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StartseiteBüchermarktAnkommen in den 90ern26.05.2006

Ankommen in den 90ern

Andreas Mand schreibt über die Haltung zum eigenen Leben

"Paul und die Beatmaschine" von Andreas Mand handelt vom späten Erwachsenwerden des Paul Schade. Das Buch schildert die damit verbundenen Konflikte Satz für Satz, mit aller Konsequenz, aber immer mit einem zartbitteren Lächeln.

Von Michael Schmitt

Ein Schloss ist Hauptschauplatz des Buches, hier: Schloss Sanssouci in Potsdam. (AP)
Ein Schloss ist Hauptschauplatz des Buches, hier: Schloss Sanssouci in Potsdam. (AP)

Andreas Mand ist der Chronist einer Generation, die immer und gerne von sich selbst erzählt. Aber anders als etwa die Altersgenossen Reinhard Mohr oder Matthias Politycki, die auch Mitte, Ende der 50er Jahre geboren worden sind, hat er die Lebenswege von seinesgleichen nie als die Geschichte einer an den Rand gedrängten Generation bejammert, er hat keine geistigen oder sonstigen Führungsansprüche eingefordert und das eigene Herkommen aus der aufstrebenden Bundesrepublik auch nie sentimental glorifiziert.

Andreas Mand hat statt dessen schon in den 80er Jahren begonnen, dem eigenen und dem fremden Leben seiner Altersgenossen mit dichten Beschreibungen nachzuspüren, er hat Bücher wie "Grovers Erfindung" oder "Das rote Schiff" geschrieben und darin das Leben im Pfarrhaushalt der 60er genauso wie das WG-Leben unter Studenten im Osnabrück der 80er Jahre inspiziert: Die Lebensentwürfe, die Beziehungen, die kleinen Niederlagen, die Tagträume - immer nahe am Alltag mit seinen Reibereien und explizit weit weg von allen großen gesellschaftlichen Fragen. Dass man letztere aber trotzdem in seinen Büchern als wirksame Faktoren im Leben seiner Protagonisten herausspürt - das alte Protestpotenzial der No-Future-Generationen genauso wie die Verengung der gesellschaftlichen Perspektiven –, das macht die große Kunst dieser frühen Bücher aus.

Seit Mitte der 90er hat man dann kaum mehr etwas von Andreas Mand gehört. Hätte der Literaturwissenschaftler Moritz Basler seine frühen Bücher nicht überschwänglich unter die Ahnen der deutschen Pop-Tradition eingereiht, man hätte ihn für vergessen halten können, ungeachtet aller guten Kritiken von einst. Nun aber hat Andreas Mand sich zurückgemeldet, mit einem Roman, der einerseits wie eine kleine bitterböse Abhandlung auf den subventionierten Kunst- und Kulturbetrieb gelesen werden kann, der aber vor allem ein Buch über das herannahende Ende einer unentschlossenen, wenn nicht gar indifferenten Haltung gegenüber dem eigenen Leben, wenn um den 30. Geburtstag herum die arg verlängerte Adoleszenz allmählich keinen Spaß mehr macht und so etwas wie erwachsene Ernsthaftigkeit an deren Stelle treten sollte.

Erzählt wird von einem durch Stipendien finanzierten Jahr im Leben von Paul Schade, der schon einen Roman veröffentlicht hat und der nun nach Stuttgart ins Schloss Solitude eingeladen wird, um dort in Ruhe an einem weiteren Werk zu arbeiten. Das Schloss als edles Refugium für Kunst-Adepten ist hinreichend bekannt, man sollte ihm nichts schlechtes nachsagen. Aber so wie Mand das Leben zwischen Künstlern, Kulturverwaltern und Initiationsritualen schildert, ist es auch nicht unbedingt erstrebenswert, vor allem dann nicht, wenn man, wie Paul Schade - den treue Mand-Leser schon aus Romanen wie "Das rote Schiff" kennen - mit all den Skrupeln aufgewachsen ist, die ein auf Unabhängigkeit bedachter angehender Schriftsteller gegenüber den Mechanismen des Business in sich trägt.

Will sagen: Paul weiß, dass sein Leben allmählich nach mehr äußerer Form verlangt, als es eine schlecht beheizte Kleinstwohnung in Berlin und eine halbherzig aufrechterhaltene langjährige Beziehung bislang gestatten. Aber er geht auf Distanz, wenn er die Rituale im Schloss oder die Tändeleien mit Kuratoren und anderen Kunstförderern erlebt. Andere tun sich damit leichter, und somit kommen wir zum Kern der Geschichte: Denn Paul lernt die bildende Künstlerin Suzanna kennen, die mit ihren beiden kleinen Kindern ebenfalls im Schloss lebt und arbeitet, die in Schweden zuhause und in Osteuropa geboren ist. Anders als Paul stürzt sie sich geradezu in diesen Betrieb, sucht nach Chancen und Kontakten und ist unter all den Nachwuchskünstlern natürlich die interessanteste und die vitalste Person. Binnen kurzem ist sie auch Pauls neue Freundin. Der Schriftsteller bringt es also auf dem kürzestmöglichen Weg zu so etwas wie einer Kleinfamilie und damit zu einem neuen Status.

Aber genauso schnell stellen sich auch neuerliche Skrupel ein. Denn Suzanna verlangt natürlich etwas von ihm, wenn aus ihrem gemeinsamen Leben etwas werden soll: Selbstvermarktung, professionelleres Arbeiten, ganz allgemein gesprochen alles das, was man braucht, damit Kinder nicht hungern und frieren. Und Paul hat ja auch gar nichts dagegen, nur kann das nicht alles sein.

Es gibt wenige Menschen, die wissen, wie Paul aussieht, wenn er mal glücklich ist, heißt es an einer Stelle. Und das ist ein zentraler Satz über diesen Helden. Paul sagt immer innerlich "ja" und "nein" zugleich, er ist verliebt und bleibt melancholisch, und diese innere Anspannung lässt sich auch nicht "wegficken". Paul ist ein unverbesserlicher "Vergangenheitskünstler", weil er nämlich immer wieder fragt, ob es früher vielleicht unter anderen Menschen bessere Chancen auf mehr Eigenständigkeit, auf mehr Wahrhaftigkeit und mehr Nähe gegeben haben könnte. Er ist auch früher nicht glücklich gewesen, denn er war immer schon gegen alles und für nichts. Er ist nur einfach der talentierteste Mensch unter der Sonne, wenn es darum geht, das Verschwinden offener Horizonte beim Älterwerden mit aller Heftigkeit zu durchleiden.

Er will bei allem, was er tut, vor allem sein Bestes geben, um nicht abhängig zu sein. Und das wirkt in den Augen seiner potenziellen Förderer fast schon renitent. Zumindest aber ist es anstrengend für die Außenstehenden. Und so wie Paul tickt, sind alle anderen immer nur Außenstehende. Er unternimmt Ausbruchsversuche, reist an die Stätten seiner Jugend, zu den alten Kneipen und zu den ehemaligen Freundinnen, die mittlerweile geheiratet und Kinder bekommen haben. Aber all das hat mit den uneingelösten Hoffnungen früherer Jahre nichts mehr zu tun, wenn es dort einmal um mehr, als um ein leidlich geordnetes Leben gegangen ist, dann ist davon nichts mehr zu spüren.

Nichts glänzt mehr, wenn er das alles aus der Distanz anschaut - und trotzdem will er nichts davon verlieren - denn Paul Schade will vor allem "Paul sein" und zu diesem "Paul" gehört das alles dazu. Nichts anders wie Suzanna und ihre Kinder. Ist es dass, was mit Erwachsenwerden gemeint ist?

"Paul und die Beatmaschine" trägt diesen Konflikt Satz für Satz, mit aller Konsequenz, aber immer mit einem zartbitteren Lächeln aus. "Paul und die Achsenzeit seiner Generation" könnte man auch dazu sagen, denn wer mit dem seinerzeit angesagten Oppositionsgeist der 80er aufgewachsen ist, der kann nur um den Preis einer massiven Verdrängung in den schicken 90ern ankommen.

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