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StartseiteBüchermarktAnmut der Wiederholung03.11.2003

Anmut der Wiederholung

Zygmunt Haupt über Ringe aus Papier

Lehrer-Schüler-Beziehungen gibt es hierzulande kaum mehr, auch nicht in der Literatur. Junge deutsche Autoren kennen, so war einer vor kurzem erschienenen Anthologie zu entnehmen, keine Autorität mehr, der sie nacheifern wollen wie noch Günter Grass Alfred Döblin. Anders sieht es im europäischen Ausland aus: in Ungarn hat Péter Nádas Miklós Mészöly seinen "Meister" genannt, in Polen huldigt Pawel Huelle dem großen "Bafler" Bohumil Hrabal und Andrzej Stasiuk – jener 41-jährige, sehr erfolgreiche Schriftsteller, der in "Die Welt hinter Dukla" die ärmliche Einöde an der Grenze zur Ukraine zum Beginn der Welt und des Seins verzaubert –, Andrzej Stasiuk also verehrt Zygmunt Haupt.

Von Jörg Plath

Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Suhrkamp Verlag)
Coverausschnitt des besprochenen Bandes (Suhrkamp Verlag)
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Dank dieser Verehrung liegen Haupts Erzählungen Der Ring aus Papier nun bei Stasiuks Verlag Suhrkamp auf Deutsch vor. Erschienen sind sie 1963 im wichtigen polnischen Exilverlag "Kultura" in Paris, wo auch Witold Gombrowicz und Ceslaw Milosz verlegt wurden. Es war das einzige Buch, das der Emigrant zu Lebzeiten veröffentlichte. Seit der Wiederentdeckung in Polen vor sechs Jahren wird er zuweilen der "polnische Proust" genannt – unzutreffend zwar, was Wahrnehmung und Erinnerungskonzeption angeht, doch nicht ganz falsch, was den literarischen Rang betrifft.

Gleich in der ersten, düster-eindrucksvollen Erzählung "Totenmahl im Winter" über das Begräbnis der Großmutter meldet der jugendliche Ich-Erzähler instinktiven Widerstand gegen die Kunst an. Der Vater erzählt eine Geschichte, um einen Ortsnamen zu erklären, doch sie geht so glatt auf, dass der Junge sie nicht glaubt und für reine Erfindung hält – also für Kunst. Wahr sei jedoch das nicht logische, nicht ohne Rest erklärbare Leben. En passant entwirft die Erzählung so eine Poetik des Geheimnisses, aufbauend auf dem zentralen Gegensatz der Moderne zwischen Kunst und Leben.

Zygmunt Haupt ist ein Wortzauberer, und seine Erzählungen sind recht ungewöhnliche Gebilde. Mit Akribie zeichnen sie die Topographie der äußeren Welt nach und lassen sie mühelos zum Abbild der inneren Stimmung werden. Alles Nichtige ist wichtig, solange es nur unsere inneren Empfindungen betrifft, heißt es einmal. Was Haupt beschreibt, ist gefühlt. Oder andersherum: Die äußere Welt ist nur wahr, sofern sie gefühlt ist, und dieses einstige Fühlen noch einmal fühlbar zu machen, sich darin wieder zu finden, danach strebt Zygmunt Haupt.

Dennoch oder gerade deswegen schaut Haupt so genau wie kaum ein zweiter um sich. Die Erzählungen handeln von unglücklichen Lieben, von der Jagd, dem Winter, dem Regen, Ausflügen oder dem Soldatenleben. In ihnen aufbewahrt sind Landschaftsbilder von wunderbarer Intensität und voller Details, Gerüche etwa und heute vergessene Gegenstände. Aber durch sie hindurch scheint eine innere Wirklichkeit auf, die die äußere schwerelos werden lässt. Der Erzählstrom gleitet beständig abweichend dahin. Keine Plots werden erzählt, und Kohärenz oder Stimmigkeit kümmern den Autor überhaupt nicht. Er organisiert Elemente, die, so Haupt, einen "gemeinsamen Resonanzboden in Schwingungen versetzen" sollen. Näher an der Poesie kann Prosa nicht sein. In der Erzählung "Regen" etwa werden vielerlei Regen erinnert, und nur am Rande fällt die Bemerkung, dass der gedankenversunkene Ich-Erzähler – natürlich kennt Haupt nur Ich-Erzähler – ein Killer ist, der auf sein Opfer wartet.

Schreibend holt Haupt die Vergangenheit zurück, in der er selbst enthalten ist. Ein Detail genügt, um alles Erlebte aufzurufen. Auch wenn es in einer späteren Erzählung einschränkend heißt, nicht mehr alle Teile des Ganzen, nur noch "Bruchstücke meiner selbst" seien zurückzuerlangen, unterscheidet sich Haupt mit dieser vormodernen Vorstellung vom Gedächtnis als Speicher grundlegend von Prousts unwillkürlicher, nicht verfügbarer Erinnerung. Möglicherweise muss ein Exilant, der alles hinter sich gelassen hat, so denken, um zumindest etwas von sich als unveräußerlichen Bestand festhalten zu können.

Über den Autor informiert die Übersetzerin Esther Kinsky in ihrem umfassenden Nachwort: Haupt wurde 1907 in Podolien, einem zwischen Österreich, der Ukraine und Polen hin- und herwechselnden Landstrich, als Sohn eines Lehrers geboren, verließ Polen 1939, gelangte über Ungarn nach Frankreich und 1940 nach England. Sieben Jahre später siedelte er mit seiner amerikanischen Frau in die USA über, wo er 1975 starb.

Andrzej Stasiuk sieht in Zygmunt Haupt einen Meister seines eigenen poetischen Verfahrens. Dessen Prosa mit ihrer innigen Verwobenheit von Außen und Innen, von Gedanken und Dingen, schreibt er im Nachwort, vermag die Zeit anzuhalten und lässt den Verstand die Waffen strecken. Sie schenke die Rückkehr ins Paradies, in den Zustand vor Wissen und Unterscheidung. Haupt muss diese Erfahrung schon beim Schreiben gemacht haben. Hatte er eine Erzählung beendet, wollte er nichts mehr an ihr ändern, auch nicht ihre Sprünge, Brüche, gelegentlichen Wiederholungen und Dunkelheiten. Glücklicherweise.

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