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StartseiteInterview"Wir müssen unsere Werte verteidigen"08.01.2015

Anschlag auf "Charlie Hebdo""Wir müssen unsere Werte verteidigen"

Mit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" wurde die Freiheit von Presse und Meinung angegriffen: Das sagte der französische Botschafter in Deutschland, Philippe Etienne, im DLF. Frankreich müsse nun die Einheit der Nation behaupten und die Werte verteidigen, die es mit seinen europäischen Nachbarn teile.

Philippe Etienne im Gespräch mit Christoph Heinemann

Der französische Botschafter in Berlin, Philippe Etienne, vor Mikrofonen. (imago/Becker&Bredel)
Philippe Etienne bedankte sich für die Solidarität in Deutschland nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo". (imago/Becker&Bredel)
Weiterführende Information

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(Deutschlandfunk, Kommentar, 07.01.2015)

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(Deutschlandfunk, Aktuell, 07.01.2015)

Wichtig sei, die Gleichsetzung zu vermeiden zwischen dem Islam und "dieser fürchterlichen Art des Terrorismus". Die mutmaßlichen Attentäter sind in Frankreich geboren und aufgewachsen und haben einen maghrebinischen Hintergrund.

Gemeinsam Handeln in Europa

Die Radikalisierung eines kleines Teils der Jugend sei eine bekannte Gefahr in Frankreich, aber auch in Europa insgesamt. Deshalb müssten die Europäer gemeinsam angreifen.

Etienne bedankte sich für die Solidarität in Deutschland, die von Kanzlerin, Ministern und Bürgern ausgehe. Der Anschlag sei eine Herausforderung für die Freiheit in der gesamten Gesellschaft. "Ich spüre den Willen, diese Freiheit zu verteidigen", so Etienne.


Das Interview in voller Länge: 

Christoph Heinemann: Die französischen Ermittlungsbehörden arbeiten auf Hochtouren und das offenbar erfolgreich. Nach dem tödlichen Anschlag auf die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ hat sich der jüngste Verdächtige der Polizei offenbar gestellt in der Stadt Charleville-Mézières, nachdem er sein Fahndungsfoto im Internet entdeckt hatte. Der 18 Jahre alte Mann soll den beiden Älteren, den beiden Brüdern im Alter von 32 und 34 Jahren, geholfen haben. Die mutmaßlichen Attentäter sind weiterhin flüchtig, nach ihnen wird gefahndet. Staatspräsident Francois Hollande hat den heutigen Donnerstag zu einem Tag der nationalen Trauer erklärt. - Wir sind mit Philippe Etienne verbunden, dem französischen Botschafter in Deutschland. Guten Morgen.

Philippe Etienne: Guten Morgen.

Heinemann: Herr Botschafter, wie haben Sie reagiert, als Sie von den tödlichen Schüssen erfahren haben?

Etienne: Ja, ich habe reagiert wie alle Franzosen. Wir sind alle schockiert. Es ist eine abscheuliche, barbarische Tat. Aber wir stehen zusammen.

Heinemann: Rudolph Chimelli, Doyen der Frankreich-Korrespondenten, vielleicht einer der besten Kenner Ihres Landes in Deutschland, schreibt heute in der "Süddeutschen Zeitung" - ich zitiere das kurz: "Der Anschlag von Paris und seine Folgen enthalten Stoff für eine gewaltige gesellschaftliche Krise. Man muss lange zurückgehen in Frankreichs Geschichte, vielleicht bis zur Affäre Dreyfus, um eine ähnliche Situation zu finden." Die, wie wir sagen, Dreyfus-Affäre 1894, die Verurteilung des französischen Hauptmanns Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrates - zu Unrecht, wie sich herausgestellt hat.

"Alle Reaktionen gehen in dieselbe Richtung"

Markiert der 7. Januar 2015 eine solche Zäsur in der französischen Geschichte?

Etienne: Ich glaube, es ist wohl ein sehr schwarzer, sehr wichtiger Tag, obwohl wir auch in der Mitte der 90er sehr schwere Anschläge in der Mitte von Paris schon gehabt haben. Aber ja, heute oder gestern ist es die Freiheit, die angegriffen wurde, die Freiheit der Presse, die Meinungsfreiheit. Das ist ein Wert, den wir in Europa teilen und den wir zusammen verteidigen müssen. Alle Reaktionen in Frankreich der Verantwortlichen aus Politik, Religion und Kultur gehen in dieselbe Richtung, und zwar mit zwei entscheidenden Elementen: die Einheit der Nation behaupten, unsere beste Waffe ist die Einheit, hat unser Präsident gestern Abend gesagt, und unsere Werte verteidigen. Und ich glaube ja, das ist ein wichtiger Tag, auch wenn man diese Reaktion der Franzosen sieht.

"Differenzierung ist gerade jetzt sehr wichtig"

Heinemann: Es gibt, Herr Etienne, Hinweise darauf, dass die Mörder möglicherweise aus Frankreich stammen, mit maghrebinischem Hintergrund. Sollte sich das bestätigen, was bedeutete das für das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen in Frankreich?

Etienne: Die Fahndung ist zurzeit im Gange. Das ist richtig, dass die Fahndung schon große Fortschritte scheint gemacht zu haben. Aber alle zuständigen Stellen sind im Einsatz. Aber es ist noch zu früh für mich, irgendwelche Informationen zu geben. Ich bin nicht in dieser Position. Es wäre noch zu früh, irgendwelche Folgen zu ziehen. Aber was ich doch sagen kann: Kern ist, dass das Phänomen der Radikalisierung eines kleinen Teils der Jugend schon bekannt war in Frankreich oder in Europa insgesamt als eine richtige Gefahr, und wir müssen auch diese Herausforderung zusammen in Europa berücksichtigen. Was Ihre Frage angeht möchte ich auch sagen, man muss absolut irgendwelche Identifizierung vermeiden zwischen einer Religion, zwischen dem Islam und dieser fürchterlichen Art des Terrorismus. Diese Differenzierung ist gerade jetzt sehr, sehr wichtig zu unterstreichen, und das haben Sie bemerkt vielleicht, das haben fast alle Menschen in Frankreich schon gemacht und gesagt, es gibt eine wirkliche Einheit der Nation, einschließlich aller Religionen in dieser Reaktion.

Dankbar für die Solidarität

Heinemann: Vor der französischen Botschaft in Berlin fand gestern eine Solidaritätskundgebung statt. Wie wichtig, Herr Botschafter, sind solche Demonstrationen in Zeiten, in denen Paris und Berlin sehr oft nur noch über Sparen und Wachstum streiten?

Etienne: Diese Reaktionen sind sehr, sehr wichtig. Wir sind sehr, sehr dankbar für die Solidarität, für die Anteilnahme unserer Freunde insbesondere hier in Deutschland, sei es von dem Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin, dem Bundesaußenminister oder von einfachen Bürgerinnen und Bürgern. Sie sagen, auf dem Pariser Platz gestern haben sich schon am Nachmittag spontan Menschen versammelt, und zwar waren wir zusammen, Deutsche und Franzosen. Das ist wirklich sehr, sehr wichtig und wir spüren, ich spüre selbst als Vertreter Frankreichs in Deutschland diese Solidarität. Es geht auch darum, dass die Herausforderung der Verteidigung der Pressefreiheit für unsere ganze Gesellschaft und natürlich insbesondere für die Presse, für alle Journalisten so wichtig ist, und wir spüren auch diese Emotionen, aber auch diesen Willen, diese Freiheit zu verteidigen.

Heinemann: Philippe Etienne, der Botschafter Frankreichs in Deutschland. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Etienne: Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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