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StartseiteBüchermarktAngst vor dem eigenen Verschwinden30.03.2007

Angst vor dem eigenen Verschwinden

Ivana Jeissings Roman "Unsichtbar"

Was ist in einer Aufmerksamkeitskultur wie heute wohl die größte Katastrophe? Genau: unsichtbar zu sein - und zwar so unsichtbar, wie sich Jane Terry, die Hauptfigur von Ivana Jeissings erstem Roman, schon seit ihrer Kindheit fühlt.

Von Uwe Pralle

Jane hat Angst zu verschwinden. (Stock.XCHNG / Andy Heyward)
Jane hat Angst zu verschwinden. (Stock.XCHNG / Andy Heyward)

Männer wie mein Vater sollten keine Kinder machen, und Frauen wie meine Mutter sollten keine Kinder kriegen. Sie sollten arbeiten und erfolgreich sein.
Ich sah meine Mutter so gut wie nie, da sie pausenlos damit beschäftigt war, meinen Vater zu trösten und zu beeindrucken, denn für sie gab es nichts Schöneres, als ihre gemeinsame Leidenschaft, in entzündete, verstopfte und triefende Hälse, Nasen und Ohren zu sehen.


So kann es einem gehen, wenn beide Eltern leidenschaftliche HNO-Ärzte sind: man fällt aus ihrem Blick, weil alle Aufmerksamkeit immer nur den Schleimhäuten gilt. Die zu solcher Unsichtbarkeit verdammte Heldin des Romans hatte den ärztlichen Betätigungsdrang ihrer Eltern außerdem schon bei ihrer Geburt beträchtlich gestört, denn es war eine Sturzgeburt mitten während der Sprechstunde:

" Ich denke, dass die Sturzgeburt ein sehr stimmiges Bild ist für das Verhältnis, das Jane zu ihrer Mutter hat, dass sie nämlich ohne jeden Widerstand eines Tages einfach so auf die Welt gefallen ist, und das setzt sich ja dann auch weiter fort, dass Jane nie die Chance hat, zwischen ihre Eltern zu kommen; in der Wahrnehmung findet sie für ihre Eltern nur statt, wenn sie ein Hals-, Nasen- oder Ohrenproblem hat, und auch die Frage, wie es ihr geht, ist eigentlich den Patienten ihrer Eltern vorbehalten. Das rückt sie natürlich in eine Außenseiterrolle."

Wenn die eigene Mutter dann noch eine "Weltmeisterin im Schattentauchen" ist und schon die Großmutter seit jeher eine begabte "Totstellperfektionistin" war - dann kann der Nachwuchs ebenfalls leicht in diese Falle gehen, aus der wieder herauszufinden auch keine Garantie bietet, dass sich heute eine ganze Medienindustrie um "Sichtbarkeit" kümmert, und sei es auch nur für die berühmte Viertelstunde.

" Ich glaube es geht darum, dass man sehr schnell in die Unsichtbarkeit abdriften kann, und das hat natürlich was damit zu tun, wie man wahrgenommen werden will und was man tut, um wahrgenommen zu werden, und wie sehr man in der Lage ist, sich in gewissen Situationen bewusst zu sein, dass es jetzt wichtig ist, dem Bild zu entsprechen, das man gerne sein möchte. Aber dazu gehört natürlich auch, dass man weiß, welches Bild man sein möchte und dass man eine gewisse Form der Authentizität geschaffen hat. Und das sind natürlich komplexe Konstrukte und die lernen wir nicht."

Eine Parabel über die Medienwelt ist Ivana Jeissings Roman "Unsichtbar" allerdings nicht, sondern eher der Entwicklungsroman einer Frau in der heutigen Aufmerksamkeitskultur, versehen mit ein paar kräftigen Prisen Postfeminismus und grotesker Komik. Die meisten Romanfiguren sind Engländer, und in England spielt sich auch Jane Terrys Leben ab, bevor es sich schließlich nach Berlin verlagert.

" Das ist eine Frage, die ich so im Nachhinein jetzt gar nicht mehr beantworten kann, warum die alle in England entstanden sind. Ich denke, das hat mit dieser Unsichtbarkeit und dem dazugehörigen Humor zu tun, der Absurdität der Situation, in der Jane aufwächst. Die fand ich einfach in England passender. Vielleicht lebe ich noch nicht lang genug in Berlin, um das hier auch zu sehen, aber in England war das für mich von Anfang an so, dass ich unendlich viel Groteskes sehen konnte."

Ivana Jeissing, 1958 geboren, stammt aus Salzburg, hat aber mehr als nur österreichische Wurzeln.

" Das ist bei mir in der Tat so, dass ich mich England sehr nahe fühle, obwohl ich ja eigentlich halb Österreichisch und halb Italienisch bin. Ich hab ein Jahr in England gelebt und auch immer wieder Freunde in England besucht. Könnte jetzt nicht sagen, dass ich mich in England wohler fühle, als ich das in Deutschland oder anderswo tue, aber ich mag die Sprache sehr gerne."

Zum Schreiben ist sie spät und erst auf einigen Umwegen gekommen.

" Meine Zweisprachigkeit, dieses Italienisch- und Deutsch-Aufwachsen, in einem doch sehr ländlichen Salzburg, hat mich schon sehr früh in große Schwierigkeiten gebracht; zum einen sprach ich den Dialekt nicht, der überlebensnotwendig war, wenn man mit anderen Kindern spielen wollte, und zum anderen brachte ich in der Schule so ziemlich alles durcheinander, und ich ganz lange und auch ganz sicher war, dass ich auf gar keinen Fall schreiben kann, obwohl ich das immer wollte. Und hab mich dann eben in eine andere Bilderwelt geflüchtet, ich hab also gemalt, ich hab photographiert und ich hab Filme gemacht."

Dass Ivana Jeissing früher im Film und der Werbebranche tätig war, spiegelt sich auch in ihrer Romanheldin, denn als das unsichtbare Mädchen herangewachsen ist, wird es zur begeisterten Kinogeherin und von Beruf außerdem Werbedesignerin. An ihrem eingefleischten Hang, sich unsichtbar zu machen, ändert das jedoch wenig, und als sie einen Londoner Rechtsanwalt kennen lernt, der ihr damit zu schmeicheln sucht, wie eine Figur auf einem der kubistischen Gemälde Picassos auszusehen, heiratet sie ihn sofort.

" Sie findet es toll, dass ihr Mann sie mit einem Bild von Picasso vergleicht. Und sie findet es auch ganz toll, mit ihm nach Berlin zu gehen. Sie erkennt nur ganz langsam, dass dieser Prozess, dem anderen zu folgen und für den anderen da zu sein und im Sinne des anderen zu reagieren, ein schleichender Prozess in ihrem Leben ist, der sie langsam auch hier verschwinden lässt. Und es ist für sie hier in Berlin langsam, aber sicher klar, dass sie endlich formulieren muss, was sie will und sich erst einmal darüber klar werden muss, wer sie überhaupt ist."

Berlin wird zum Schauplatz von Janes Versuchen, endlich aus der Unsichtbarkeit auszubrechen. Man könnte diesen Roman, der nicht linear erzählt ist, sondern seine Handlung in einem gelungenen Rhythmus sich abwechselnder Vor- und Rückblenden entfaltet, im ersten Moment für einen postfeministischen Fall des ehrwürdigen Genres von Emanzipations- oder sogar Selbstfindungsliteratur halten. Das ist er im Grunde zwar auch, doch was ihn von Klassikern dieses Genres in dem weiten Spektrum von Karin Struck bis zu Elfriede Jellinek beträchtlich unterscheidet, ist ein sarkastischer Ton, den jedoch nicht mehr die guten alten gesellschaftskritischen Motive tragen, sondern der pragmatische Anspruch, an der heutigen Aufmerksamkeitskultur ausreichend teilzuhaben - und zwar auf ähnliche Weise, wie Verbraucher - jedenfalls in der Ersten Welt - nicht mehr über die Konsumwelt hadern, sondern hochwertige Produkte verlangen:

Beim 'Ehe-TÜV' wird jeder Mann auf Verträglichkeit, Leistung, Humor, Toleranz, Ausdauer, Einkommen, Fortpflanzungsbereitschaft und Beschützerinstinkt überprüft, und wenn er den Test besteht, bekommt er eine Plakette, die alle drei Jahre erneuert werden muss. Wetten, die wenigsten würden die Zulassung zur Ehe schaffen. Und stell dir den riesigen Haufen entsorgter Männer vor! Ein Männerschrottplatz!

So drückt es Janes Freundin Plumji aus, eine international erfolgreiche Designerin, die Jane in Berlin wiedertrifft und die ihr Tür und Tor zur Karrierewelt öffnet, sie gleichzeitig aber auch mit ihrem Ehemann, dem Rechtsanwalt, betrügt, und so ein schnelles Ende von Janes Ehe mit diesem seltsamen Liebhaber kubistischer Frauenportraits herbeizuführen verhilft.

" Die beiden Frauen, die sich da begegnen - gegensätzlicher kann man ja nicht sein. Die eine lebt in Gedanken, sagt nicht, was sie möchte, und die andere hat Karriere gemacht und ist aber nicht einfach nur die negativ besetzte Figur, die Karriere macht, sondern sie hat gelernt, sich in dieser Welt zu behaupten, und hat auch gelernt, die Regeln, die in dieser Welt herrschen, umzusetzen, und das ist etwas, das nichts mit Hoffen und Wünschen und Sehnen zu tun hat, sondern da verfolgt man ganz konkrete Ziele und muss sich auch mal eine Strategie machen. Und das ist etwas, was für Frauen vielleicht doch mehr als für Männer nicht selbstverständlich ist. Ich wünsche mir, ich hoffe, ich würde gern, ich hätte gern, ich sollte mal: das sind für mich doch sehr typische Frauenansätze. Ich mache, ich tu, ich geh, ich sage sind natürlich ganz andere Formen. Zumal das Problem ja auch ist, dass diese Emotionalität gerade Frauen sehr häufig zum Vorwurf gemacht wird, wenn sie dann sagen, ich tu das und ich mache das, dann kommt das ja auch überemotionalisiert an bei Männern, fast bedrohlich."

Nun ja, eine Produktkontrolle mit TÜV-Plakette mag für Männer auch keine allzu angenehme Vorstellung sein, und bei manchen Szenen in Ivana Jeissings Roman wird es manchen unbehaglich über den Rücken laufen:

Weil Herr Schumann eine neue Freundin hat, die Hunde nicht mag, muss Rolf im Auto schlafen und darf nur noch in die Wohnung, wenn Herrchen allein ist. Schumann ist deswegen sehr unglücklich und im wahrsten Sinne des Wortes "hundemüde", denn Rolfs Winseln holt ihn jede Nacht aus dem Schlaf, und von schlechtem Gewissen geplagt, sitzt er dann stundenlang mit seinem Hund im Auto und hört so lange klassische Musik, bis dieser eingeschlafen ist.

In Ivana Jeissings Roman, der die Heldin - und das keineswegs ohne männliche Unterstützung - in der Aufmerksamkeitskultur ankommen lässt, wird man durchtrieben und überaus amüsant mit den unmerklichen Akzentverschiebungen dieser Kultur ins Femine, wenn nicht sogar Effiminierte, vertraut gemacht. Und da die Post-Emanze Thea Dorn ja gerade mit ihrer Parole von "der neuen F-Klasse" aufwartet, lässt sich auch sagen: Ivana Jeissings "Unsichtbar" bietet eine hübsche kleine Einführung in das entsprechende "neue F-Klassenbewusstsein".

" Sie hat sich in Berlin ein neues Leben aufgebaut, und sie sagt ja auch, ihre Freundin Plumji hat noch nie einen Beleuchter gebraucht, sondern sie stand immer in ihrem eigenen Licht. Und deswegen muss man das gar nicht so negativ sehen, dass diese Welt des Glamours und des Glitters jetzt eine negative Welt ist, aber es ist eine Welt, die eben ganz andere Gesetze hat. Sehen und gesehen werden statt fressen und gefressen werden."

Wenn das nur keine Illusion ist.

Ivana Jeissing: Unsichtbar
(Diogenes Verlag)

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