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StartseiteInterview"Boko Haram hat sich dezentralisiert"19.11.2015

Anschläge in Nigeria"Boko Haram hat sich dezentralisiert"

Boko Haram terrorisiert Nigeria mit neuen Anschlägen. Der Afrika-Experte Robert Kappel sieht aber in einem militärischen Vorgehen nicht die Lösung. "Man muss die moderaten islamischen Führer gewinnen, um den Kampf auf sozialer und ideologischer Ebene aufzunehmen."

Robert Kappel im Gespräch mit Jasper Barenberg

Der Afrika-Experte Robert Kappel (imago stock & people)
Der Afrika-Experte Robert Kappel (imago stock & people)
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Boko Haram sei eine "flexible Organisation, die in den Nachbarstaaten und im Süden Nigerias neu anfängt", sagte Kappel. "Wir können nicht davon ausgehen, dass Boko Haram jetzt verschwindet." Mit vielen Einzeltätern verfolge Boko Haram nun eine andere Strategie. "Boko Haram hat sich nach den Verlusten dezentralisiert. Es gibt nun kleine Gruppen, die schnell agieren." Die neuen Attentate seien ein Hinweis darauf, dass Boko Haram nun "neu zuschlägt".

Boko Haram sei aber nicht alleine ein Problem Nigerias. Auch in den Nachbarländern sei die Organisation aktiv. Nigeria leide aber besonders, 1,2 Millionen Menschen sind nach Angaben Kappels auf der Flucht vor den Terroristen. Nigeria und seine Nachbarn müssten gemeinsam mit Europa dafür sorgen, dass den Menschen im Norden Nigerias eine Perspektive gegeben wird. 


Das Interview in voller Länge:

Jasper Barenberg: Im Schatten der Anschläge von Paris gewissermaßen geht auch im Westen Afrikas das Morden im Namen des Islam weiter. In Nigeria haben innerhalb von nur 24 Stunden drei Selbstmordattentäter mindestens 49 Menschen in den Tod gerissen. In der Stadt Yola im Nordosten zündete der Attentäter einen Sprengsatz und tötete 34 Menschen. In der Stadt Kano starben 15 weitere beim Angriff von zwei Selbstmordattentäterinnen. Hinter beiden Taten vermuten die Behörden, vermutet die Regierung die Terrorgruppe Boko Haram. Die sunnitischen Extremisten haben vor einigen Monaten der IS-Miliz die Treue geschworen. - am Telefon ist der Afrika-Kenner Robert Kappel vom Leibniz-Institut für globale und regionale Studien in Hamburg. Schönen guten Morgen.

Robert Kappel: Guten Morgen, Herr Barenberg.

Barenberg: Herr Kappel, in den letzten Wochen war es vergleichsweise ruhig im Westen Afrikas, in Nigeria. Es hat keine Anschläge mehr gegeben, es wurden keine Anschläge mehr berichtet. Welche Erklärung haben Sie für diese neue Welle der Attacken, muss man ja schon sagen?

Kappel: Na ja, die Boko Haram Organisation hat sich ja nach den Verlusten, die sie in den letzten Monaten erlitten hat, weil die Armee sehr stark gegen sie vorgegangen ist, wieder neu orientiert, neu aufgestellt und hat sich vor allem dezentralisiert aufgestellt: Kleine Gruppen, die irgendwo agieren, die man nicht so schnell fangen kann. Das sind Guerilla-Kämpfer und die haben kleine Attacken hier und da durchgeführt und jetzt in den letzten Tagen auch Attentate vorgenommen, bei denen sehr viele Menschen gestorben sind. Sie haben Kano erwähnt, gestern Nacht auch in Abuja, in der Hauptstadt, in Yola. Das sind jetzt Hinweise darauf, dass Boko Haram wieder neu zuschlägt.

6.000 Tote durch Boko Haram in Nigeria

Barenberg: Sie haben es angesprochen: Die Regierung, der Präsident setzen auf die Streitkräfte im Kampf gegen Boko Haram. Er hat auch gesagt, dass da einiges erreicht worden ist. Nun sieht das, wenn wir uns die Anschläge jetzt wieder angucken, nicht so aus, als sei das eine gelungene Kampagne, um die Gewalt einzudämmen.

Kappel: Ja, das reicht nicht aus. Buhari, der Präsident Nigerias, war ja auch vor einer Woche in Yola und hat dort gesagt, wir haben Boko Haram jetzt eingedämmt. Closed to defeat, wir haben sie fast vernichtet. Und ein paar Tage später findet hier einer der großen Anschläge wieder statt mit 30 Toten und 80 Verletzten. Das Militär hat Boko Haram aus dem Sambisa Forest weitgehend zurückgedrängt. Aber Boko Haram ist auch eine sehr flexible Organisation, die dann in die Nachbarstaaten ausgewichen ist und in den Süden Nigerias und jetzt wieder neu anfängt, trotz der Unterstützung der USA. Die haben 300 Soldaten nach Kamerun geschickt. Frankreich ist auch aktiv. Wir können nicht davon ausgehen, dass Boko Haram jetzt verschwindet. Der Punkt ist: Boko Haram hat extrem zugeschlagen. Es gibt allein in diesem Jahr 15.000 Tote in Nigeria, wovon 6000 allein auf das Konto von Boko Haram gehen. Der Rest ist durch Aktionen der Armee hervorgerufen worden. Also ein sehr intensiver Kampf, den wir tatsächlich aus dem Blick verloren haben.

Ein nigerianischer Soldat in der Hauptstadt Abuja (dpa / picture-alliance / Pius Utomi Ekpei)Ein nigerianischer Soldat in der Hauptstadt Abuja (dpa / picture-alliance / Pius Utomi Ekpei)

Barenberg: Und bei dem es scheint, als stünde die Regierung samt ihrer Streitkräfte auf verlorenem Posten.

Kappel: Auf verlorenem Posten würde ich nicht sagen. Aber wir müssen die Aufmerksamkeit wieder nach Nigeria richten. Wir müssen sehen, dass man das Problem nicht militärisch lösen kann. Eine sehr kleine Organisation mit sehr vielen Einzelkämpfern, auch Selbstmordattentäterinnen - die Attentäter werden auch immer jünger - hat eine andere Strategie. Die kann man nicht mit militärischen Mitteln allein bekämpfen. Man muss sich überlegen, dass man die moderaten islamischen Führer im Norden gewinnt, den Kampf gegen Boko Haram auch auf der sozialen und auch der ideologischen Ebene aufzunehmen. Man muss etwas tun, damit die Menschen in Nordnigeria auch eine Perspektive haben. Das vollkommene Versagen der Verwaltung in Nordnigeria ist ja auch ein Hinweis darauf, dass wir noch nicht neu denken in Richtung Zivilisierung eines Konfliktes, und hier hat die Regierung Buhari zwar militärisch was gemacht, aber alle anderen zusätzlichen Maßnahmen hat sie noch nicht ergriffen und von daher werden wir weiter Aufstände haben. Wir werden weiter Attentate von Boko Haram haben und wir werden auch eine Kooperation von Boko Haram mit anderen islamistischen Gruppen im Sahel haben.

"Menschen in Nordnigeria brauchen eine Perspektive"

Barenberg: Sie haben von der Notwendigkeit gesprochen, den Konflikt zu zivilisieren. Das heißt, andere als militärische Maßnahmen zu ergreifen. Ist die Regierung dazu nicht bereit, oder ist sie dazu nicht in der Lage?

Ausgebrannter Prüfungsraum einer staatlichen Schule in der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias (dpa / picture alliance / Henry Ikechukwu)Ausgebrannter Prüfungsraum einer staatlichen Schule in der Stadt Chibok im Nordosten Nigerias (dpa / picture alliance / Henry Ikechukwu)

Kappel: Es gibt einen großen Unterschied zu der Vorgängerregierung von Jonathan. Die haben überhaupt nicht gesehen, dass man sich darum kümmern muss. Buhari hat mit seiner neuen Regierung es geschafft, zumindest das als Thema zu nehmen und zu sagen, wir müssen uns neu aufstellen, wir müssen militärisch besser agieren, denn die Armee hat ja auch versagt. Aber noch sehen wir nicht die Konzepte, dass die nigerianische Zentralregierung in der Lage ist, einen Beitrag da zu leisten, dass beispielsweise die Schulen wieder geöffnet werden, die geschlossen sind, es sind über tausend Schulen geschlossen, dass die jungen Leute wieder in die Schule gehen können, dass das Schulsystem vor Ort sowieso extrem verbessert werden muss und hier auch Anreizsysteme gegeben werden im Norden Nigerias, dass die Menschen auch wieder Beschäftigung haben. Hier warten wir noch auf die entscheidenden Durchbrüche der Regierung und es wird auch längere Zeit in Anspruch nehmen, bevor wir tatsächlich zu einer Ruhe in Nordnigeria kommen können, denn es gibt auch noch andere Gruppen außer Boko Haram. Viele der Attentate werden jetzt auf Boko Haram geschoben, aber es gibt auch kleinere andere Gruppen in Nordnigeria, die auch versuchen, im Schatten von Boko Haram zu agieren, nach Kano hin, in Richtung Kano, also mehr im Nordwesten, im Norden, aber dann auch im Westen Nigerias. Hier gibt es noch sehr viele Probleme und hier werden auch neue Attentate passieren.

"Auch die Nachbarländer sind betroffen"

Barenberg: Nun haben wir gerade in den vergangenen Tagen über den EU-Afrika-Gipfel und die Zielrichtung berichtet, sich über Fluchtursachen auseinanderzusetzen, die möglichst zu bekämpfen. Fällt da ein Teil der Verantwortung auch auf Europa zurück, da zu helfen?

Kappel: Ja. Auf jeden Fall sollten wir jetzt sehen, dass wir im Sahel zu einer Stabilisierung kommen, und da fällt natürlich Nigeria auch drunter. Wir haben ja immerhin 1,2 Millionen Flüchtlinge, die aus Nordnigeria in die Nachbarländer geflohen sind. Hier ist auch eine große Fluchtwelle festzustellen. Und bisher geht es in den Planungen vor allem natürlich um die Länder, die mehr ans Mittelmeer herangehen, aber wir müssen sehen, dass wir auch mit Nigeria von europäischer Seite agieren, um hier gemeinsam konzeptionell vorzugehen, einerseits für Sicherheit zu sorgen, andererseits auch dafür zu sorgen, dass den Menschen vor Ort wieder eine Perspektive geboten wird. Hier müsste dringend auch die Europäische Union, auch die einzelnen Länder einen Beitrag leisten, mit der Regierung darüber sprechen, wie man Konflikte gemeinsam löst, denn das Problem ist ja nicht eines Nigerias alleine. Es ist auch das der Nachbarländer Kamerun, Tschad, Niger, Zentralafrikanische Republik. Hier müssen wir ja weiterdenken und hier spielt natürlich Nigeria auch eine besondere Rolle, weil es erstens den Kampf intern im Lande führt und Nigeria eine Ausstrahlung hätte, wenn es bereit wäre, nicht nur militärisch, sicherheitspolitisch zu agieren, sondern auch perspektivisch etwas zu machen. Hier erwarte ich mir auch einen Beitrag der Europäer.

Barenberg: Robert Kappel vom Leibniz-Institut für globale und regionale Studien in Hamburg. Danke Ihnen für Ihre Einschätzung heute Morgen.

Kappel: Ich danke Ihnen, Herr Barenberg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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