• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 21:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellVielfältiges Leben unter dem Eis09.01.2017

AntarktisVielfältiges Leben unter dem Eis

Bis vor einigen Jahren schien die Antarktis als lebensfeindlicher und gewaltiger Eisklotz. Doch mittlerweile ist klar: Unter der dicken Eisschicht gibt es mikrobielles Leben. In einem eisbedeckten Salzsee in der Ostantarktis sorgen Mikroorganismen für ein besonderes Naturschauspiel.

Von Dagmar Röhrlich

Der Taylor-Gletscher in der Antarktis. (AFP/ Mark Ralston)
Der Taylor-Gletscher in der Antarktis. (AFP/ Mark Ralston)
Mehr zum Thema

Gletscherschmelze in Grönland Das Eis im Nordosten wird dünner

Das Ende der Ewigkeit Grönlands Gletscher schmelzen

Von Zeit zu Zeit fließt stark salzhaltige Lauge durch Spalten in der Gletscherzunge. Wenn sie austritt, erscheint das Wasser transparent, doch sobald es mit dem Luftsauerstoff in Berührung kommt, oxidiert das viele Eisen darin, es rostet und färbt das Wasser blutrot, was den Namen Blood Falls erklärt.  

Woher dieser Blutfall sein Wasser bekommt, sei unklar, beschreibt Slawek Tulaczyk von der University of Santa Cruz:

"Wir wissen wenig über die Hydrologie in diesem Teil der Antarktis, so dass die Quelle derzeit mysteriös ist. Meiner Meinung nach könnte es sich um den Ausfluss eines großräumigen Aquifers unter dem Eis handeln, in dem das Wasser sehr langsam fließt. Angesichts der chemischen Zusammensetzung vermute ich, dass das Wasser des Blood Falls System sehr alt ist, unter dem Gletscher seit Millionen Jahren von der Außenwelt abgeschlossen ist." 

Aquifer könnten Zeugnis wämerer Zeiten sein

Das Wasser sei zwei- bis dreimal so salzig wie Meerwasser, erklärt Jill Mikucki von der University of Tennessee:

"Das Wasser der Blood Falls ist extrem salzhaltig, es enthält keinen Sauerstoff und bleibt selbst bei minus sieben Grad flüssig. Darin leben hoch spezialisierte Bakterien, die wenigen "Arten" angehören. Dass sie mit im Meer lebenden Mikroorganismen verwandt sind, macht angesichts der Wasserchemie Sinn und könnte ein marines Erbe widerspiegeln."

Dieser Aquifer in der Ostantarktis könnte Zeugnis wärmerer Zeiten sein, als das Meer tief in die Täler eingedrungen war. In der Westantarktis gibt es solche Stellen, wie die Sedimente unter dem mehrere hundert Meter mächtigen Whillans-Eisstrom beweisen. Dort wird ein zweites Ökosystem erforscht - das des subglazialen Lake Whillans:

"An der Basis dieses schnell fließenden Gletschers entsteht viel Schmelzwasser, das sich unter dem Eis in Seen sammelt. Wird der Druck zu hoch, fließt es über subglaziale Flusssysteme in den nächsten See und schließlich ins Meer. Das Wasser des Lake Whillans enthält etwas Sauerstoff und entspricht von seiner Chemie her dem eines Alpensees. Anders als in Blood-Falls müssen die Mikroorganismen hier also mit einer Knappheit an Nähstoffen umgehen."

Das ist jedoch einfacher als der Kampf gegen hohe Salzkonzentrationen, und so ist die Vielfalt in Lake Whillans höher als in den Blood Falls:

"Im Wasser der Blood Falls sehen wir unter dem Mikroskop nur stäbchen- oder kugelförmige Bakterien. In Lake Whillans hingegen gibt es alle möglichen Formen. Wir haben mit Lake Whillans ein sehr viel produktiveres System vor uns."

Mikrobengemeinschaften hängen nicht von der Sonne ab

Eher tröpfelnde Wasser unter dem Taylor Gletscher gegen fließendes unter dem Whillans-Eisstrom, wo das Wasser nicht nur kaum salzhaltig ist, sondern mit Temperaturen knapp unter Null Grad auch beträchtlich wärmer: Schon der Vergleich dieser beiden Ökosysteme lässt eine große Vielfalt subglazialer Lebensräume vermuten. Es dürfte so etwas wie Sümpfe geben, Flüsse oder Seen... - aber eines dürfte immer gleich sein:  

"Wenn wir uns die Mikrobengemeinschaften in diesen beiden Ökosystemen so ansehen, dann haben sie trotz aller Unterschiede dieselbe Triebfeder: Sie hängen nicht von der Sonne ab, sondern von chemischer Energie."

Und sie könnten allesamt vom Erbe wärmerer Zeiten profitieren, urteilt Jill Mikucki. Die Antarktis sei jedenfalls alles andere als ein lebensfeindlicher Kontinent.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk