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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Leichtigkeit ist weg15.04.2017

Anschlag auf BVB-TeamDie Leichtigkeit ist weg

Fußballprofis sollen Hochleistung bringen und unterhalten. Sagen, was sie denken und fühlen, dürften sie hingegen nicht, kommentiert Jessica Sturmberg. Das sei nur eine der bitteren Wahrheiten, die nach dem Anschlag auf das Team des BVB und dem nur 24 Stunden später nachgeholten Spiel in der Champions-League-Spiel zutage getreten seien.

Von Jessica Sturmberg

Fußball Champions League: Viertelfinal-Hinspiel, Borussia Dortmund - AS Monaco am 12.04.2017 im Signal Iduna Park in Dortmund (Nordrhein-Westfalen).  (dpa/picture alliance/ Bernd Thissen)
Nur 75 Minuten nach dem Anschlag auf das Team entschieden UEFA und Vereinsführung, das Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco 24 Stunden später nachzuholen. (dpa/picture alliance/ Bernd Thissen)
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Fußballprofi ist ein Beruf, der den Ausübenden schon im Tagesgeschäft viel abverlangt. In dieser Woche aber ging es weit darüber hinaus. Da wurde den Fußballspielern von Borussia Dortmund allen Ernstes zugemutet, ein Spiel zu bestreiten - nur Stunden nachdem jemand einen Anschlag auf sie verübt hatte. Nachdem mit Nägeln gespickte Sprengsätze explodiert waren und nur mit Glück niemand ums Leben gekommen war.

Der europäische Fußballverband UEFA und die Dortmunder Vereinsführung fielen die Entscheidung für das Nachholspiel nur 75 Minuten nach dem Attentat. Ohne in dem Moment die Gefahrenlage für Spieler und Fans genau zu kennen. Und vor allem ohne mit den Fußballern selbst gesprochen zu haben. Dass so ein eilig angesetztes Nachholspiel keine Seele haben konnte, scheint erst spät, wenn überhaupt, gedämmert zu sein. Da standen Spieler auf dem Platz, die in der Nacht kaum oder gar nicht geschlafen hatten, die die Explosion und den Schrecken in den Gesichtern der anderen immer wieder durchleben. Die, die Sinnhaftigkeit ihres Tuns auf dem Rasen infrage stellen mussten. Ansonsten wären sie keine Menschen.

Zu Helden stilisiert, die sie nicht sind

Aber als Profis mussten sie trotzdem Hochleistung bringen. Denn es handelte sich um kein Freundschaftsspiel gegen den AS Monaco, sondern um das Viertelfinalhinspiel in der Champions-League. Auch wenn sich die vorbildlichen Fans beider Mannschaften in der Situation herzlich näher kamen, es blieb für die Kicker beim Arbeitsauftrag zu gewinnen. Ihren Part in der milliardenschweren Unterhaltungsindustrie zu erfüllen. Die Fußballbranche erscheint mit den außerordentlichen Verdienstmöglichkeiten und Popularitätschancen solange erstrebenswert, bis ihre Protagonisten verstehen, dass sie nichts anderes sind als Ware. Teil einer Wertschöpfungskette, bei der ein Produktionsausfall nicht denkbar ist – so lange es keine Toten gibt. Darunter hält der Betrieb nicht an. Diese Reduzierung ihrer Person auf Spielermaterial, das zu funktionieren hat, muss eine bittere Erkenntnis sein für die jungen Sportler in der Fußball-Glitzer-Blase.

Aber damit nicht genug. Das ist die geschäftliche Ebene. Hinzu kommt noch eine andere: die der gesellschaftlichen Überhöhung. Die jungen Ballkünstler von Borussia Dortmund und dem AS Monaco sollen auch noch diejenigen sein, die an vorderster Front die Werte der offenen Gesellschaft verteidigen. Indem sie nicht einknicken vor dem Terror, Weitermachen als Zeichen, dass wir uns unsere Lebensweise nicht zerstören lassen. Klingt einleuchtend, ist aber die falsche Umsetzung eines an sich richtigen Gedankens.

Es wird den Spielern damit eine Bedeutungsschwere übergestülpt, die sie wie zusätzlichen Ballast empfinden müssen. Denn sie werden von Politikern, Sportfunktionären und auch Medien zu politischen Botschaftern, gar Helden stilisiert, die sie nicht sind. Die sie auch nicht sein müssen, nur weil sie besonders gut sind in ihrer Sportart. Nur weil sie Profifußballer sind.

Warum ist niemand aufgestanden und hat Nein zu diesem Spiel gesagt? Das wäre wahrlich heldenhaft gewesen. Nun kann man das den jungen Spielern nicht vorwerfen. Sie standen unter Schock. Und auch wenn das Angebot der Nichtteilnahme formal stand, wer verweigert sich schon, wenn er fürchten muss, sich damit unpopulär zu machen und eventuell damit seine Zukunft im Profifußball aufs Spiel zu setzen? Es geht ja schließlich immer noch um viel. Und Nestbeschmutzer wurden im Sport noch nie gut behandelt.

Held ist, wer sich der Logik von Geschäft und politischem Anspruch unterordnet

Das Verwerfliche daran aus sportpolitischer wie gesellschaftlicher Sicht ist die Verdrehung von Heldentum. Held ist, wer sich der Logik von Geschäft und politischem Anspruch unterordnet. Aber auch gesellschaftspolitisch sind die Ansprüche hier falsch gestellt. Geistiger Widerstand gegen den Terror gelingt nur, wenn der Wert des Spiels an sich erhalten bleibt: die Leichtigkeit, die Freude am Spiel. Das kann man nicht erzwingen. Diese wieder zurückzuerlangen, braucht Zeit, Reflektion, vor allem aber mündige Sportler. Sie müssen die wahrhaftige Freiheit haben, zu sagen, was sie denken und fühlen.

 

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