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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Manche Küstenregionen wird man nicht verteidigen können"13.02.2018

Anstieg des Meeresspiegels"Manche Küstenregionen wird man nicht verteidigen können"

Der Meeresspiegelanstieg sei nicht zu stoppen, sagte Stefan Rahmstorf, Professor für Ozeanografie und Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im Dlf. Er werde sich noch viele Jahrhunderte aufgrund der menschengemachten Erwärmung fortsetzen. US-Forschungsergebnisse haben dies erneut bestätigt.

Stefan Rahmstorf im Gespräch mit Jule Reimer

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Blick auf die maledivische Hauptstadt Male. (picture alliance / Natalia Seliverstova/Sputnik/dpa )
Durch den Klimawandel und den steigenden Meeresspiegel sind die Malediven vom Untergang bedroht – hier die Hauptstadt Male. Schon heute erleben die Inselbewohner, wie das Wasser kontinuierlich steigt. (picture alliance / Natalia Seliverstova/Sputnik/dpa )
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Jule Reimer: Der Meeresspiegel könnte als Folge der Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als doppelt so hoch steigen, wie bisher angenommen. Das haben Wissenschaftler der US-Universität von Colorado errechnet.

Stefan Rahmstorf ist Professor für Ozeanografie und Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er kennt die Studie der Kollegen aus den USA. Wir sind mit ihm verbunden in Potsdam. Herr Rahmstorf, was würde so ein Anstieg für die Küstenbewohner - und davon gibt es ja weltweit viele, da diese Regionen besonders dicht besiedelt sind - bedeuten?

Stefan Rahmstorf: Guten Tag, Frau Reimer! Lassen Sie mich zuerst etwas korrigieren, was in vielen Medienberichten und auch in Ihrer Anmoderation und dem eben genannten Beitrag gesagt worden ist: Dort hieß es ja, der Meeresspiegel könnte mehr als doppelt so viel steigen wie bisher angenommen. Das ist einfach falsch. Das steht auch nicht in der Studie. Ich weiß gar nicht, woher diese Auslegung kommt, sondern zunächst beschäftigt sich diese Studie damit, was in der Vergangenheit passiert ist, mit den letzten 25 Jahren, und da zeigen die Satellitenmessungen, dass der Meeresspiegelanstieg sich beschleunigt, und dann sagen die Autoren in der Studie weiter, wenn diese Beschleunigung so weitergeht, dann kommen wir auf etwa 65 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts, und das ist völlig konsistent mit dem, was der Weltklimarat auch in seinem letzten Bericht vor Jahren schon vorhergesagt hat, und nicht doppelt so hoch oder so.

Genau so ist das auch, der Weltklimarat hat gesagt, bei ungebremsten weiteren Emissionen landen wir bis Ende des Jahrhunderts etwa zwischen 50 und 95 Zentimetern Anstieg, und selbst wenn wir voll auf die Bremse treten, also das Pariser Abkommen einhalten, die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen, dann landen wir immer noch so bei etwa 25 bis 60 Zentimeter. Die jetzt gemessene Beschleunigung in dem tatsächlichen Meeresspiegelverlauf passt eben genau zu dem, was bisher schon für verschiedene Emissionsszenarien vorhergesagt worden ist.

Vor der Industrialisierung blieb Meeresspiegel stabil

Reimer: Die Interpretation kam zustande, weil der Informationsstand war, Meeresspiegel steigt derzeit circa drei Millimeter pro Jahr, und dann würde man bei 30 Zentimetern möglicherweise nach derzeitigem Stand...

Rahmstorf: So kann das zustande kommen. Aber natürlich wird es immer wärmer, und dadurch schmilzt das Eis immer schneller und der Meeresspiegel beschleunigt sich, auch das war übrigens schon vorher bekannt. Wir wissen, dass in den letzten zweieinhalb- bis dreitausend Jahren vor Beginn der Industrialisierung der Meeresspiegel stabil war, dann begann er allmählich zu steigen, zu Beginn des Jahrhunderts mit etwa einem Zentimeter pro Jahrzehnt, jetzt sind wir bei drei Zentimeter pro Jahrzehnt. Das wussten wir schon anhand der Küstenpegeldaten. Neu ist jetzt nur, dass innerhalb der relativ kurzen Satellitenmessperiode, also innerhalb der letzten 25 Jahre, auch bereits die Beschleunigung nachweisbar ist.

"Je höher der Meeresspiegel, desto höher laufen Sturmfluten"

Reimer: Und was bedeutet das für die Küstenregionen?

Rahmstorf: Das bedeutet eben, dass zunächst mal, dass natürlich Sturmfluten zunehmen. Das haben wir ja bei Hurrikan Sandy 2012 gesehen, der die New Yorker U-Bahn unter Wasser gesetzt hat. Je höher der Meeresspiegel steigt, desto höher laufen eben auch Sturmfluten auf. Man kann sich entweder schützen durch Deiche – das wird ja auch gemacht, Schleswig-Holstein zum Beispiel baut sogenannte Klimadeiche, die man so breit baut, dass sie später stark noch erhöht werden können, wenn der Meeresspiegel weiter steigt –, und manche Küstenregionen wird man nicht verteidigen können, und aus denen wird man sich zurückziehen müssen.

Reimer: Sagen Sie ganz kurz noch, muss es so kommen?

Rahmstorf: Jein.

"Den Meeresspiegelanstieg können wir nicht stoppen"

Reimer: Ganz kurz.

Rahmstorf: Wir können die globale Erwärmung stoppen, wenn wir das Pariser Abkommen konsequent umsetzen, aber den Meeresspiegelanstieg können wir nicht stoppen, sondern der wird noch viele Jahrhunderte bis Jahrtausende weiterlaufen aufgrund der Erwärmung, die wir jetzt schon verursacht haben. Wir können aber verhindern, dass er sich noch stark weiter beschleunigt.

Reimer: Stefan Rahmstorf, Professor für Ozeanografie und Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, vielen Dank für diese Informationen!

Rahmstorf: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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