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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Land wird zur Blackbox05.05.2018

Anschläge in AfghanistanDas Land wird zur Blackbox

Die größte Luftoffensive seit 2011, andauernde Kämpfe in Helmand - wen interessiert das noch, fragt Jürgen Webermann. Vielleicht wolle man im Westen gar nicht so genau wissen, was in Afghanistan vorgehe - um sich so weiter vehement für die Abschiebung von Flüchtlingen nach Kabul einsetzen zu können.

Von Jürgen Webermann

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Zwei Journalisten umarmen sich auf einer Straße. Bei mehreren Bombenanschlägen in verschiedenen Teilen Afghanistans sind Dutzende Menschen getötet worden, darunter auch Journalisten bei ihrer Arbeit vor Ort. (dpa-Bildfunk / AP / Massoud Hossaini)
Bei mehreren Bombenanschlägen in verschiedenen Teilen Afghanistans sind Dutzende Menschen getötet worden, darunter auch Journalisten bei ihrer Arbeit vor Ort. (dpa-Bildfunk / AP / Massoud Hossaini)
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"Wir haben heute Reporter verloren, die keine Angst hatten, immer wieder zu den Anschlagsorten zu eilen, um die Welt wissen zu lassen, was hier in Afghanistan geschieht." Diese Zeilen schrieb ein afghanischer Journalist, mit dem wir in Kabul eng zusammenarbeiten. Die Opfer des Anschlags am Montag nannte er seine "besten Kollegen". Und trotzdem hat er die Kraft aufgebracht und über ihren Tod berichtet.

Denn die Welt weiß nicht mehr so genau, was in Afghanistan vor sich geht. Die Bombe in Herat, die Belagerung der Provinzhauptstadt von Farah, die toten Kinder nach dem Bombenangriff in Kundus, die zehntausenden Flüchtlinge seit Januar, die andauernden Kämpfe in Helmand oder selbst die größte Luftoffensive der Amerikaner seit 2011 – all das schafft es kaum noch in unsere Nachrichten. Jeder noch so sinnlose Tweet von Donald Trump ist offenbar bedeutsamer. Afghanistan? Wen interessiert das noch? Terror gibt es ja auch bei uns in Europa. So einen Satz hören wir tatsächlich immer wieder.

Dann schauen wir doch mal auf den Alltag in Kabul. Eine Stadt, zugepflastert mit Sprengschutzmauern. Überall Panzer und Soldaten. Viele Diplomaten fliegen nur noch mit dem Hubschrauber zu ihren Terminen oder zum Flughafen, weil ihnen die Autofahrt zu riskant ist. Ausländische Korrespondenten schreiben ein Testament, bevor sie nach Kabul fliegen. Und Interviewpartner zeigen vor Beginn des Gesprächs schon mal den Weg zum nächsten Bunker, man weiß ja nie.

Auch in unserem Gästehaus in Kabul gibt es einen Bunker. Und außerdem auf jedem Flur ein Stahlgitter. Das soll gegen Angriffe mit Granatwerfern helfen. Wir haben auch einen sogenannten Tracker dabei, damit unsere Sicherheitsleute wissen, wo wir sind. Es könnte ja sein, dass wir überfallen und entführt werden oder jemand im Stau die Gelegenheit nutzt und eine Haftbombe unter das Auto packt.

Fährt ein NATO-Konvoi vor uns, dann halten wir weiten Abstand – solche Konvois sind beliebte Ziele von Selbstmordattentätern. Auf den Straßen lassen wir uns ohnehin nur sehen, wenn es nicht anders geht. Und mal eben raus fahren aus der Stadt? Viel zu gefährlich. Vor den Toren Kabuls liegt das Talibanland. Man muss schon einen verdammt guten Grund haben, um das Risiko auf sich zu nehmen. Oder man schließt sich der US-Armee oder der Bundeswehr an. Das ganze Bild erhalten wir dadurch mit Sicherheit nicht.

Viele Nachrichten dringen nicht mehr aus Afghanistan heraus

Auch deshalb dringen viele Nachrichten nicht mehr raus aus Afghanistan. Selbst die Vereinten Nationen betonen immer wieder, dass ihre Zahlen über zivile Opfer alles andere als belastbar seien. Viele Zwischenfälle lassen sich nicht ermitteln.

Vielleicht aber wollen viele Menschen bei uns im Westen gar nicht so genau wissen, was in Afghanistan vor sich geht. Zum Beispiel einige Politiker, die sich vehement für Abschiebungen nach Kabul einsetzen. Es sind Abschiebungen in ein Land, das selbst der Oberkommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan als "Land im Krieg" bezeichnet. Kabul, so der US-General weiter, sei eine "Stadt, die von einem entschlossenen Feind angegriffen wird". Kann man sich eigentlich noch klarer ausdrücken?

In dieser Woche starben in Afghanistan zehn mutige Journalisten, darunter ein BBC-Mitarbeiter, der im Osten des Landes erschossen wurde, und eine junge Radioreporterin, die erst Ende April ihren Job angetreten hatte.

Wir können noch nicht abschätzen, wie sehr all das nachwirken wird bei all den anderen mutigen afghanischen Journalistinnen und Journalisten, die weiterhin jeden Tag ihr Leben riskieren, die regelmäßig bedroht werden, nicht nur von Extremisten, sondern auch von Kriminellen oder Kriegsfürsten. Die kein Ticket raus aus Afghanistan haben, so wie wir ausländischen Korrespondenten.

Die aber auch nicht aufgeben wollen, weil die Welt wissen soll, was in ihrem Land geschieht.

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