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Seit 00:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heuteAngst vor der Akteneinsicht27.11.2010

Angst vor der Akteneinsicht

Die ehemaligen Mitglieder der "Aktionsgruppe Banat" und ihr Umgang mit den Securitate-Akten

Immer häufiger wird bekannt, dass Intellektuelle in Rumänien für die Securitate gearbeitet haben und Kollegen bespitzelten. Viele Künstler und Schriftsteller scheuen sich nun davor, Akteneinsicht zu nehmen - aus Angst vor Enttäuschung über ihre früheren "Mitstreiter".

Von Thomas Wagner

Herta Müller hat den Fall Pastior scharf kommentiert (AP)
Herta Müller hat den Fall Pastior scharf kommentiert (AP)
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Die Erbschaft der Securitate

Werner Kremm arbeitet heute als Journalist und Übersetzer in Westrumänien. Anfang der 70er-Jahre, als junger Germanistik-Student und begeisterter Jungautor, traf er sich mit Gleichgesinnten wie Richard Wagner, Ernest Wichner, William Totok und anderen. Das war der Beginn der so genannten "Aktionsgruppe Banat". Man las sich gegenseitig Texte vor, zum Teil auch regimekritische: Alle Mitglieder wurden früher oder später zum Verhör bei der Securitate einbestellt. Alle wurden gegängelt, manche sogar verprügelt. Deshalb ist Werner Kremm heute zornig, wenn er über den Fall Oskar Pastior spricht:

"Wenn mir absurderweise ein Pastior-Preis angeboten würde, würde ich ihn nicht annehmen - eben weil ich keinen Preis annehmen würde, der letztendlich von einem ehemaligen Securitate-Spitzel gestiftet wurde."

Dass Pastior ein Mann der Securitate war, schmerzt. Balthasar Waitz, Autor aus Temeswar und früher ebenfalls Mitglied der "Aktionsgruppe Banat":

"Er war immerhin eine Vorbildfunktion für die junge rumäniendeutsche Literatur, auch für die Aktionsgruppe."

Weil das Vorbild von einst posthum als Securitate-Spitzel entlarvt wurde, bricht auch das Bild eines literarischen Ideals zusammen. Und davor haben Autoren wie Werner Kremm, die heute noch in Rumänien leben, große Angst. Kremm hat bislang darauf verzichtet, seine eigene Akte einzusehen:

"Ja also ich hab die Akte eigentlich nicht anfordern wollen, um die angenehme Erinnerungen über eine Zeit, die man erlebt hat, nicht zu trüben. Das war so die erste Reaktion. Denn ich wollte nicht, wie es anderen ergangen ist, in den Akten, in den Securitate-Beobachtungs-Dossiers entdecken, dass Leute, die mir lieb waren, mich nicht so nett behandelt haben."

Erst in den vergangenen Wochen und Monaten entschloss sich Kremm, doch noch einen Antrag auf Akteneinsicht zu stellen. Für sich persönlich sieht er die Notwendigkeit,

"... die unangenehmen Erinnerungen durch Belege zu korrigieren. Mit Sicherheit ergibt das dann eine Periode des Zweifels, des Selbstzweifels, des Zweifels an anderen. Das kenne ich ja auch von den Freunden, die bereits Akteneinsicht genommen haben. Ich hoffe, dass für mich selbst danach eine Periode der Klärung und der inneren Abklärung kommt."

Balthasar Waitz, der heute als Tageszeitungsredakteur in Temeswar arbeitet und nebenher noch Essays in literarischen Zeitschriften veröffentlicht, fällt ein milderes Urteil über Oskar Pastior. Aus seiner Sicht war Oskar Pastior eher Opfer denn Helfer der Securitate:

"Ich bin auch heute der Meinung, dass er in einer Position war als Homosexueller, als Intellektueller, als einer, der in der Öffentlichkeit war, als Schriftsteller, war er ein ideales Opfer für die Securitate. Er war nach den damaligen Kriterien des kommunistischen Regimes ein Opfer par exellence."

Durch seine Homosexualität und seine Texte sei Pastior erpressbar gewesen. Von daher sei die Unterschrift unter die Securitate-Verpflichtung erklärbar. Auch Balthasar Waitz hat bislang darauf verzichtet, seine eigene Akte einzusehen:

"In Sachen Lesen der Securitate-Akte... Also ich finde, das ist ein Buch, das die Securitate geschrieben hat. Und ich finde das gar nicht interessant. Lieber lese ich interessante und wertvolle Werke wie Kafka, von Herta Müller oder von anderen Autoren."

Da schimmert Angst durch - Angst vor dem, was in der Akte stehen könnte. Hinzu kommt die unzulängliche Aufarbeitung der Securitate-Vergangenheit in Rumänien: Dem "Consiliul National pentru Studierea Arhivelor Securitatii", einer Art rumänischer 'Gauck-Behörde', hat die Regierung zahlreiche juristische Fußfesseln bei der Herausgabe der Unterlagen angelegt. Doch auch für die meisten Intellektuellen Rumäniens scheint das Thema tabu. Werner Kremm:

"Eine Aufarbeitung aus dem Land durch die Intellektualität, durch die schreibende Intellektualität Rumäniens, ist nahezu inexistent."

Das sieht auch die aus Rumänien stammende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller so. Sie sorgte bei einem Besuch in Bukarest im September, also noch vor den Enthüllungen über Pastior, mit ihren Äußerungen für blankes Entsetzen in der rumänischen Autorenszene:

"Herta Müller hat ein Erdbeben in der rumänischen Intellektualität ausgelöst, indem sie den rumänischen Intellektuellen den Spiegel vorgehalten hat, in dem sie gesagt hat: Hättet Ihr Euch nicht damals so mit dem System arrangiert, wäre das System nicht so machtvoll geworden, wie es war. Auf alle Fälle hat Herta Müller so viel erledigt, dass sie heute zu einem Feindbild der rumänischen Intellektualität geworden ist."

Und da schließt sich der Kreis zum Fall Pastior: Gerade Autoren mit hohen moralischen Ansprüchen hätten nicht gezögert, sich ganz bewusst mit dem System zu arrangieren, meint Werner Kremm. Das lasse sich daran erkennen, dass während der Ceausescu-Diktatur so gut wie keine regimekritischen Manuskripte "für die Zeit danach" entstanden sind:

"Es hat geheißen, nach der Wende, also nachdem endlich die Freiheit über Rumänien gekommen ist, würde jetzt endlich die Schubladenliteratur veröffentlich werden. Nichts ist passiert: Es hat keine Schubladen-Literatur gegeben, weil die rumänische Intellektualität mentalitätsmäßig nicht dazu neigt, revolutionär zu sein!"

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