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StartseiteMusikjournalAusgegraben, kombiniert und uraufgeführt: "A Santa Lucia" 03.04.2017

Anhaltisches Theater DessauAusgegraben, kombiniert und uraufgeführt: "A Santa Lucia"

Die Oper "A Santa Lucia" des sizilianischen Komponisten Pierantonio Tasca wurde seit über 100 Jahren nicht aufgeführt. Sie gilt neben anderen Werken als einer der ersten Opern, die eine tragische Handlung bei den Ärmsten der Armen spielen lässt. Nun hat das Anhaltische Theater Dessau "A Santa Lucia" mit "Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagnis kombiniert.

Von Dieter David Scholz

Das Anhaltische Theater Dessau ist in Dessau-Roßlau, Aufnahme von 2014 (picture alliance / ZB)
Das Anhaltische Theater Dessau ist in Dessau-Roßlau, Aufnahme von 2014 (picture alliance / ZB)

Seit gut 100 Jahren wurde Pierantonio Tascas Oper "A Santa Lucia" nicht mehr gespielt hierzulande, obwohl sie bei ihrer Uraufführung 1892 an der Berliner Krolloper ein überragender Erfolg war. Die Oper wurde sofort auch in Wien, Hamburg, Prag, Triest, Manchester und Genua herausgebracht. Doch nachdem die renommierte Uraufführungssopranistin der weiblichen Hauptfigur, Gemma Bellincioni, die mit dem Stück durch ganz Europa tourte, sich von der Bühne zurückgezogen hatte, wurde "A Santa Lucia" vergessen. Das ausgrabungsfreudige Anhaltische Theater Dessau hat das zweiaktige, etwa 70-minütige Stück wieder ans Licht gezogen, nachdem Operndirektor und Dramaturg Felix Losert  Tascas Oper bei Recherchen in der Berliner Staatsbibliothek entdeckt und sofort als ideales Kombinationsstück für Pietro Mascagnis  ebenfalls nur gut einstündigen Einakter "Cavalleria rusticana" erkannt hat.  

"Wir haben hier in Dessau einen großen Erfolg gehabt bisher mit den Werken, die selten waren, wenn sie den Nerv des Publikums getroffen haben, wenn die von der Musik ergriffen waren, und mitgenommen wurden von der Regie. Das haben wir zum Beispiel bei der deutschen Erstaufführung von "Esclarmonde" von Massenets gemacht und das Publikum ist unglaublich mitgegangen, und wir setzen natürlich auf die Mundpropaganda, aber auch auf die Schönheit und die Folgerichtigkeit des Werks."

Darstellung von Leidenschaft und Grausamkeit des Alltags

Nach dem Vorbild der Oper "Cavalleria rusticana" galten Leoncavallos "Pagliacci", Giordanos "Mala vita" und Tascas "A Santa Lucia" als erste Opern, die eine tragische Handlung bei den Ärmsten der Armen spielen lassen. Pierantonio Tasca galt damit als ein wichtiger Vertreter der "jungitalienischen Schule" des sogenannten Verismo, einer musikalischen Bewegung, die sich auf der Opernbühne mit raffiniert orchestriertem musikalischem "Realismus" in der ungeschminkten Darstellung von Leidenschaft und Grausamkeit des Alltags der Menschen zuwandte. In "Cavalleria rusticana" geht es um eine am Ostersonntag in einem sizilianischen Bauerndorf spielende Liebestragödie, in der ein junger Mann, Turridu, zwischen zwei Frauen steht. Er verlässt eine von Ihnen, Santuzza, und wird von ihr beim Ehemann seiner anderen heimlich Geliebten verraten, woraufhin der ihn ersticht.

Arme-Leute Neapel der 1860er-Jahre

Tascas Oper "A Santa Lucia" porträtiert das gleichnamige Fischerviertel der Mittelmeermetropole Neapel. Es ist das Arme-Leute Neapel der 1860er-Jahre. Die Oper spielt am Meeresufer, in der Nähe der Kirche Santa Lucia, mit seinen Fischern, Händlern, Straßenverkäufern, Tavernen, Bettlern und Passanten.

In "A Santa Lucia" steht, ähnlich wie in Mascagnis "Cavalleria rusticana" ein Mann, der Fischer Ciccillo, zwischen seiner bettelarmen Geliebten Rosella, mit der er ein uneheliches Kind hat und seiner Anverlobten Maria. Um ihre Nebenbuhlerin aus dem Weg zu räumen, schürt Maria Ciccillos Eifersucht. Sie behauptet, seine Geliebte Rosella habe ein Verhältnis mit Ciccilos Vater. Mit dieser Intrige treibt sie Rosella in den Selbstmord.   

Die Musik des jungen Komponisten Pierantonio Tasca, der mit keiner seiner später entstandenen Opern noch solch einen Welterfolg feiern konnte, ist auf Augenhöhe mit Mascagni, meint der Dessauer Generalmusikdirektor Markus Frank:

"Zunächst Mal passt es inhaltlich, weil es eine ganz ähnliche Konstellation ist, die Personage ist genau die gleiche. Und was das Orchester angeht: Es gibt wirklich tolle Klangflächen, schöne Steigerungen. Und was der Tasca besonders gut macht, wie er in diesem Stück Fallhöhen komponiert. Also von der einfachen Kanzone , vom Volksliedhaften zu den dramatischen Steigerungen. Der Tenor stellt sich jeweils mit einem Lied im Volkston vor. Es gibt die großen Chöre, Eingangsszenen, die so ganz pralles Leben zeigen. Das ist den Stücken gemein. Und natürlich auch das dramatische Duett jeweils, am Ende des Aktes. Das ist schon ganz große Oper."

Bonbonfarbener Karnevalstraum unter blauem Wölkchenhimmel

So erfreulich die musikalische Wiederbegegnung mit dem vergessenen Opernjuwel Tascas verläuft, so enttäuschend ist die szenische Realisierung durch den Regisseur Holger Potocki, der "Cavalleria rusticana" und  "A Santa Lucia" in einer anspielungsreichen, symbolisch überfrachteten, für die meisten Zuschauer wohl unverständlichen Inszenierung präsentiert. Er zeigt den Mascagni-Einakter in nüchterner Hafenarchitektur, die Lena Brexendorff bauen ließ, als Traum Santuzzas vom Glück Rosellas. Es ist ein bonbonfarbener Karnevalstraum unter blauem Wölkchenhimmel vor rosenbestandenem Gartenzaun. Ein Bett im schwarzen Hafenwasser ist das psychologische Scharnier der beiden surreal ineinander verzahnten Opern. Das Bett teilen sich Santuzza, Rosella und deren Nebenbuhlerin Maria. Sie entsteigen beziehungsweise versinken in großer Opernpose und per Hubpodium wie Nixen.

Ihre vermeintliche Seelenverwandtschaft wird in friseurkünstlerischen Verwandlungs-Videoprojektionen beschworen. Alles durchdringt sich: Schwangerschaft und Tod, Liebesleidenschaft und Betroffenheit am Gedenkort des Selbstmords mit Teddybär und Grablichtern. Holger Potocki inszeniert mit dem Holzhammer im Regiebesteck. Der wahren Größe der ausgegrabenen Oper wird diese klischeehaft verkopfte Inszenierung leider nicht gerecht. Immerhin sorgen Markus Frank und die Anhaltische Philharmonie für ein eindrucksvolles, dramatisch aufwühlendes wie sensibles Klangerlebnis. Auch sängerisch ist die Aufführung auf hohem Niveau. Man kann alle Partien aus dem Hausensemble besetzen. Herausragend die Sopranistin Iordanka Derilova als Santuzza und Rosella, die Mezzosopranistin Rita Kapfhammer als Mama Lucia und Maria sowie der Tenor Ray Wade als Turridu und Ciccillo. Insofern lohnt sich der Besuch dieser Dessauer Produktion für den, der die vergessene Oper Pierantonio Tascas einmal hören möchte.

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