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StartseiteKulturfragen"Wir müssen radikal gegen diesen Faschismus kämpfen"11.01.2015

Anschlag auf "Charlie Hebdo""Wir müssen radikal gegen diesen Faschismus kämpfen"

Bei dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" handele es sich um faschistische Gewalt, die man nicht voraussehen konnte, sagte der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit im DLF. Das Problem sei nicht der Islam, sondern eine radikale Interpretation der Religion. Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" müsse militärisch zerschlagen werden.

Daniel Cohn-Bendit im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Der Grünen-Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit in Paris (imago / PanoramiC)
Der Grünen-Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit fordert, den "Islamischen Staat" militärisch zu zerschlagen. (imago / PanoramiC)
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Burkhard Müller-Ullrich: Die Zeitschrift "Charlie Hebdo" hatte zuletzt eine Auflage von 30.000 und war auf Spendengelder angewiesen. Am nächsten Mittwoch soll sie mit einer Million Exemplaren an die Kioske kommen und sie ist in aller Munde. "Charlie Hebdo", erfolgreich wie noch nie. – Wäre das, Herr Cohn-Bendit, eine Schlagzeile nach dem Geschmack der ermordeten Satiriker?

Daniel Cohn-Bendit: Ja, ja, natürlich. Das heißt, sie würden sagen, in ihrer Sprache, die Arschlöcher haben verloren. Das stimmt. Ich meine, "Charlie Hebdo" ist eine wahnsinnig spannende Geschichte, ist sehr französisch. Denn viele Franzosen, obwohl nicht viele Franzosen diese "Charlie Hebdo" jede Woche gekauft haben, kannten diese Zeichner, denn die waren in allen Medien, haben sie auch noch gearbeitet. Und diese Art und Weise, die Realität mit einem Federstrich zu karikieren, damit identifizieren sich viele Franzosen. Das ist, wenn man will, eine französische Chuzpe, was in der französischen Kultur sehr genossen wird.

Müller-Ullrich: Sind alles Erben von Honoré Daumier, ja?

Cohn-Bendit: Sind Erben von Honoré Daumier, und jetzt wird es spannend: Sie sind Erben von ... Die, die jetzt arbeiten, sind diejenigen, die mit uns 68 gemacht haben. Das ist der Geist von 68, der ein Teil ... Der radikale Geist von 68, der libertäre Geist, der antiklerikale Geist. Die waren gegen alle Religionen. Der Antiatomgeist, der Freiheitsgeist, die Freiheit ist unbeschränkt.

Müller-Ullrich: Was ist das Französische daran? Also, Sie sagten, das ist der Geist von 68, den gab es ja an verschiedenen Orten. Zugleich sagten Sie, es ist was typisch Französisches.

Cohn-Bendit: Na ja, das ist der Geist ... Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als General ... Die Zeitschrift oder die Wochenzeitung hieß vorher "Harakiri". Und "Harakiri" hat in der Woche, wo Charles de Gaulle gestorben ist, haben sie einen Titel, eine Zeichnung gemacht, wo sie geschrieben haben ... Charles de Gaulle hat in Colombey-les-Deux-Églises gewohnt, nachdem er zurückgetreten war als französischer Präsident, und die haben gesagt: Tragischer Tanzabend in Colombey-les-Deux-Églises, ein Toter! Ganz Frankreich, die Hälfte Frankreichs hat gelacht und der Premierminister, damals Pompidou, hat die Zeitung verboten.

Müller-Ullrich: Das war im November 1970. Und diese Schlagzeile, die Sie da zitiert haben, die bezog sich eben auf ein wirklich tragisches Ereignis, was kurz vorher in Grenoble stattgefunden hatte mit 146 Toten bei einem tragischen Tanzabend dort.

Cohn-Bendit: Genau, ja. Und wenn "Charlie Hebdo" ... Man kann auch sagen, sie hätten jetzt geschrieben, tragischer Tanz in der Redaktion von "Charlie Hebdo", zwölf Tote. Das ist zynisch, da schluckt man viermal und denkt, huppala, was ist hier los ... Das war keine einfache Zeitung.

Müller-Ullrich: Nun war die Redaktion ja links, weitgehend, und hat sich auch ein bisschen gewandelt. Nicht, dass sie sich vom Linken weggewandelt haben, aber als Mitterrand an die Macht kam, hatten sie ein Problem. Denn mit einer linken Regierung und gleichzeitig links sein ... Sie wollten sich ja immer reiben. Die Franzosen haben ja eigentlich immer diese Verachtung für die da oben!

Cohn-Bendit: Sagen wir, die Libertären. Ja, aber die waren links und libertär, deswegen war das eigentlich nicht so ein Problem für sie, dann diese linke Regierung anzugreifen, genauso wenig wie es für sie ja ein Problem ist, jetzt im Moment die sozialistische Regierung oder Francois Hollande aufs Korn zu nehmen.

Müller-Ullrich: Weil Sie Hollande erwähnt haben: Vor ganz genau einem Jahr gab es ein Titelblatt, da war der Präsident zu sehen und unten guckt sein Pimmel aus der Anzughose raus und der Pimmel spricht: "Moi président", "ich bin der Präsident". Ist ja eigentlich richtig billig, so latrinenmäßig.

"Cabut wollte nicht verletzen, er wollte Widersprüche der Gesellschaft darstellen"

Cohn-Bendit: Ja und nein. Aber wenn der Präsident einfach billig auf dem Moped erwischt wird, wie er zu seiner Freundin geht, und die Frau, die mit ihm im Élysée-Palast ist, mit der er nicht verheiratet ist, ja, im Grunde genommen da einen Seitensprung hat, dann ist das so. Und natürlich sind manchmal Karikaturen oder Zeichnungen billige Schoten, ja, das gehört dazu. Also, wenn Sie natürlich immer den Anspruch auf großen Geist, da kommt nicht immer was Tolles raus!

Müller-Ullrich: Unter den Toten bei diesem Massaker am vergangenen Mittwoch waren vier der berühmtesten französischen Karikaturisten, kann man sagen. Wir nennen mal ihre Namen, allein um sie zu ehren: Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski und Bernard Verlhac, der unter dem Namen Tignous arbeitete. Auch die anderen hatten zum Teil diese lustigen kleinen Namen. Es war eine sehr heterogene Mischung, auch altersmäßig, also zum Beispiel Cabut, 76 Jahre ...

Cohn-Bendit: Ist meine Generation, ich bin mit ihm groß geworden.

Müller-Ullrich: Sind Sie auch mit dem "Club Dorothée" groß geworden, wie so viele Franzosen? Er hat ja auch für eine Kindersendung gezeichnet in den 80er-Jahren, da wurde er eigentlich jedem bekannt.

Cohn-Bendit: Ja, nee, da war ich ja ...

Müller-Ullrich: Da waren Sie in Deutschland.

Cohn-Bendit: Da war ich in Deutschland. Aber ich kannte Cabut, wir haben viele Kämpfe miteinander gemacht, ich habe auch 2006 dann ein Vorwort für eine Zeichnungensammlung von ihm gemacht, er hatte mich gefragt, ob ich das machen würde. Cabut war der freundlichste, der liebenswürdigste Mensch, den ich gekannt habe. sein Lächeln, er ist 77, wenn Sie ihn lächeln sehen, man glaubt, das ist ein 15-Jähriger. Und diese Liebenswürdigkeit, immer wenn man ihn gebraucht hat, wenn irgendeine Zeitung Schwierigkeiten hatte, wenn irgendeine ... Gymnasiasten zu ihm kamen, 68, und sagten, wir machen jetzt eine Schülerzeitung, kannst du ... Da hat er sofort Zeichnungen gemacht, er und Wolinski. Sie waren sofort zu Diensten. Natürlich helfen wir euch! – Und das ist, warum sie solche Menschen auch so geliebt ... Weil sie diese Empathie, die sie für die Menschen haben, das ist ja das Tolle! Cabut wollte nicht verletzen, er wollte nur ironisch im Grunde genommen Widersprüche der Gesellschaft darstellen. Er respektierte die Menschen, die er vielleicht ganz sarkastisch-ironisch karikierte.

Müller-Ullrich: Wusste er ... Natürlich wusste er, dass er bedroht war, es hat einen Brandanschlag schon vor ein paar Jahren gegeben, es hatte immer wieder Hinweise auf die äußerste Bedrohung gegeben. Und war es nicht naiv, dann eine Redaktionskonferenz jeden Mittwoch um zehn abzuhalten, einfach so, wo Leute reinmarschieren können ...

Cohn-Bendit: Eigentlich ist die Redaktionskonferenz Montag. Das ist ja das Problem. Eigentlich ist die Redaktionskonferenz Montag und die hat, weil es die Feiertage gab, am Mittwoch stattgefunden. Das ist eines der Probleme. Was heißt naiv? Wenn Sie Freiheit wollen und Sie nicht mehr Freiheit leben, haben Sie verloren! Das heißt, Charb, der Chef, der war der Kopf der Zeitung, hat persönlichen Polizeischutz ... Auch der Polizist, der ihn beschützen sollte, ist auch gestorben, ermordet worden. Natürlich, Cabut wollte eigentlich nicht Polizeischutz, er ist ohne einfach ... hat ohne gelebt. Aber gut, niemand ... Ja, Molotowcocktail, ja, da haben sie versucht sich zu schützen. Aber niemand, niemand könnte denken, dass zwei Menschen mit Maschinengewehren, Kalaschnikow da einfach reinschießen und den ganzen Haufen umbringen! Das ist ein Grad faschistischer Gewalt, den man einfach nicht voraussehen konnte oder vielleicht wollte.

Müller-Ullrich: Der Hintergrund ist islamistisch. Jetzt ist immer die Frage, wie viel hat das das mit dem Islam zu tun. Bernard-Henri Lévy hat gesagt, der Islam muss vom Islamismus befreit werden, Ayaan Hirsi Ali sagt, wir können nicht länger so tun, als sei es möglich, die Taten zu trennen von den Idealen, die sie inspiriert haben.

Alle Religionen haben fundamentalistische Probleme

Cohn-Bendit: Also, ich finde ... Ich sage es anders. Es gibt einen ... ich nenne ihn Islamo-Faschismus, das ist der Islamische Staat, das ist ... Und es gibt den Islam als Religion, es gibt Muslime. Es gab zum Beispiel ein Abendland. Und in diesem Abendland hat sich der furchtbarste Faschismus entwickelt. Nationalsozialismus oder in Italien der Faschismus. Mit der größtmöglichen Barbarei. Gut! Und da hat man nicht gesagt, das Abendland ist diese Barbarei! genauso ist es mit dem Islam! Es ist nicht, weil Leute sagen, eine völlig faschistische Interpretation des Islam haben, dass man sagt, das ist der Islam. Alle Religionen haben fundamentalistische Probleme. Wenn Sie nach Jerusalem gehen und Sie haben fundamentalistische Juden, die sagen, im Bus müssen die Frauen nach hinten, wir wollen getrennt leben von Frauen und Männern und so weiter, ist das ein Fundamentalismus. Da werden Sie sagen: Sie töten nicht! Aber wenn ein jüdischer Fundamentalist in Hebron mit einem Maschinengewehr in eine Moschee geht und 15 Leute einfach niederknallt, ist es die gleiche Ebene gewesen wie das, was zum Beispiel bei "Charlie Hebdo" stattgefunden hat. Ist passiert unter Rabin in Israel beziehungsweise in Palästina.

Müller-Ullrich: Ja, das ist aber ein Fall, den Sie da heranführen, der die große, große Ausnahme ist und dem eine Serie, eine offenbar ja nicht abreißende Serie, wenn wir zurückblicken von Paris über Sydney, die Sache im Café dort, über das Jüdische Museum in Brüssel ...

Cohn-Bendit: Ja, Carlos war kein Muslim. Die RAF waren keine Muslime. Carlos hat Bomben gelegt, in Zügen gelegt, es war kein Muslim. Es gibt Faschisten von links und von rechts und es gibt Faschisten, die sich im Moment auf den Islam berufen. Ich bin Atheist, mir sind die Religionen scheißegal, Sie haben recht! Wir müssen radikal gegen diesen Faschismus kämpfen. Dann gehen wir bis zum Ende. Der Islamische Staat muss militärisch zerschlagen werden, dann müssen wir alle mitmachen! Gleichzeitig müssen wir radikal Menschen, Muslime, Einwanderer bei uns integrieren. Diese doppelte Aufgabe haben wir.

Müller-Ullrich: Also, Sie würden sagen, es hat mit dem Islam, mit der Religion nichts zu tun?

Cohn-Bendit: Sage ich nicht. Es hat mit einer Interpretation dieser Religion zu tun. Es gibt eine wunderbare Moschee in Kapstadt ...

Müller-Ullrich: Es gibt ja Beispiele und Gegenbeispiele für alles.

Cohn-Bendit: Eben, genau, genau.

Müller-Ullrich: Aber man hat noch nicht von Hindus gehört, die in London die U-Bahn sprengen oder ...

Cohn-Bendit: Aber man hat Hindus ...

Müller-Ullrich: Oder von Chinesen, die in ihren China Towns zum Mord an Karikaturisten aufrufen.

Cohn-Bendit: Halt, und wie viele Zehntausende von Toten im Kampf zwischen Hindus und Islam in Indien? Wie oft haben Hindus einfach Stadtteile des islamischen Teils der indischen Bevölkerung überfallen? Tausende von Toten! Erzählen Sie doch keine Geschichten! Indien ist einer der gewalttätigsten Staaten, die es gibt, und die Gewalttätigen sind Hindus und Muslime. Stimmt's oder nicht?

Müller-Ullrich: Das stimmt, das stimmt. Aber sie wollen nicht missionieren, sie haben nicht in ihrem Fundamentaltext eingeschrieben den Anspruch auf Weltherrschaft.

Cohn-Bendit: Also, wir, das christliche Abendland, hat ein Jahrtausend die Mission in den Fundamentaltexten eingeschrieben. Wir haben diese Gewalttätigkeiten hinter uns. Glauben Sie, dass die Anerkennung der Trennung von Staat und Religion bei uns katholischer, protestantischen Gesellschaft, einfach so gewesen, weil der Papst eines Tages aufgewacht ist und gesagt hat, Kinder, wir müssen Staat und Religion trennen? Die Religionskriege waren Tausende von Toten! Ja, der Islam hat diese Auseinandersetzung noch vor sich. Das stimmt. Aber tun wir nicht so, als ob Katholiken, Protestanten, Juden oder Atheisten genetisch immer Pazifisten waren!

Müller-Ullrich: Woher kommt die Strahlkraft von solchen Gewalttaten? Denn schließlich, auf der einen Seite sind wir natürlich wahnsinnig erschreckt, auch terrorisiert, das ist ja der Sinn der Sache, Angst zu verbreiten. Aber der zweite Sinn der Sache ist auch, Nachahmer zu begeistern!

"Das Problem auch ist die moderne Gesellschaft"

Cohn-Bendit: Wissen Sie, wenn Sie diese zwei Menschen, deren Biografie man jetzt kennt, sehen: Es sind Menschen, Vater sehr früh gestorben, im Grunde genommen war eine existenzielle Leere, die haben sich nicht zurechtgefunden. Zweitens dann eine Interpretation der Religion aus einer praktisch illegalen Moschee, sie haben sich radikalisiert, die ihnen ideologisch im Grunde genommen Werkzeug zur Hand gegeben hat, die sie strukturiert. Und dann der Wunsch: Ich bin ein Nichts, aber wenn ich mich identifiziere oder Teil bin des siegreichen Kampfes der Menschen des Islamischen Staats, die im Moment den Krieg gewinnen im Irak oder in Syrien, bin ich Teil einer siegreichen Revolution. Wissen Sie, das Problem auch ist die moderne Gesellschaft. Unser Bewusstsein strukturiert sich nicht nur über das tagtäglich Erlebte. Also, ich bin ein Migrant und ich bin dies und mir geht es schlecht und so weiter, das ist die eine Erfahrung, die Nicht-Anerkennung. Aber dann gibt es eine zweite Dimension heute, das sind, ich nenne das die Satellitenschüssel oder Internet. Es gibt Menschen, die leben Gaza, als ob sie in Gaza wären. Sie können mir sagen, das ist verrückt, da haben Sie recht, aber es ist nun mal eine Realität. Sie empfinden die Bomben, als wenn es Bomben auf sie wären, sie sind getroffen. Oder sie empfinden Abu Ghraib, die sprechen darüber, Abu Ghraib, die Folter. Als ob sie gefoltert wären, das ist, wenn man will, ein psychologisches Phänomen, weil, in ihrer existenziellen Leere ist das dann so. Und ich kann das also verstehen im Sinne von nachvollziehen, wie man so verrückte Gedanken haben kann. Wenn ich als Jude, wenn ich höre, dass ein Jude irgendwo überfallen wurde, fühle ich mich betroffen, obwohl ich es gar nicht bin. Und das muss man also verstehen: Wir leben in einer Welt, wo die Satellitenschüssel und Internet genauso mein Bewusstsein oder mein krankes Hirn im Grunde genommen steuert wie mein real erlebtes Leben.

Müller-Ullrich: Ja, dieses Vergrößerungsglas der Medien hat es natürlich an sich, das ist auch verzerrt. Sie haben ja dargestellt, dass genau diese Wahrnehmung auch eine suggestive und verzerrende ist.

Cohn-Bendit: Aber auf der anderen Seite ist das Vergrößerungsglas der Medien einfach auch Struktur unserer Freiheit. Also, man soll nicht die Medien verantwortlich machen, das ist so. Die Message ... Derjenige, der einfach jetzt etwas vermittelt, ist nicht derjenige, der die Situation macht. Nur, es ist nun mal so, wir haben eine globale Welt, und unser Bewusstsein wird globalisiert und globalisiert, auch im Grunde genommen durcheinandergeschüttelt. Man muss nur im Grunde genommen Ulrich Beck, der gerade gestorben ist, noch mal lesen, da versteht man im Grunde genommen oder kann man ein bisschen verstehen mit ihm, was die Globalisierung auch mit den Einzelnen tut.

Müller-Ullrich: Ein Faktor unserer Freiheit, das hatten Sie ja sehr schön dargestellt am Anfang, ist eben die Existenz von so etwas wie "Charlie Hebdo". Sie sagten, Cabut hatte zwar Polizeischutz, aber irgendwie wollte er eben ...

Cohn-Bendit: Nee, Charb. Cabut hat nicht.

Müller-Ullrich: Ja, er wollte seine Freiheit leben. Das bedeutete eben auch, er hat sich gegen diese Burg-Mentalität, die ja jetzt um sich greift und die ja auch wahrscheinlich das Ziel eines solchen Anschlags ist, gewehrt. Wie leben wir jetzt weiter Freiheit? Ich meine, jeder ist auf seinen Schutz bedacht!

Cohn-Bendit: Wir müssen zwar immer an Sicherheit denken, aber so tun, als ob wir sie nicht brauchen. Es klingt ...

Müller-Ullrich: Wie soll das gehen?

Cohn-Bendit: So ist das Leben. Passen Sie mal auf, wenn Sie ins Auto steigen, haben Sie mehr Chancen, wenn Sie von hier nach Italien fahren, umgebracht zu werden, als von einem Terroristen umgebracht zu werden durch einen Anschlag. Und trotzdem tun Sie so, als ob es Autounfälle nicht gäbe. Sie sind mehr oder weniger vorsichtig, Sie sind mehr oder weniger das oder jenes. Aber das ist unsere Welt. Das ist unsere Welt. Ich persönlich weiß, ich habe mal Drohbriefe gekriegt und dann hat die Polizei mich gefragt, ob ich Polizeischutz will, da habe ich gesagt, nein, da haben sie mir gesagt ... Oder ich habe die gefragt, was soll ich machen? Da haben sie mir gesagt, Sie müssen jeden Tag, wenn Sie zur Arbeit gehen oder wohin – damals war ich Stadtrat in Frankfurt –, müssen Sie irgendwie Ihre Route ändern. Sage ich, ist kein Problem, ich fahre mit dem Fahrrad, da fahre ich immer die Einbahnstraßen, dann bin ich sicher! Also, das ist kindisch. Aber Sie müssen sich entscheiden. Natürlich gibt es Menschen, die mehr Polizeischutz haben. Aber in der Situation unserer Welt, wenn ... Es kann morgen einen Anschlag geben in einem Bahnhof, in einem ... Die sind verrückt! Sie sind faschistisch! Solange wir dem Islamischen Staat da nicht einfach militärisch geschlagen haben, wird es diese Faszination geben. Und das ist das Problem. Und wie man das macht, ist eine andere Frage. Und solange es diese Faszination gibt, kann es ... Carlos hat eine Bombe gelegt in einem TGV! Wollen Sie TGV nicht mehr fahren? Oder ICE?

Müller-Ullrich: Das Schutzbedürfnis ist die eine Seite und die Vorsicht bei der Arbeit, jetzt zum Beispiel der Intellektuellen, der Medienleute und so weiter, ist die andere Seite. Das heißt, die Hemmungslosigkeit und Hitzigkeit von so etwas wie "Charlie Hebdo", die kostet jetzt noch mehr Nerven, nicht wahr?

Cohn-Bendit: Ich muss es auch ehrlich zugeben, ich habe vor einigen Jahren einen unheimlichen Streit, die haben wieder mal so eine Mohammed-Karikatur gebracht und ich habe dann in meiner Sendung, die ich jeden Tag habe, gesagt, irgendwo sind es auch Masochisten und Idioten! Das heißt, irgendwie, natürlich, natürlich fragt ...

Müller-Ullrich: Sie haben sogar gesagt, wenn man auf einem Pulverfass sitzt, hat man die Möglichkeit, 30 Sekunden nachzudenken, bevor man ein Streichholz anzündet. Haben Sie das wirklich gesagt?

"Wir werden eine multikulturelle Gesellschaft bleiben"

Cohn-Bendit: Ja, ja. Und natürlich ist man ... Das ist das Hin und Her. Ich will ja nicht sagen, dass ich die Lösung dieses Problems habe. Ich weiß nur, dass "Charlie Hebdo" diese Entscheidung getroffen hat. Und dann müsste ... Ich habe gesagt, na ja, sie werden vielleicht noch mal einen Molotowcocktail, aber an so was hätte ich nie geglaubt, so einen Anschlag. Und deswegen muss ich heute "Charlie Hebdo" verteidigen, so wie sie waren und wie sie sein wollten. Und nicht sie belehren, ja, hättet ihr, wäret ihr vorsichtiger, dann wären sie nicht "Charlie Hebdo". Das ist das Faszinierende, aber Komplizierte an unserem Begriff, auf alle Fälle deren Begriff von Freiheit. Und wenn wir anfangen, vorsichtig zu sein, das heißt ... Ich bin ein Radikaler oder Multikultureller, und alle, die sagen, die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert, sage ich, das ist Unsinn! Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft, das sind wir und das werden wir bleiben und das werden wir immer mehr werden. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt. Und weil ich diese multikulturelle Gesellschaft gestalten will, bin ich auch bereit, wenn es Zwangsehen gibt, wenn es dies oder jenes gibt, anzuprangern, ohne einfach vorsichtig zu sein. Und das ist, das sind unsere Aufgaben oder Aufgaben von denen, die in den Medien arbeiten, offen, klar. Und dann hat jeder die Sprache, die er will. Natürlich ist "Charlie Hebdo" nicht die "FAZ". Aber wenn "Charlie Hebdo" wie die "FAZ" wäre, wäre auch die Welt langweilig. Oder wenn die "FAZ" wie "Charlie Hebdo" wäre! Gucken Sie mal, heute, "L'Équipe", das ist die größte französische Sportzeitung, sie eröffnen heute ihre Zeitung, ja, heute in Paris, mit einer Karikatur! Eine Karikatur über Fußball, und der Trainer von Marseille, und der sagt: "Aber den von Charlie, den müsst ihr ganz eng denken!" Das ist einfach witzig! Und dann da, man muss einfach ... Ich weiß nicht, was sie nächsten Mittwoch als Zeitung machen, ich bin mal gespannt. Ich glaube, die werden dreimal schlucken und sagen, verdammt noch mal, dieser Anschlag, und dann so gehen sie in die Vollen! So sind die, die, die übrig geblieben sind!

Müller-Ullrich: Daniel Cohn-Bendit, noch ein Letztes, weil Sie über Multikulti sprachen: Gibt es eine schiefe Ebene, die führt von Multikulti zu Vorsicht, von Vorsicht zu Beschwichtigung, von da zu Selbstzensur und zu Selbstaufgabe?

Cohn-Bendit: Ja. Und es gibt ... Wenn man die ganze Pegida-Debatte bei uns nimmt, ein Freund, Claus Leggewie hat mich aufmerksam gemacht, bei Nietzsche steht: Gegen Vorurteile kann man rational nicht ankommen. Und das ist das Problem. Das Problem ist, es gibt eine Realität der multikulturellen Gesellschaft, es gibt diejenigen, die sagen, weil ... Es gibt den blödsten Spruch der Linken, zur Verteidigung der multikulturellen Gesellschaft, als Rostock oder Hoyerswerda war: "Liebe Migranten, lasst uns nicht allein mit den Deutschen!" Das ist so doof! Das heißt, in der Türkei ist alles toll, weil es nur Türken gibt! Das ist doch idiotisch! Das heißt, Menschen, Einwanderer können Opfer sein. Aber sie sind deswegen nicht gute Menschen. Die Juden waren Opfer des Nationalsozialismus. Aber sie waren nicht alle gute Menschen! Man muss die Opfer verteidigen, ohne sie zu idealisieren! Ich muss die multikulturelle Gesellschaft willig verteidigen, ohne die Migranten oder Flüchtlinge zu idealisieren! Sie sind genauso gut, wie Deutsche sein können, oder so blöd, wie Deutsche sein können! Das ist so, so ist die Welt. Es gibt keine Ecke der Welt, wo der Mensch nur gut ist, oder wo der Mensch nur böse ist. Das muss man verstehen. Wenn man das hat, dann kann man die schlimmen oder weniger schl..., die großen oder kleinen Probleme einer Einwanderungsgesellschaft auch in den Griff kriegen.

Müller-Ullrich: Herr Cohn-Bendit, vielen Dank!

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