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StartseiteBüchermarktAnnäherung an unzählige Variationen der Wirklichkeit22.02.2007

Annäherung an unzählige Variationen der Wirklichkeit

Lobo Antunes lässt eine Familie nebst Geliebten sich erinnern

Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit, sagt der portugisiesche Schriftsteller Antonío Lobo Antunes, die er als Variationen in seinen Romanen versucht abzubilden. So lässt er in "Einen Stein werde ich lieben" nicht allein einen alternden Herrn aus dem Lissabonner Mittelstand erzählen, der sich mithilfe von zehn Fotos erinnert. Dessen verbitterte und alt gewordene Geliebte kommt bei zehn Arztbesuchen ebenfalls zu Wort.

Von Kersten Knipp

Der Turm von Belem in Lissabon - ein Bild mit Erinnerungwert für viele Portugalreisende. (AP Archiv)
Der Turm von Belem in Lissabon - ein Bild mit Erinnerungwert für viele Portugalreisende. (AP Archiv)

Marcel Proust war ein begnadeter Erinnerungskünstler: Ein Biss nur in eine Madeleine, ein süßliches Teiggebäck, und er konnte sich kaum mehr retten vor Erinnerungen. Der süße Geschmack löste sie aus, setzte längst vergessene Empfindungen, Eindrücke, Wahrnehmungen frei, katapultierte ins Bewusstsein, was bis dato in den tiefen Gemächern der Seele lag. Der Mensch vergisst nichts, konnte man aus dieser Szene lernen, er behält alles, wenn er die Erinnerungen nur zu wecken weiß.

Die Art von Offenbarung aber, deren Proust sich einst erfreute, scheint sich heute verflüchtigt zu haben. Kaum einer jedenfalls, der in einen Keks oder Kuchen bisse, und dann von mächtigen Erinnerungsschüben überfallen würde. Gut also, dass es Fotos gibt. Private Bilder aus dem Familienalbum, Schnappschüsse oder auch gestellte Szenen, die an die alten Jahre erinnern.

Zehn solcher Fotos sind es, anhand derer sich ein gealterter Herr aus bestem Lissabonner Mittelstand sein eigenes Leben in Erinnerung ruft, zehn Fotos, die die verschiedenen Orte und Zeiten seines Lebens festhalten, aneinandergereiht die großen Stationen seiner Biographie ausmachen: Kindheit. Ausbildung. Eine Reise durchs große portugiesische Kolonialreich. Hochzeit, Kinder, die gesamten Insignien einer gutbürgerlichen Karriere.

Soweit die offizielle, die öffentlichkeitsfähige Seite dieses Lebens. Dann aber drängt sich eine andere, zu verbergende Geschichte in diese Biographie. Auch sie offenbart sich über ein Photo. Eine Strandszene. Am Rande eine schemenhaft Gestalt, ganz offensichtlich aber eine Frau, eine junge Frau. Eine damals junge Frau. Begehrenswert offenbar, denn irgendwann wurde sie zur Geliebten des Lissabonner Patriziers und blieb es, über 50 Jahre lang.

Eine verbotene Liebe. Und eine verborgene Geschichte. Eine Zeitlang zumindest, denn irgendwie kommt sie ans Licht, auch wenn niemand darüber spricht, auch nach dem Tod des Patriarchen nicht, und das, obwohl sie doch einen zentralen Teil seines Lebens ausmacht. Doch den Kern eines Lebens, meint Lobo Antunes, kann man ohnehin nicht erfassen. Wie ein Romancier ohnehin vor den Regungen eines Lebens steht, die sich der Sprache eigentlich entziehen.

"Die Wirklichkeit ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit. Ich las vor einiger Zeit einen französischen Kritiker aus dem 19. Jahrhundert. Er sagte, es gibt keine Tiefe in den Dingen. Was es gibt, ist eine unzählige Variation der Oberflächenphänomene. Mir geht es darum, von diesen Oberflächen zu sprechen, ich versuche das ganze Leben in seiner Oberfläche in den Seiten meiner Romane abzubilden - das Leben mit seinen Gefühlen, Regungen. Denn im Grund ist ein Roman ja der Versuch, in Worte zu fassen, was sich nicht in Worte fassen lässt. Das Problem ist immer, mit Worten zu erfassen, was sich kaum erfassen lässt."

Und so bleibt es denn bei den Andeutungen. Andeutungen allerdings, die diese verbotene Liebe deutlich genug zur Sprache bringen. Und vielleicht würden noch deutlichere Worte gesprochen, wenn der Autor sie zuließe. Aber Lobo Antunes versteht sich als Meister der Anspielung, des diskreten, verhaltenen Worts, eines Wortes, dem er die direkte Aussprache verweigert, das er bricht, dem er sich konsequent in den Weg stellt, oder besser: dem er viele andere Worte, viele andere Sprecher entgegenhält.

Die Erinnerungen kommen nämlich, anders als bei Proust, nicht in Form einer mehr oder weniger geordneten Rede daher, sondern als Mosaik unterschiedlicher, konkurrierender Stimmen. Immer wieder brechen in den Erinnerungsmonolog die Schilderungen der anderen herein, der Familienmitglieder zumeist. Ihre Rede verselbständigt sich, zieht kaum kontrollierbar durch die Vorstellung des alten Mannes, erscheint in Form direkter Einwürfe, Wortreihen, Satzfetzen. Bis zum Äußersten zerrissen erscheinen so die Erinnerungen, ergeben ein Bild, das sich gegen den Ansturm der Stimmen der anderen nur mühsam behauptet. Scharf grenzen sich die Stile voneinander ab - und eben diese formale Angrenzung, meint Lobo Antunes, ist im Grunde die einzige, die ein Autor überhaupt erfassen kann.

"Wir Menschen ähneln einander sehr. Die fundamentalen Probleme sind alle dieselben, und so kommt es darauf an, Differenzen etwas in der Sprache, im Sozialverhalten herauszuarbeiten. Da liegen die Unterschiede. Man mag die Dinge verschieden ausdrücken, sie mögen sich in unterschiedlichen Orten und Jahrhunderten unterschiedlich formuliert werden, aber grundsätzlich sind sie dieselben, denn die Menschen ähneln sich - überall auf der Welt und zu allen Zeiten."

Vor allem sprechen die Menschen mit unterschiedlicher Intensität. Den Ton in der Familie gab über Jahrzehnte der Patriarch, der Vater an. Seine Frau, seine Kinder hingegen kamen kaum zu Wort. Und noch weniger durfte die Geliebte sich äußern. Sie hatte zu warten, Jahr um Jahr, auf den einen Tag pro Woche, den der Liebhaber ihr zugestand, die verschwitzten Momente in einem Lissabonner Stundenhotel. Die Frau fürs Grobe. Also schweigt sie, die alternde Frau, aus deren Leben irgendwann nichts mehr werden kann.

Liebe macht blind, heißt es, und hier trifft sie die schale Binsenweisheit ganz besonders zu. Denn eine Familie verschmäht die verliebte, verblendete junge Frau, immer in der Hoffnung, dass mehr aus der verbotenen Affäre würde. Doch es wird nicht mehr. Und eines Tages ist die junge Frau nicht mehr jung, sondern alt. Der Leser erlebt sie als 82-Jährige, als Patientin, die wegen diffusen Unwohlseins einen Arzt aufsucht, dem sie ihr Leid, das physische, andeutungsweise aber auch das psychische, anvertraut.

Zehn Besuche werden es, zehn Gelegenheiten, zu sprechen, zehn Gelegenheiten, ihre Sicht der Dinge darzulegen, eine Sicht, die man kaum als heiter bezeichnen würde. Sondern eher schwarz, rabenschwarz, wie so viele Passagen in den Romanen des Lobo Antunes. Vielleicht färbt ja das Land, färbt die im 20. Jahrhundert ja so düstere politische Geschichte seines Heimatlandes Portugal auf den Autor ab?

"Ich denke beim Schreiben nie an Portugal. Meine früher Bücher waren sehr autobiographisch, und auch wenn sie bisweilen düstern erscheinen, so gilt doch, dass für mich die Dinge im Allgemeinen nicht sehr traurig sind, im Gegenteil, sie sind sogar recht heiter. Wenn ich selbst ein Buch lese, freue ich mich nicht so sehr an der Geschichte, dem Plot, sondern an einem gut gebauten Satz, einem treffenden Satz. Ich bin also kein Pessimist, wenn ich schreibe, bin ich so beschäftigt damit, die Probleme zu lösen, die das Buch mir stellt, dann bin nicht ausschließlich mit diesen Herausforderungen befasst, mit technischen Problemen - und in der Literatur sind diese Probleme genauso gewaltig wie in der Physik oder der Chemie."

Aber Lobo Antunes hat die Probleme gemeistert. Und so fügt sich das bisweilen recht schrille Konzert der Stimmen am Ende zum großen Ganzen zusammen, das gerade durch die Dissonanz seine Größe enthält. "Eu hei de amar uma pedra", heißt das Buch im Originaltitel, den Maralde Meyer-Minnemann wortgetreu ins Deutsche übertragen hat. Aus gutem Grund: Denn so heißt auch der Titel eines portugiesischen Volkslieds, und man kann sich denken, in welch klagender Weise es erklingen mag.

Dass hingegen das Buch nicht in Richtung Kitsch kippt, angesichts der in das steinerne Herz des Patriarchen verliebten Alten nicht zum Rührstück wird, das verdankt sich vor allem der Inszenierungskunst von Lobo Antunes. Und so wird am Ende auch klar, warum Erinnerung bei ihm über Fotos läuft und nicht über französische Madeleines: Sie würden ungenießbar bitter schmecken. Die süßen Erinnerungen eines Marcel Proust sind auch in Portugal längst vorbei.

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