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Seit 03:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Deutschland ist auch gefährdet"14.11.2015

Anschläge in Paris"Deutschland ist auch gefährdet"

Auch in Deutschland gebe es eine Gefahr für islamistisch motivierte Terroranschläge, sagte Guido Steinberg, Sicherheitsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, im DLF. Dennoch sei die Gefährdungslage hierzulande womöglich etwas schwächer. Frankreich habe die deutlich größere und aggressivere dschihadistische Szene und bekämpfe zudem den IS mit Luftangriffen.

Guido Steinberg im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte, Guido Steinberg (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Auch Deutschland gehöre zu der Anti-IS-Koalition, sagte der Terrorismusexperte Guido Steinberg im Deutschlandfunk: "Wir sind also ein Ziel". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
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Christoph Heinemann: In Berlin sind wir verbunden mit Guido Steinberg, Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Guten Tag.

Guido Steinberg: Guten Tag, Herr Heinemann!

Heinemann: Präsident Hollande sieht den IS hinter der Tat. Gibt es für Sie noch den geringsten Zweifel daran?

Steinberg: Ich denke, dass es immer noch ein bisschen zu früh ist, da definitive Aussagen aus der Entfernung zu treffen. Aber die Tatsache, dass Präsident Hollande das schon festgestellt hat, ist ein Hinweis darauf, dass die französischen Behörden sich da recht sicher sind. Plus: Es gibt ja jetzt auch wohl ein Bekennerschreiben, das ich leider noch nicht gesehen habe, des IS. Insofern ist es doch sehr wahrscheinlich, dass diese Organisation hinter den Anschlägen steckt.

Heinemann: Herr Steinberg, ein aufwendig, ein präzise vorbereiteter Schlag, mehrere Tatorte - wie lässt sich so etwas unterhalb des Radars der Sicherheitsapparate organisieren?

Steinberg: Man muss immer wieder darauf hinweisen, dass Sicherheitsbehörden da ein ganz dickes Brett bohren. Es ist ja sehr schwierig, hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder als sehr schwierig erwiesen, für Nachrichtendienste, aber auch für die Polizei, in diese Netzwerke dschihadistischer Gruppen einzudringen. Das sind ideologisch motivierte Täter und damit haben Nachrichtendienste demokratischer Staaten immer Probleme. Das war schon so, als es gegen die Sowjetunion ging, und das ist heute noch einmal einen Tick schwerer geworden. Insofern ist es kein Beleg für schlechte nachrichtendienstliche Arbeit und schlechte Polizeiarbeit, wenn solche Planungen einmal unter dem Radar der Sicherheitsbehörden stattfinden. Wir leben in freien Gesellschaften, in denen unseren Nachrichtendiensten, selbst wenn sie so stark sind wie in Frankreich, enge Grenzen auferlegt sind, und da ist es immer wieder möglich, Lücken zu finden.

"Ich gehe fest davon aus, dass die Attentäter aus Frankreich stammen"

Heinemann: Die Terroristen kannten sich offenbar sehr gut aus in Frankreich. Lässt das darauf schließen, dass sie aus Frankreich stammen, so wie die Attentäter vom Januar?

Steinberg: Ja! Ich gehe fest davon aus, dass die Attentäter aus Frankreich stammen. Die offene Frage ist ja immer noch, selbst wenn wir von einer IS-Urheberschaft ausgehen, inwieweit die Täter oder auch einige der Täter in Syrien und im Irak waren und dort ausgebildet wurden. Ich gehe davon aus, dass wir es zumindest zu einem Teil mit nordafrikanisch-stämmigen Franzosen zu tun haben, die im Irak und in Syrien waren, dort ausgebildet wurden. Darauf verweist vor allem, dass sich einige der Attentäter selbst in die Luft gesprengt haben. Die Herstellung solcher Sprengstoffwesten nämlich, die kann man in Frankreich eigentlich nicht lernen. Dazu braucht man mindestens eine Person, die bei einer dieser großen Terrororganisationen im Nahen Osten war, wahrscheinlich der IS. Aber die Täter sind ganz, ganz sicher Franzosen. Vielleicht ist da der eine oder andere Belgier dabei. Wir haben es wahrscheinlich hier mit - Ich würde auch schon so weit gehen, zu sagen, dass wir es wahrscheinlich mit marokkanisch-, tunesisch- oder auch algerisch-stämmigen Terroristen zu tun haben, ohne dass man das jetzt schon genau sagen kann.

Heinemann: Wie gefährdet ist Deutschland?

Steinberg: Deutschland ist auch gefährdet. Die Situation ist hier etwas anders gelagert, weil Frankreich natürlich ein sehr viel wichtigeres Ziel für den IS ist, insbesondere weil Frankreich ja in den letzten Wochen seine Aktivitäten gegen diese Organisation enorm intensiviert hat und auch vor kurzer Zeit erst an den Luftschlägen in Syrien sich beteiligt hat. Allerdings gehört Deutschland auch zu dieser Anti-IS-Koalition. Wir sind also ein Ziel. Auch Deutschland hat viele Dschihadisten in Syrien und im Irak. Auch Deutschland hat viele Rückkehrer. Die Situation ist vielleicht etwas anders insofern, als Frankreich die sehr viel größere, auch die sehr viel aggressivere dschihadistische Szene hat. Allerdings muss man dann doch sagen, dass die Franzosen auch die sehr viel größeren und die aggressiveren und die effektiveren Nachrichtendienste, vor allem aber auch Sicherheitsbehörden insgesamt hat. Ich sehe die Gefahr in Deutschland auch gegeben.

IS wolle Überreaktionen des Westens provozieren

Heinemann: Mit welcher Absicht trägt der IS Terror nach Europa?

Steinberg: Ich denke, dass das terroristische Kalkül in diesem Augenblick sehr klar ist. Frankreich nimmt ja schon an der Bekämpfung des IS teil, ist ein wichtiges Ziel der Terroristen, und die wollen natürlich Überreaktionen provozieren. IS, Al Kaida und andere Dschihadisten behaupten, dass ein Krieg des Westens gegen den Islam stattfindet, und sie versuchen, mit ihren Terroranschlägen uns zu provozieren, tatsächlich gegen Muslime vorzugehen, um damit ihre eigene Interpretation zu stützen, und die Gefahr ist natürlich auch sehr groß, dass Frankreich jetzt zu sehr viel drastischeren Maßnahmen greift als in der Vergangenheit. Präsident Hollande ist innenpolitisch in einer schwachen Situation. Er steht unter dem Druck der Rechtsextremisten des Front National und es wird für ihn enorm schwierig werden, in so einer Situation gezielte Maßnahmen gegen den IS zu ergreifen, ohne Muslimen, vor allem den Nordafrikanern im Land das Gefühl zu geben, dass es gegen sie alle geht.

Heinemann: Guido Steinberg, Terrorismus-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Steinberg: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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