern: In zwei Wochen besucht Papst Franziskus das Heilige Land. Amman, Bethlehem und Jerusalem, das sind die Stationen seiner Reise, die am 24. Mai beginnt. In Israel und im Westjordanland wird er eine christliche Gemeinschaft antreffen, die in immer stärkerem Ausmaß Anfeindungen ausgesetzt ist. Mitglieder der national-religiösen jüdischen Siedlerbewegung attackieren Einrichtungen anderer Religionen. Seit langem schon werden Moscheen geschändet, muslimische Friedhöfe, seit einiger Zeit aber auch Kirchen, Klöster und Friedhöfe christlicher Konfessionen und neuerdings auch nicht mehr nur in den besetzten Gebieten, sondern auch im israelischen Kernland, beispielsweise am See Genezareth.
Pater Nikodemus Schnabel ist der Sprecher der Benediktinerabtei auf dem Zionsberg in Jerusalem und er kann uns nun schildern, was dort vor sich geht. Guten Morgen, Pater Nikodemus.

Nikodemus Claudius Schnabel: Guten Morgen.

Kapern: „Jesus ist Müll" – das haben Unbekannte am vergangenen Freitag auf die Mauern einer rumänisch-orthodoxen Kirche in Jerusalem gesprüht, und vor einer Woche wurde das Büro der katholischen Bischofskonferenz mit der Parole beschmiert, "Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen". Pater Nikodemus, was geht in Ihnen vor, wenn Sie so etwas registrieren?

Schnabel: Ja, ich bin es leider schon gewöhnt. Man muss das sagen, es gibt Gewöhnungseffekte. Seit zwei Jahren ungefähr sind wir damit konfrontiert, mit diesen „Price-Tag"-Attacken, wie sie heißen. „Price-Tag", zu Deutsch Preisschild, folgen einer sehr primitiven Logik. Es geht oft darum, wenn ein Siedlungsaußenposten geräumt wird, oder irgendein anderer Unwille der Siedlerbewegung geschieht, möchten sie, dass dafür ein Preis gezahlt wird, und oft ist es so, neben diesen Schmähungen wie „Graffiti gegen Jesus" oder dass Autoreifen zerstochen werden oder Scheiben eingeschmissen, gibt es oft eine Unterschrift, wo dann dieser Außenposten auch benannt wird. Das heißt, es gibt quasi immer auch ein Täterbekenntnis.
Was uns daran stört ist, diese Sachen gibt es nicht erst seit gestern, sondern ich habe gesagt, seit zwei Jahren kann man wirklich eine schleichende Eskalierung beobachten, dass bis jetzt es wirklich keine politischen Konsequenzen gibt. Niemand von denen hat bislang ein Gefängnis von innen gesehen oder einen Prozess bekommen. Es gibt immer mal wieder so Schaudinger. Zum Beispiel letzte Woche wurde ein 14-jähriges Mädchen gefangen genommen und wurde dann zu zwei Wochen Hausarrest verurteilt. Ja, ganz großartig! Nur hinter Kindern stehen Erwachsene, Kinder machen das nicht von sich aus.

"Ich sehe da eine falsch verstandene Toleranz"

Kapern: Wie erklären Sie sich das, dass die Täter nicht gefasst und bestraft werden in einem Staat Israel, der doch für seine Sicherheitseinrichtungen so weltberühmt ist?

Schnabel: Ja, das ist eine Frage, die mir tatsächlich Kopfzerbrechen bereitet, weil gerade, ich denke, jeder Rechtsstaat sollte eigentlich klar machen, dass das Gewaltmonopol bei Militär und Polizei liegt und nicht bei irgendwelchen selbsternannten Milizen oder Sicherheitsgruppen, die das Recht selbst in die Hand nehmen und selbst Recht setzen. Das tut, glaube ich, keinem Staat gut. Ich sehe da eine falsch verstandene Toleranz.
Ich kann da was sehr Aktuelles sagen. Gerade heute zum Beispiel wird es eine Demonstration geben bei uns in Jerusalem. Beim Abendmahlssaal, beim Davidsgrab, dem sogenannten Davidsgrab haben mehrere Rabbiner aufgerufen, eine Demonstration abzuhalten gegen den Papst, gegen den Papstbesuch, gegen die christliche Präsenz auf dem Zion und gegen die Rückgabe dieses Gebäudekomplexes, das im Oberstock den Abendmahlssaal enthält und unten im Untergeschoss das sogenannte Davidsgrab, ein Kreuzfahrergrab, was erst von muslimischer Seite und seit 48 von einigen Juden als Davidsgrab verehrt wird. De facto ist das Skurrile an dieser Demonstration: Es gibt ein ganz, ganz klares Statement vom Premierminister Netanjahu, dass, wenn der Papst kommt, dieses Gebäude nicht zurückgegeben wird, und es gibt auch keine Überlegung, dieses Gebäude zurückzugeben. Aber die Polizei hat genehmigt eine Demonstration gegen etwas, was nicht stattfindet, und das sind alles so Kleinigkeiten.

Oder eine andere Sache, die ich Ihnen erzähle: Heute habe ich erfahren: Es gibt ein einziges Plakat in ganz Jerusalem, mitten im christlichen Viertel, am Christian Information Center, wo auf Hebräisch, Arabisch und Englisch steht "Welcome to the Holy Land" und wo man den Papst sieht, also einfach ein Begrüßungsposter. Das musste jetzt abgehängt werden, um nicht religiöse Gefühle der Juden zu verletzen. Wie gesagt ein Plakat, was mitten im christlichen Viertel hängt.

Kapern: Darf ich noch mal nachfragen, Pater Nikodemus. Welche Erklärung haben Sie für dieses Agieren der israelischen Regierung? Ist die Tatsache, dass die national-religiöse Siedlerbewegung Teil dieser Regierung ist, schon eine ausreichende Erklärung?

Schnabel: Ja! Ich würde sagen, das ist die Erklärung, die ich habe, dass gewisse Parteien momentan in der Regierung sieht, gerade wenn man an die Partei von Naftali Bennett denkt, die natürlich der Siedlerbewegung sehr, sehr nahe stehen – das ist ihre Stammwählerschaft –, und natürlich, eine Partei möchte wiedergewählt werden und überlegt sich natürlich zweimal, ob sie ihre Stammwählerschaft vergrault, und dadurch gibt es eine falsch verstandene Toleranz.
Wobei: Es gibt mittlerweile auch in diesen Parteien Bewegungen, die sagen, eventuell spielen wir zu sehr mit dem Feuer, weil Graffiti ist das eine. Ich meine, das sind Sachbeschädigungen. Aber in Tabgha? Sie haben zum Anfang vom Interview angesprochen, wir hatten am See Genezareth bei unserem Kloster ja den Fall, dass einfach Pilger, die gebetet haben bei uns, mit Steinen beschmissen wurden und bespuckt wurden. Das ist natürlich eine Dimension, die dann auch international Kreise zieht, wo dann auch ... Ich werde zum Beispiel heute auch ein Gespräch mit dem Tourismusminister haben, der um ein Gespräch gebeten hat, und ihm natürlich sagen, okay, wenn auf einmal Touristen erzählen, es ist nicht mehr sicher, ins Heilige Land zu kommen, man wird als Christ angegriffen, hat das natürlich auch einen internationalen Schaden. Das heißt, ich hoffe, es gibt ein Umdenken.

"Zivilgesellschaft sieht Angriffe als Schande"

Kapern: Pater Nikodemus, wie reagieren eigentlich jüdische Israelis, mit denen Sie über so etwas sprechen und die nicht den National-Religiösen angehören? Wie reagieren die auf diese Vorfälle?

Schnabel: Danke für diese Frage, weil die Mehrheit der Israelis hier – und wir haben sehr, sehr viele jüdische Freunde – sind wunderbare Menschen und sagen uns immer, immer, immer wieder, sie schämen sich dafür. Es gab gestern auch eine große Demonstration gegen diese Attacken und es gibt von der Zivilgesellschaft ein klares Bekenntnis, dass Israel ein offenes Land sein will, dass Jerusalem eine offene Stadt sein möchte, und es gibt eine große Bewegung, die sagen, nein, das ist einfach eine Schande für alle Religiösen. Ich denke, Gewalt ist nie eine gute Idee, sei es von muslimischer, christlicher, jüdischer Seite, sei es von säkularer Seite, und viele Menschen wollen einfach hier in Frieden leben und wollen, dass diese Stadt eine Stadt ist für Jedermann und für jede Frau. Aber wie gesagt, diese kleine Minderheit ist aggressiv und viele wünschen sich – und da bin ich wahrlich nicht allein -, dass wirklich gegen diese Leute, die einfach die Stimmung vergiften, die Atmosphäre vergiften, konsequenter vorgegangen wird.

Kapern: Ganz kurz noch eine Frage zum Schluss. Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet und die Polizei haben am Donnerstag die Befürchtung geäußert, radikale Siedler könnten während des Papstbesuchs einen Anschlag auf Christen verüben. Teilen Sie diese Befürchtung?

Schnabel: Ja, die Befürchtung habe ich selbst gehört. Der Papst wird ja bei uns auf den Zion kommen und der Inlandsgeheimdienst hat zu uns auch einen guten Kontakt und Israel ist natürlich wirklich – Sie haben es angesprochen – in Sachen Sicherheit ein hoch professioneller Staat und der Inlandsgeheimdienst wird alles tun, um das zu verhindern. Es wird absolut enorm hohe Sicherheitsvorkehrungen geben. Ich hoffe nur, dass der Papst nicht in eine sterile Stadt kommt, dass aus Sicherheitsgründen 100 Meter rund herum alles abgesperrt wird. Ich hoffe, dass es irgendwie eine gute Balance gibt, dass der Papst auch Menschen begegnen kann, auch spontan begegnen kann, und dass aber auch für seine Sicherheit gesorgt wird. Ich wünsche da wirklich auch allen Beteiligten das richtige Händchen und dass wirklich alles zum Guten wird, und wir beten auch dafür, dass dieser Besuch auch wirklich Frieden bringt und hoffentlich nicht eskaliert und in irgendeiner Form Aggressionen schürt oder Gewalt hinterlässt. Das wäre traurig.

Kapern: Pater Nikodemus Schnabel, der Sprecher der Benediktiner Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg in Jerusalem. Pater Nikodemus, danke, dass Sie heute Morgen Zeit für uns hatten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, auf Wiederhören.

Schnabel: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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