Montag, 11.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer militante Islamismus zeigt sich auf grausamste Art 24.11.2017

Anschlag im Nord-SinaiDer militante Islamismus zeigt sich auf grausamste Art

Noch hat sich niemand zu dem grausamen Anschlag im Nord-Sinai bekannt - er trage aber eindeutig die Handschrift des IS, kommentiert ARD-Kairo-Korrespondent Björn Blaschke. Die Terrorgruppe müsse weiter bekriegt werden. Doch ihre Ideologie könnten nur Bürger funktionierender Gesellschaften besiegen.

Von Björn Blaschke

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Ägypter versammeln sich am Ort des Anschlags auf die al-Rawdah-Moschee in der Provinzhauptstadt, Al-Arisch am 24.11.2017. Bei dem Anschlag während des Freitagsgebets wurden mindestens 235 Menschen getötet und mehr als hundert weitere verletzt. (AFP)
Die Ideologie des IS setzt darauf, dass Unzufriedene aus ihrer Misere einen Ausweg suchen - und sei er noch so mörderisch und grausam, kommentiert Björn Blaschke. (AFP)

Der IS ist nicht tot - er lebt! Das zeigte sich jetzt auf grausamste Art im Nord-Sinai. Auch wenn der IS sich noch nicht zu dem Attentat bekannte: Der Anschlag trägt eindeutig seine Handschrift. Nein, der IS ist längst nicht tot - auch wenn alles auf einen Untergang hindeutet.

Terrorgruppe nach wie vor zu fürchterlichen Attentaten fähig

Wir erinnern uns: 2014 hatte der IS in Syrien und im Irak großflächige Landstriche erobert, der IS-Führer den Kalifat-Staat ausgerufen. In den zurückliegenden Monaten verlor dieser Staat jedoch wieder sein Staatsgebiet. Heute gibt es noch den IS - aber ohne IS-Land. Die überlebenden IS-Kämpfer sind abgetaucht.

Ist der IS deshalb tot? Nein, er lebt weiter - und zwar als das, was er früher war: eine Terrorgruppe. Und als solche ist der IS nach wie vor zu fürchterlichen Attentaten fähig, wie sich jetzt im nördlichen Teil der ägyptischen Sinai-Halbinsel zeigte.

Religiös-verbrämte Ideologie - mörderisch und grausam

Ja, Ägypten ist weit von Syrien und dem Irak entfernt. Aber in Ägypten gibt es seit Jahren einen IS-Ableger. Denn: Die religiös-verbrämte Ideologie des IS ist global. Sie setzt darauf, dass Unzufriedene aus ihrer Misere einen Ausweg suchen - und sei er noch so mörderisch, grausam.

In Syrien und dem Irak sind Tausende Menschen den seltsamen Ideen des IS aufgesessen. Sie haben mitgemacht, weil der IS sie überzeugt hat; weil der IS jeden bekämpfte, der andersgläubig war, oder der irgendwie mit den Regimen in Bagdad oder Damaskus zusammenarbeitete - den Regimen, die jahrelang eine Politik der Diskriminierung betrieben hatten. So die Führung in Bagdad: Sie hat beispielsweise Schiiten in den Streitkräften gefördert, aber Sunniten Aufstiegschancen verwehrt. Das nutzte der IS, der ebenfalls sunnitisch ist, bot Sunniten die Möglichkeit, sich an Schiiten zu rächen.

Der ägyptische IS-Ableger hat eine andere Geschichte: Einfach gesagt war der Sinai schon lange ein Hort von Radikalen. Nach dem Sturz des Regimes von Hosni Mubarak 2011 wurde die Halbinsel immer instabiler. Und dann wurde der nächste ägyptische Präsident gestürzt - Mohammed Mursi, ein Muslim-Bruder, ein Islamist. Für die IS-Kämpfer auf dem Sinai Argument genug, die zu ermorden, die mit der jetzigen Führung in Kairo "kollaborieren". Sie kollaborieren ja mit den "Putschisten, denen, die den Islamisten gestürzt haben". Und wenn diese Kollaboration auch nur so aussieht, dass mehr als 200 fromme Menschen eine Moschee besuchen, in der ein staatlich anerkannter Prediger das Freitagsgebet hält. Das Attentat - ein Schlag gegen den Staat; Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte Sicherheit versprochen, konnte dieses Versprechen nun aber offenbar einmal mehr nicht halten. So etwas lässt gesellschaftliche Spaltpilze wachsen.

Nur funktionierende Gesellschaften können IS besiegen

Der IS lebt. Und er muss zweifellos weiter bekriegt werden. Parallel muss der ägyptische Staat das Land mit Augenmaß voranbringen. Neben dem Aufbau einer gesunden Wirtschaft ist die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nötig sowie der Kampf gegen die Willkür. Auf den Irak oder auf Syrien kommen noch viel größere Aufgaben zu: Die Gesellschaften dieser Länder müssen sich versöhnen, zusammenwachsen - wie auch immer. Streitkräfte, die schlagfähig sind, können den IS militärisch niederringen; aber nur die Bürger funktionierender Gesellschaften können religiös-verbrämte, mörderische Ideologien à la al-Qaida oder IS besiegen.

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