Kommentar /

Anschluss an die Moderne

Nationalversammlung in Paris stimmt für Homo-Ehe

Von Ursula Welter, Studio Paris

Die "Ehe für Alle" gehörte zu den Wahlversprechen von François Hollande.
Die "Ehe für Alle" gehörte zu den Wahlversprechen von François Hollande. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

Der amtsmüde Papst hat den Sozialisten die Show gestohlen. Sondersendungen aus Rom, Extraausgaben der Zeitungen haben die sogenannte "Homoehe" in den Hintergrund rücken lassen.

Das freilich dürfte weniger die Regierungsmehrheit nachdenklich stimmen, als die Kirche – denn soviel Publicity hätte sie sich in der Sache gewünscht, für ihre Argumente gegen das "Ehe- und Adoptionsrecht für alle".

Sie ist damit nicht durchgedrungen, so wenig wie die konservative Opposition, die mit einer Flut von Änderungsanträgen für dramatische Tage und Nächte im Parlament sorgen, das Projekt aber nicht stoppen konnte. Die Sozialisten sind vor einem Jahr mit einer breiten Mehrheit ausgestattet worden, eines ihrer Wahlversprechen hieß: Angleichung des Ehe- und Adoptionsrechts. Auch dafür sind sie gewählt worden.

Wer heute also in Frankreich noch gegen die feierliche Eheschließung homosexueller Paare vor dem schärpengeschmückten Bürgermeister argumentiert, ist in der Minderheit und hat den Zug der Modernität verpasst, den die Sozialisten gesellschaftspolitisch in Gang gesetzt haben.

Anders sieht es beim Adoptionsrecht aus, dort, wo die Kinder ins Spiel kommen. An dieser Stelle des heute verabschiedeten Gesetzes hätte eine Mehrheit der Franzosen gerne auf die Bremse getreten. Deshalb wird es für die Regierung erst wirklich spannend, wenn das geplante "Familiengesetz" auf den Tisch kommt. Wenn schwarz auf weiß zu lesen ist, wie der Zugang zur künstlichen Befruchtung für Ehepaare, dann auch für homosexuelle, geregelt werden soll. An dieser Frage scheiden sich auch sozialistische Geister. Entsprechend vorsichtig taktiert Staatspräsident François Hollande und wird notfalls den Ethikrat vorschicken.

Hollande möchte zeigen, dass Frankreich den Anschluss an die Moderne hält. Auch dafür soll das heute verabschiedete Gesetz stehen. Aber für viele Franzosen dreht sich die neue Welt zu schnell, nicht nur für jenes Drittel, das bei Wahlen radikalen Parteien die Stimme gibt.

Der Riss, der das Land im Streit um die "Homoehe" durchzogen hat, bricht an anderen Stellen deutlich brutaler auf. Dort, wo derzeit die eigentlichen Schlachten geschlagen werden . In den Werkshallen, in denen sich Streikende und Arbeitswillige an den Kragen gehen; vor den Konzernzentralen, wo nur Tränengas die Welle der Wut gegen die Unternehmer stoppen kann. Der industrielle Niedergang ist das eigentliche Thema, das Frankreich bewegt. Mit der sogenannten "Homo-Ehe" wird bald ein jeder seinen Frieden gemacht haben. Mit dem nötigen Umbau von Wirtschaft und Sozialsystem aber nicht.

Die Sozialisten werden sich noch zurücksehnen nach der breiten Mehrheit, die sie heute für ihr Gesellschaftsprojekt erhalten haben. Bei der anstehenden Arbeitsmarktreform, der angekündigten Rentenreform, wird das schon anders aussehen. Spätestens im Senat werden da die eigenen Leute blockieren. Vom Sturm auf den Straßen ganz abgesehen.

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