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StartseiteEine WeltAngst vor den neuen Machthabern in Bangui30.03.2013

Angst vor den neuen Machthabern in Bangui

Nach dem Putsch in Zentralafrika

Nach dem Staatsstreich am 24. März erklärt der neue Präsident Michel Djotodia, dass er für Ruhe und Frieden sorgen will. Doch in der Bevölkerung herrscht Angst vor seinen schwer bewaffneten Séléka-Kämpfern. Zehntausende sind auf der Flucht.

Von Antje Diekhans

Nach dem Staatsstreich vor gut einer Woche sichern die Séléka-Rebellen ihre Macht. Der neue Präsident Michel Djotodia erklärte, dass er für Ruhe und Frieden sorgen will. Doch in der Bevölkerung herrscht Angst vor den schwer bewaffneten Kämpfern. Zehntausende sind auf der Flucht. Hilfsorganisationen beklagen, dass eine Versorgung der Menschen kaum möglich ist.

Durch die Straßen von Bangui fahren offene Geländewagen. Auf den Ladeflächen stehen Kämpfer der Séléka-Rebellen. "Rote Brigade" nennt sich diese schwer bewaffnete Einheit, mit der die neuen Machthaber in der Zentralafrikanischen Republik zeigen wollen, dass sie die Lage unter Kontrolle haben. Viele Einwohner der Hauptstadt trauen sich noch nicht aus ihren Häusern. Sie fürchten, dass die Rebellen lockere Finger am Abzug haben.

"Das ist jetzt unser größtes Problem,"

sagt ein Taxifahrer.

"Wir haben Angst vor den Séléka-Kämpfern. Wenn du fährst und sie sehen dich, fangen sie plötzlich an zu schießen."

Das Bündnis aus mehreren Rebellenbewegungen hatte Bangui vor gut einer Woche eingenommen. Die Kämpfer stießen auf keinen allzu großen Widerstand. Der bisherige Staatschef Francos Bozizé war bereits ins benachbarte Kamerun geflohen. Während sich die neuen Herren im Präsidentenpalast und in einem Luxushotel einrichteten, brach auf den Straßen das Chaos aus. Marodierende Banden zogen durch die Stadt. Sie plünderten und setzten Geschäfte in Brand. Tagelang gab es keinen Strom und kein Wasser. Auch jetzt herrscht noch Ausnahmezustand. Director of Telecel Mobile Network, Herve Pendero:

"Wir sind weiter sehr besorgt, meint der Chef eines Mobilfunkanbieters im Land. Wir haben zwar unsere eigenen Sicherheitskräfte, aber sie können keine Plünderer abhalten. Die Regierung muss für Stabilität sorgen. Wir wollen unsere Arbeit wieder aufnehmen."

Zum Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik erklärte sich Rebellenführer Michel Djotodia. Der 63-Jährige präsentiert sich gern in Tarnuniform, ist aber eigentlich kein Kämpfer. Er studierte in der Sowjetunion und gilt als Intellektueller. Bozizé schickte ihn als Diplomaten in den Sudan. Dort soll Djotodia Kontakte zu Rebellen aus dem Tschad geknüpft haben, die seine Bewegung jetzt stärken. Auf eine Frage des französischen Senders RFI, auf welche Regierungszeit er sich einstellt, reagierte der neue Staatschef mit Belustigung:

"Wir haben gerade mal angefangen, da wollen Sie schon wissen, wie lange ich an der Macht bleiben will? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Sie wissen doch bestimmt, dass es Zeit braucht, um Frieden herzustellen. Die Lage ist unsicher."

Djotodia kündigte freie Wahlen an - aber erst in drei Jahren. Ähnlich hatte es sein Vorgänger gemacht. Auch Bozizé putschte sich an die Macht und ließ sich später vom Volk im Amt bestätigen. Die Geschichte wiederholt sich in der Zentralafrikanischen Republik immer wieder. Das Land hat seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 eine Reihe von Staatsstreichen erlebt. Wechselnde Herrscher plünderten die reichhaltigen Rohstoffvorkommen wie Gold, Diamanten und Uran. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. Die Lebenserwartung liegt bei etwas über 40 Jahren. Der neue Präsident sagt, dass er das ändern will:

"Wir wollen dem Elend entkommen. Viele leiden Hunger, haben nichts anzuziehen und die medizinische Versorgung ist schlecht. Die Menschen können nicht ruhig schlafen."

Bisher haben die Séléka-Rebellen allerdings nur noch mehr Leid in der Bevölkerung verursacht. Auf ihrem Weg Richtung Bangui hinterließen sie eine Schneise der Verwüstung. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind in den vergangenen Wochen etwa 200.000 Menschen vertrieben worden. Einige versuchten, sich in Nachbarländern in Sicherheit zu bringen. Doch die meisten schafften es nicht so weit, sagt die UN-Beauftragte für Humanitäre Angelegenheiten, Amy Martin:

"Der Großteil der Bevölkerung ist in den Busch geflohen. Wir haben keinen Zugang zu ihnen, um Hilfe zu leisten. Am schlimmsten sind die Plünderungen und Überfälle. Jeder ist sich selbst der nächste und nimmt sich, was er kriegen kann."

Die Nothilfe-Organisation "Ärzte ohne Grenzen" beklagt, dass auch medizinische Einrichtungen ausgeraubt und zerstört wurden. Das macht es besonders schwierig, Verwundete zu versorgen. Nach wie vor ist unklar, wie viele Menschen durch die Kämpfe verletzt oder getötet wurden. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte das gewaltsame Vorgehen der Séléka-Rebellen. Konkrete Sanktionen drohte er aber nicht an.

Der neue Präsident Djotodia wurde inzwischen auch von der Armee des Landes als Staatschef akzeptiert. Jetzt macht er sich daran, international Allianzen zu schmieden. Er wolle so den Staat wieder aufbauen, sagte er im Interview mit RFI:

"Wir machen das zusammen mit unseren Freuden wie Frankreich, den USA und China. Sie alle sind auf unserer Seite."

Zumindest was China angeht, könnte er Recht haben. Die Regierung in Peking signalisierte schon, dass sie auf Djotodia zugehen will. Chinas Hunger nach Rohstoffen vom afrikanischen Kontinent ist legendär - und die Zentralafrikanische Republik ist ein Land, das ihn stillen kann.

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