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StartseiteInterviewAngst in Bethlehem10.11.2006

Angst in Bethlehem

Stadt leidet unter Nahostkonflikt

Gewalt und Armut belegen die Stadt Bethlehem mit einer wachsenden Depression. Das hat Annette Klasing, Mitarbeiterin im Internationalen Begegnungszentrum, angesichts des andauernden Nahostkonflikts festgestellt. Seit Monaten blieben zudem die Touristen aus.

Moderation: Bettina Klein

Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem. (AP)
Katholische Mönche und eine Nonne beten in der Geburtskirche in Bethlehem. (AP)
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Bettina Klein: Bethlehem, der biblische Ort begegnet uns immer in der Weihnachtszeit, also in den bevorstehenden Wochen öfter. Immer öfter allerdings gerät der Name in Zusammenhang mit der eskalierenden Gewalt im Nahost-Konflikt in die Schlagzeilen, so auch am vergangenen Wochenende im Rahmen der israelischen Militäroffensive. Bethlehem, ein Ort, an dem Christen und Muslime zusammenleben und ihren Alltag versuchen zusammen oder zumindest nicht gegeneinander zu gestalten.

Annette Klasing arbeitet am Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem, und sie ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Frau Klasing!

Annette Klasing: Guten Morgen nach Deutschland!

Klein: Wie haben Sie die vergangenen Tage in Bethlehem erlebt?

Klasing: Ich muss sagen, Gott sei Dank ist es jetzt ein offensichtlich ganz schöner, ruhiger Morgen, auch mit Sonnenschein. Aber das vergangene Wochenende war durchaus im Schatten von Gaza auch hier in Bethlehem gezeichnet. Und ich hatte in dem Fall ein bisschen das Pech, genau an der Kreuzung zu wohnen, wo die Militäroffensive in der Nacht von Donnerstag auf Freitag begann, zirka 3.30 Uhr, mit zehn, zwölf Militärjeeps. Und ich bin einfach wach geworden um 3.40 Uhr durch eine riesige Detonation, Explosion. Ein Haus wurde gesprengt und diese Detonationen erfolgten dann noch in Abständen, dann noch mal gefolgt von ungefähr zwei Stunden langer Schießereien. Ich habe dann erst später, weil ich natürlich nicht vor die Tür gegangen bin, um zu schauen, erst später dann richtig verstanden und auch sehen können teilweise vor unserem Haus, was passierte. Hintergrund war die Suche eines - man sagt ja hier - wanted militant, in dem Fall von Dschihad Islami. Und da sie ihn wohl nicht so schnell finden konnten, ist dann diese über einen ganzen Tag lang dauernde Militäroperation erfolgt. Das bittere, traurige Resultat waren drei Tote, ein 17-jähiger, junger Mann, eine alte Frau, die Schwiegermutter einer meiner Kolleginnen, und dann, ganz am Schluss, hat man dann den Gesuchten gefunden, geborgen unter den Trümmern des zerstörten Hauses. Und da gucke ich auch gerade drauf aus meinem Fenster.

Klein: Wie viel bekommen Sie mit, was im Gazastreifen im Moment passiert und in den vergangenen Tagen passiert ist?

Klasing: Eigentlich auch nur durch die Medien. Natürlich haben auch Freunde und Kollegen Verwandte im Gaza, fast alle haben irgendwie Verwandte, Freunde, Angehörige im Gaza, aber schlussendlich bekomme ich es auch mehr über die Medien mit. Das ist schon ein bisschen verrückt. Bethlehem oder Jerusalem sind ja eigentlich nur eine gute Stunde entfernt vom Gaza. Also wenn kein Verkehr wäre und keine Checkpoints und alles ganz normal, dann könnte man in weniger als einer Stunde von uns aus hier in Gaza rein. Aber das funktioniert natürlich mittlerweile so nicht mehr. Was wir manchmal schon mitbekommen, sind natürlich die Militärjets, die Flieger. Also das kriegen wir schon mit.

Klein: Frau Klasing, angesichts der sich wiederum ja manifestierenden Fronten, wie muss man sich die Stimmung in der Stadt vorstellen?

Klasing: Die Stimmung ist sehr depressiv, aus zwei Gründen. Das eine hat natürlich was mit der doch sichtbaren Verarmung des Ortes zu tun. Sie wissen wahrscheinlich auch, dass ja seit März die öffentlichen Gehälter ausgeblieben sind. Jetzt gab es erste Abschläge wieder, aber das heißt neun oder zehn Monate ohne Gehälter für die Menschen. Es kommen keine Touristen mehr. Auch unser Zentrum ist von den ausbleibenden Touristen, Pilgern, Seminargruppen betroffen. Das heißt, Depression hat was mit Verarmung zu tun und auf der anderen Seite natürlich mit der immer, immer vorhandenen, sichtbaren oder indirekten, subtilen Gewalt zu tun. Denn die Menschen erleben die Israelis leider, leider, leider nur noch als Soldaten in Form von Militäreinsätzen oder eben an den Checkpoints. Und das macht eine unglaubliche Frustration, Trauer, Depression. Natürlich sind das auch Auswirkungen von Traumaerfahrungen über die langen Jahre, ganz klar.

Klein: Sie arbeiten am Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem. Abgesehen von den wegbleibenden Touristen, wirkt sich die verschärfende Krise auf Ihre Arbeit auch inhaltlich aus?

Klasing: Wenn ich das Stichwort Trauma und Depression aufgreifen darf, und ich muss es an der Stelle tun, dann hat das natürlich auch was mit unserer Arbeit zu tun. Auf der einen Seite gibt es durchaus und Gott sei Dank auch fröhliche Veranstaltungen wie Konzerte, Kultur, Filme, Tanzveranstaltungen. Gestern hatten wir eine wunderbare Ausstellungseröffnung. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch, gerade wenn es um die Bildungsangebote geht, die wir machen, und auch Seminare und Trainings zum Beispiel, dieses Phänomen der Trauer, des Schmerzes, der Lethargie, die damit auch einhergeht, berücksichtigen. Und letzte Woche haben wir gerade eine ganze Woche lang mit der Stiftung Wings of Hope eine Fortbildung für Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen gemacht zum Thema, wie gehen wir eigentlich hier mit dem andauernden Stress und den Auswirkungen des Traumas in der Kinder- und Jugendarbeit um.

Klein: Was genau können Sie tun, um sich für die Versöhnung der Religionen dort, bei Ihnen konkret in Bethlehem einzusetzen?

Klasing: Unser Zentrum macht alle Angebote für Christen und Muslime. Sie kommen auch, also Christen und Muslime kommen auch in unser Zentrum. Natürlich nehmen sie die Angebote und Aktivitäten unterschiedlich wahr, völlig klar. Christen sind hier ja in der Minderheit. Was hier eine Sorge ist, und das spüren wir auch im Alltag insbesondere im Zentrum, die Verlustangst. Denn in der zweiten Intifada 2003, 2004 sind zirka zehn Prozent der Christen abgewandert in die USA, nach Deutschland und Kanada. Und im Moment gibt es wieder spürbar diese Stimmung, die Diskussion, die Fragen, soll ich noch hier bleiben oder habe ich die Möglichkeit auszuwandern? Das heißt, das Verhältnis zwischen Muslimen und Christen verändert sich doch zu Lasten des christlichen Anteils, und das ist auch spürbar. Ich will nicht sagen, dass das ständig Spannungen auslöst zwischen Christen und Muslimen. Das ist nicht der Fall, aber es gibt eine Sorge und man merkt schon, die Christen verhalten sich auch als Minderheit.

Klein: Annette Klasing war das. Sie arbeitet am Internationalen Begegnungszentrum in Bethlehem. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Frau Klasing, und alles Gute.

Klasing: Dankeschön nach Deutschland.

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