Montag, 11.12.2017
Startseite@mediasres"Auf EU-Boden wohl einmalig seit den schlimmsten Mafiamorden"17.10.2017

Anschlag auf Daphne Caruana Galizia"Auf EU-Boden wohl einmalig seit den schlimmsten Mafiamorden"

Ein Autobombenanschlag auf eine Journalistin mitten in Europa: Die Ermordung von Daphne Caruana Galizia sorgt für Entsetzen unter Kollegen und Politikern. Die Hintergründe bleiben unklar. Die maltesische Bloggerin hat über Missstände in ihrem Land berichtet und so mit die Panama-Papers-Affäre angestoßen.

Jörg Seisselberg im Gespräch mit Henning Hübert / Text von Michael Borgers

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Das Bild zeigt, wie Polizisten im Norden Maltas nach einer Explosion das Wrack des Autos der Investigativ-Journalistin Daphne Caruana Galizia untersuchen. (AFP / STR)
Polizisten untersuchen im Norden Maltas nach einer Explosion das Wrack des Autos der Investigativ-Journalistin Daphne Caruana Galizia (AFP / STR)

Für die US-amerikanische Zeitung Politico gehörte Daphne Caruana Galizia zur "Klasse von 2017". Die Redaktion listete sie unter insgesamt 28 Frauen und Männern auf, die Europa in diesem Jahr "gestalten, zittern lassen und aufwühlen". Caruana Galizia sei "The Blogging Fury", also "Der bloggende Zorn", urteilte Politico, ein "Eine-Frau-Wikileaks", das "einen Kreuzzug gegen die Intransparenz und die Korruption in Malta" führe, beides Dinge, für die die Inselnation bekannt sei.

Offenbar musste die 53-Jährige nun für diesen Kampf mit ihrem Leben zahlen. Am Montag wurde sie durch eine Autobombe getötet. Eine Tat, die für Trauer und Entsetzen unter Kollegen sorgt.

Zusammenhang mit Panama-Recherchen?

Bernd Niebrügge, ARD-Sonderkorrespondent für Südeuropa, spricht gegenüber @Mediasres von einem "ungeheuren Anschlag wie auch Mord" und "auf EU-Boden wohl einmalig seit den schlimmsten Mafiamorden in Italien". Erst vor Kurzem habe er wegen der Panama Papers mit Caruana Galizia telefoniert. Es sei erschreckend, "dass die Korruption, der Klientelismus und die Steuerbetrugsmodelle auf Malta von EU-Partnern und der EU- Kommission trotz ihrer Recherchen und trotz der diesbezüglichen Erkenntnisse des Untersuchungsausschusses Panama Papers des EU-Parlaments geduldet wie ignoriert werden – eine Schande zudem".

Entsprechend kritisch bewertet Niebrügge die öffentlich vorgetragene Anteilnahme von Joseph Muscat, dem des Regierungschef von Malta, das in der ersten Jahreshälfte 2017 die EU-Ratspräsidentschaft inne hatte. Er werde nicht "ruhen, bis Gerechtigkeit erreicht sei", schrieb Muscat.

Caruana Galizia hatte mehrfach Korruptionsvorwürfe gegen Vertraute von Regierungschef Joseph Muscat erhoben. Mit ihren Berichten hatte sie dafür gesorgt, dass Muscat wegen der Vorwürfe im Zusammenhang mit den "Panama Papers" vorgezogene Neuwahlen ansetzte.

Assange lobt Prämie aus

Die Hintergründe des Anschlags sind noch unklar. Eine direkte Verbindung zu der Panama-Papers-Affäre hält Bastian Obermayer aus dem Investigativ-Ressort der Süddeutschen Zeitung, die in Deutschland für die Recherchen verantwortlich zeichnete, nicht für zwingend: Als "streitbare, unerschrockene Journalistin" habe sich die Journalistin "sehr viele Feinde gemacht", gab Obermayer gegenüber @Mediasres zu bedenken.

Auch der Grünen-Europapolitiker Sven Giegold will nicht von einem Zusammenhang sprechen, erwartet aber "gründliche Untersuchungen. Anschläge wie dieser erinnerten an Russland und nicht die Europäische Union. Gewalt gegen Presse- und Meinungsfreiheit dürfe es hier nicht geben.

WikiLeaks-Gründer Julian Assange lobte via Twitter eine Prämie aus von 20.000 Euro für Hinweise, die zur Überführung der Täter führen.

Die mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete aserbaidschanische Journalistin Khadija Ismayilova schrieb in dem Kurznachrichtendienst Caruana Galizias Mörder sollten zur "Verantwortung gezogen werden" – und "ihre Arbeit fortgesetzt werden".

Auf Malta nahmen nach Bekanntwerden des Anschlags mehrere tausend Menschen an Mahnwachen teil. In der Stadt Sliema im Nordosten der Mittelmeerinsel hielten die Teilnehmer Kerzen in den Händen, sie legten Blumen und Beileidsbekundungen nieder. "Wenn die Menschen ihre Regierung fürchten, ist das Tyrannei, wenn die Regierung die Menschen fürchtet, ist das Freiheit", war auf einem Schild zu lesen, das mit Blumen und Kerzen am Straßenrand hinterlassen wurde.

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